„Ich bin rastlos“ Volker Schlöndorff hat seinen ersten Fernsehkrimi gedreht

Von Reinhard Lüke

Sowohl für Regie als auch für das Drehbuch des Krimis mit Devid Striesow als Ludwig Winther (links) und Thomas Thieme als Jakob Franck (rechts) zeichnet Volker Schlöndorff verantwortlich. Foto: ZDF/Conny KleinSowohl für Regie als auch für das Drehbuch des Krimis mit Devid Striesow als Ludwig Winther (links) und Thomas Thieme als Jakob Franck (rechts) zeichnet Volker Schlöndorff verantwortlich. Foto: ZDF/Conny Klein

Osnabrück. Er hat mit Weltstars gedreht und für seine rund vierzig Kinofilme zahlreiche Preise gewonnen. Jetzt hat Volker Schlöndorff mit „Der namenlose Tag“ nach einem Roman von Friedrich Ani erstmals einen Fernsehkrimi mit einem famosen Thomas Thieme in der Hauptrolle inszeniert.

Es kommt nicht alle Tage vor, dass ein Oscar-Preisträger einen Film für das deutsche Fernsehen inszeniert. Auch Volker Schlöndorff, 1979 für seine Verfilmung von „Die Blechtrommel“ ausgezeichnet, hat seine rund 40 Filme fast ausnahmslos für das Kino gedreht. Und der international renommierte Regisseur macht auch gar keinen Hehl daraus, dass seine Liebe nach wie vor der großen Leinwand gehört. Dennoch hat er nun für das ZDF den Film „Der namenlose Tag“ inszeniert. Einen Krimi nach dem gleichnamigen Roman von Friedrich Ani. „Dabei mag ich dieses Genre eigentlich weder als Leser noch als Zuschauer besonders“, so Schlöndorff im Gespräch mit unserer Redaktion, „Und was den deutschen Fernsehkrimi angeht, bin ich überhaupt nicht auf dem Laufenden, weil ich mir im Fernsehen fast nur Nachrichten und Dokumentationen anschaue. Aber eigentlich ist das Buch von Ani ja auch kein klassischer Krimi.“ Was fraglos richtig ist. Denn wie in allen Romanen des Münchner Autors geht es weniger darum, irgendeinen Schurken eines Verbrechens zu überführen, als um die minutiöse Auslotung menschlicher Existenzen.

Existenzen wie des pensionierten Kriminalhauptkommissars Jakob Frank, der immer dann gefragt war, wenn es Angehörigen schmerzliche Nachrichten zu überbringen galt. Auch im Ruhestand lässt den allein lebenden Mann die Vergangenheit nicht los. Ein aufgebrachter Vater steht eines Abends vor seiner Tür und bezichtigt ihn, für den Selbstmord seiner Ehefrau verantwortlich zu sein. Denn diese habe sich das Leben genommen, weil sie nicht verkraftet habe, dass der Tod der gemeinsamen Tochter zwei Jahre zuvor von der Polizei fälschlicherweise als Suizid zu den Akten gelegt worden sei. Dabei sei es doch eindeutig Mord gewesen. Frank nimmt die Ermittlungen zum Tod des Mädchens wieder auf. Schon weil er als Überbringer der schlimmen Nachricht seinerzeit dessen Mutter über Stunden schweigend im Arm gehalten hatte.

An der Seite von Devid Striesow und Ursina Lardi verkörpert Thomas Thieme den melancholischen (Un-)Ruheständler und drückt der Figur in seiner unnachahmlichen Mischung aus Physis und Sensibilität seinen Stempel auf. Ein Charakter, dem sich Volker Schlöndorff schon während der Lektüre des Buches verbunden fühlte. „Schließlich kenne ich das aus meinem eigenen Leben“, so der 78-Jährige. „Denn eigentlich bin ja längst in einem Alter, in dem ich mich zur Ruhe setzen könnte, schaffe es aber nicht. Genau wie dieser Jakob Frank streife ich rastlos durch die Gegend und versuche immer noch, die Menschen zu verstehen.“

Volker Schlöndorff zeichnet bei diesem außergewöhnlichen Krimi nicht nur für die Regie verantwortlich, sondern hat auch das Drehbuch verfasst und dabei gegenüber der Romanvorlage zwei markante Änderungen vorgenommen. Zum einen hat er die Geschichte von München nach Erfurt verlegt, weil er, so Schlöndorff, „unbedingt Thomas Thieme als Hauptdarsteller wollte, der aber keinen glaubwürdigen bayrischen Kommissar abgegeben hätte.“ Für die zweite Änderung hat er eher pragmatische Gründe: „Im Buch umfasst die Geschichte einen Zeitraum von zwanzig Jahren, den ich auf zwei Jahre verkürzt habe. Im anderen Fall hätten wir für alle Figuren eine zweite Besetzung gebraucht. Was die Sache meines Erachtens unnötig verkompliziert hätte.“ Und vermutlich auch verteuert hätte. Doch auch sonst hat der Regisseur viel dafür getan, das übliche Budget für solch einen Fernsehfilm nicht zu sprengen. So hat er wesentlich weniger Material als viele seiner Kollegen gedreht. Was er auf seine Erfahrung und intensive Proben vor dem Fall der Klappe zurückführt.

Dennoch ist auch Schlöndorffs erster Fernsehkrimi einmal mehr eine Literaturverfilmung. Denn auch fürs Kino hat der Filmemacher, der sein Handwerk in den 1960er Jahren in Frankreich bei Regisseuren wie Louis Malle, Jean-Pierre Melville und Alain Resnais erlernte, immer wieder auf literarische Vorlagen zurückgegriffen. Die Reihe der Werke reicht von seinem Debut „Der junge Törless“ über „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, „Eine Liebe von Swann“ und „Homo Faber“ bis zu seinem letzten Film „Rückkehr nach Montauk“. „Dieses Literatur-Faible ist ein bisschen wie ein Fluch“, so Schlöndorff. „Immer wenn ich mit einem Film fertig bin, nehme ich mir vor, den nächsten nach einem Original-Drehbuch zu machen. Aber dann kommt mir doch wieder irgendein Roman dazwischen.“ Aber womöglich flattern ihm nach „Der namenlose Tag“ reihenweise Drehbücher für Krimi-Reihen ins Haus. Volker Schlöndorff winkt ab: „Das glaube ich eher nicht und ich hätte auch keine besondere Lust, mich in diesem Genre zu etablieren. Da würde mich schon eher eine hochkarätig produzierte Serie reizen, wie sie ja derzeit überall gedreht werden. Da gibt es auch schon Gespräche, aber die Sache ist noch nicht spruchreif.“