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Starke ARD-Doku heute Abend Nordkoreas Diktator Kim Jong Un spricht gut Deutsch

Von Joachim Schmitz


Osnabrück . Wie wurde Nordkoreas Diktator Kim Jong Un das, was er ist? Und wie gefährlich sind seine Raketen tatsächlich? ARD-Reporter Klaus Scherer bereichert unser Bild von einem der größten Rätsel der Gegenwart heute Abend mit einer höchst sehenswerten TV-Reportage.

Weil man bei jemandem wie Kim Jong Un immer damit rechnen muss, dass sich noch etwas Gravierendes ereignet, hat Scherer seinen Film erst auf den letzten Drücker fertiggestellt. Wir haben ihn bei der Sprachaufnahme Ende letzter Woche im Hamburger NDR-Studio besucht.

Es ist wie immer vor Olympischen Spielen und Fußball-Weltmeisterschaften: Die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender fluten ihre Programme mit Filmen über Land und Leute. Diesmal sieht das allerdings etwas anders aus als sonst: Obwohl die Spiele in Südkorea stattfinden, handeln die Dokus und Reportagen überwiegend von Nordkorea. Und nicht Folklore steht im Mittelpunkt, sondern Raketen und Bomben. Denn der „böse“ kommunistische Bruder des Gastgebers in Gestalt des säbelrasselnden Diktators Kim Jong Un droht der Welt und insbesondere den verhassten USA regelmäßig mit einem Atomkrieg.

Anderer Ansatz

Und er lässt offenbar zunehmend westliche Journalisten ins Land. ZDF und 3sat berichteten bereits ausführlich und interessant aus Nordkorea, Arte folgt morgen mit einem ganzen Themenabend. Und heute gibt’s im Ersten Klaus Scherers Film „Nervenkrieg um Nordkorea – Was treibt Kim Jong Un?“ Mit einem etwas anderen Ansatz – er hat nicht das Land besucht, sondern weltweit Experten, Zeitzeugen und Diplomaten, die die Gefahr bewerten. (Weiterlesen: UN-Bericht: Nordkorea umgeht Sanktionen)

„Ich habe viermal in Nordkorea gedreht, zuletzt 2004,“ berichtet Scherer im Gespräch mit unserer Redaktion. Es sei immer die gleiche Prozedur gewesen: „Man beantragt ein Visum, nennt Themen, bekommt erst mal keine Antwort. Dann kommt eine, aber mit ganz anderen Themen: Mausoleum, Nationalzirkus, Kindergärten. Auch waren immer Aufpasser dabei, und was wir drehen konnten, schien immer vororganisiert, wenn nicht inszeniert. Das muss man miterzählen, aber sich auch immer fragen, wie sehr man sich damit schon auf das Regime einlässt. Fest steht: Zum Raketenprogramm hätte ich da nichts bekommen.“

Was sagen Experten?

Deswegen gibt es in Scherers Film nicht die üblichen aus einer Tasche heraus heimlich gedrehten Bilder, die das Regime zwar ärgern, die es aber wohl dennoch wissentlich in Kauf nimmt. Sein Ansatz sei ein anderer gewesen, sagt der renommierte Reporter: „Wie erkennen Experten auf den wenigen Bildern, die wir von den Raketenstarts und -tests haben, was Kim Jong Un tatsächlich hat? Und was wissen wir eigentlich nicht oder nicht so genau? Der zweite Ansatz war, Diplomaten zu fragen: Wie habt Ihr früher mit dem Regime verhandelt und was kann man daraus lernen?“

Auch wenn die Bedrohung durch den Diktator weltweit und vor allem in den USA sehr ernst genommen wird, sind deutsche Experten eher skeptisch. Wie der Raketenbauingenieur und langjährige Waffeninspekteur der Uno, Robert Schmucker. Als Schmucker mit Fotos der nordkoreanischen Raketen konfrontiert wird, meint er lakonisch: „Schaut aus wie aus dem Baumarkt.“

Schulzeit in der Schweiz

Ebenso wie der Münchner Rüstungsexperte Markus Schiller ist er aber auch der Überzeugung, dass Nordkorea Hilfe und Lieferungen von außen, vor allem aus der ehemaligen Sowjetunion bekommen hat. Auch Deutschlands Rolle ist nicht über alle Zweifel erhaben.

Scherer hat aber auch den Schweizer Lehrer Michael Riesen vor die Kamera bekommen. Der hat Kim Jong Un während dessen mehrjähriger Ausbildung in Liebefeld bei Bern unterrichtet und als „ganz normalen Jungen“ kennengelernt, der am liebsten Fanartikel seiner Basketballidole aus der amerikanischen NBA trug. „Wir wissen jetzt, dass er kein Hinterwäldler aus Nordkorea war, sondern gut deutsch sprach, mit MP3-Player und teuren Sportklamotten ausgestattet war,“ sagt Scherer.

Kleinkinder verhungern

Offiziell hieß es damals, er sei der Sohn eines Botschaftsmitarbeiters. Doch, so Scherer weiter, „es gab eine Gesichtsvermessung, mit der die Züge des damaligen Kindes mit denen des späteren Machthabers verglichen wurden – und man kann zu nahezu 100 Prozent davon ausgehen, dass es ein und dieselbe Person ist. Wer also meint, Kim Jong Un sei ein Steinzeitkommunist, der noch nichts anderes gesehen hat als Nordkorea und sich deshalb auch so verhält, täuscht sich. Er war mal ein weltläufiger junger Mann.“ Selbstbewusst, aber nicht vorlaut, wie sein Lehrer sagt. Klaus Scherer aber macht auch deutlich: „Während der junge Kim seine Nikes aufträgt, verhungern in Nordkorea Kleinkinder, weil ihre Mütter keine Milch haben.“

Insgesamt gelingt dem ARD-Reporter ein höchst differenziertes, kenntnisreiches und gut recherchiertes Porträt des Diktators und seines Regimes. Und er zeigt auf, wie wenig die Sanktionen gegen Nordkorea greifen, wenn an einem Tag bis 300 Vierzigtonner nahezu unkontrolliert einen chinesisch-nordkoreanischen Grenzübergang passieren. Das Rätsel Kim Jong Un endgültig lösen kann auch dieser Film nicht, aber er hilft dabei, einiges besser zu verstehen.

Nervenkrieg um Nordkorea – Was treibt Kim Jong Un? Das Erste, Montag, 5. Februar 2018, 22.45 Uhr. In der ARD Mediathek ist der Film bereits ab 18 Uhr zu sehen.


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