Interview mit dem Schauspieler Florian Bartholomäi - der häufigste Mörder der Tatort-Geschichte

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Kaum vorstellbar, dass dieser durch und durch sympathische Mensch offenbar der Lieblingsmörder deutscher Regisseure ist. Am Sonntag ist Florian Bartholomäi bereits zum achten Mal als Mörder in einem Tatort zu sehen – diesmal weiß es der Zuschauer gleich von Beginn an. In einem Berliner Restaurant erzählt der 31-Jährige von der Annäherung an das Böse, Stationen seiner außergewöhnlichen Karriere, seiner Liebe zum Kampfsport und einer Auszeit in Serbien:

Herr Bartholomäi, für jemanden, der quasi in Serie mordet, machen Sie einen ausgesprochen ungefährlichen Eindruck.

Das freut mich (lacht). Natürlich hängt mir mittlerweile der Ruf an, dass ich die Bösewichte ganz gerne spiele und das wohl auch ganz gut mache. Es ist ja immer wieder erschreckend, wenn tatsächlich Morde passieren, und der Täter war dann ein Nachbar, dem niemand so etwas zugetraut hätte. Vielleicht falle ich genau in diese Kategorie Mensch, denen man ein Verbrechen nicht zutraut. Für mich als Schauspieler ist es auf jeden Fall total spannend, Figuren zu spielen, die sehr weit weg von mir sind. Weiter weg als dieser Markus Graf im Dortmunder Tatort könnte es gar nicht sein.

Das finden Sie spannend?

Ja, natürlich. Da muss ich erst mal Anknüpfungspunkte finden, wie man Gefallen an einem derart ausgeprägten Sadismus und Sarkasmus findet. In England lief letztes Jahr die zweite Staffel von „The Missing“, wo ich einen ganz lieben Polizisten spiele. Als ich den Engländern erzählte, dass ich in Deutschland häufig als der Bösewicht besetzt werde, wollten die es gar nicht glauben und meinten: Wirklich? Du bist doch so ein netter Typ.

Aber Sie haben es durchaus drauf, gefährlich und furchteinflößend zu wirken. Trainieren Sie den bösen Blick?

(lacht) Man muss in solchen Momenten einfach davon überzeugt sein, dass man ein böser Mensch ist. Erst wenn ich es mir selbst glaube, werden es mir auch andere abnehmen. Und es geht in solchen Szenen auch darum, wer König ist und wer der Diener. Soll heißen: Um einen Bösewicht zu erzählen, braucht es auch diejenigen, die ihn als Bösewicht anerkennen.

Wie funktioniert die Annäherung an das Böse?

Das kommt immer auf die Rolle an. Ich habe mich viel mit den Tschechow-Methoden beschäftigt.

Womit?

Tschechow-Methoden sind psycho-physische Übungen, bei denen man lernt, wie man durch gewisse Körperübungen in Stimmungen hineinkommt, damit man nicht nur alles mit dem Kopf denkt, sondern es auch fühlt. Das sind Techniken, die bei Film- und Fernseharbeiten sehr gut funktionieren. Es gibt aber auch Methoden, bei denen man sich Fotos anschaut. Wenn ich einen Psychopathen spiele und mir längere Zeit ein Bild von Charles Manson ansehe und versuche, es zu kopieren, wie ein Kind nachzumachen, dann kann das helfen.

Worum ging es bei der Rolle des Markus Graf im Dortmunder Tatort?

Um seinen Spaß am Sadismus. Er liebt es ja, Leute intellektuell aufzuspießen und fertigzumachen. So etwas gibt es ja tatsächlich, und in einigen Berufen ist es verheerend: Lehrer oder Ausbilder zum Beispiel – wenn die jemanden bloßstellen, nur weil sie intellektuell überlegen sind, ist das fatal. Ich kenne auch Kollegen und Regisseure, die dazu fähig wären, sich aber bewusst dagegen entschieden haben.

Wie würden Sie diesen Markus Graf beschreiben?

Ein absoluter Narzisst, ein Psychopath, der seine Empathie an- und abschalten kann wie er will. Er ist sehr intelligent, rachsüchtig, durchtrieben. Einfach ein richtig ekliger Mensch. Ich finde es ganz schön, dass wir da den Realismus zu einem kleinen Teil verlieren und diesen Markus Graf wie einen artifiziellen Bösewicht zeigen. Dieser Widerling will den Kommissar fertigmachen, sein Leben zerstören. Und er hat immer noch nicht gesagt, ob er nun wirklich Fabers Frau und Kind umgebracht hat, das macht Faber natürlich wahnsinnig. Durch dieses Artifizielle ist der Tatort wiederum auch unterhaltend, sonst wäre es einfach nur noch widerlich.

Entwickeln Sie mal Verständnis für solche Figuren? Im 1000. Tatort haben Sie auch einen Menschen getötet – und dazu gesagt, Sie könnten Ihre Figur nicht verurteilen.

Dieser Kerl hat mir sogar unfassbar leid getan, weil er eigentlich ein sehr gutes Gerechtigkeitsempfinden hat. Sein Chef beim Bund hatte ihn ausgetrickst, die Freundin ausgespannt und er hat seinen Job verloren, kann seiner Freundin aber nicht sagen, was passiert ist. Ihm ist eine wahnsinnige Ungerechtigkeit widerfahren, da kann ich diese unterdrückte Wut gut nachvollziehen. Außerdem muss man seine Figur ja auch irgendwie lieben, sie reizvoll finden. Für mich war das kein böser Mensch, sondern irgendwie auch ein Opfer. Dass er dann durchdreht und einem anderen Menschen das Genick bricht, ist natürlich dennoch absolut verurteilenswert.

Noch mal zum neuen Tatort: Sie haben „Tollwut“ größtenteils in einem alten Knast in Magdeburg gedreht – wie war das denn?

Absolut deprimierend. Diese hohen Mauern, der Stacheldraht, diese winzigen Zellen. Wenn man da drin ist, es macht jemand die Tür von außen zu und man sitzt da eine Weile, ist es der Wahnsinn. Mein Gott, was machst Du nur hier drin? Du langweilst Dich zu Tode. Das macht diesen schlimmen Freiheitsverlust erst erlebbar.

Also eine bedrückende Erfahrung?

Nicht nur. Unter den Komparsen waren einige, die in dem Gefängnis zu DDR-Zeiten als politische Gefangene eingesessen hatten. Die zeigten uns dann, wo damals ihre Zelle war und fanden es toll, nach 25 Jahren als freie Menschen mal wieder da zu sein. Das Gefängnis ist übrigens mittlerweile stillgelegt, weil die Kriminalität in Magdeburg so gering ist, dass man es nicht mehr braucht. Als Drehort hat sich dieser Knast aber wunderbar geeignet, nachdem wir in Nordrhein-Westfalen keinen passenden Knast gefunden hatten.

Sind Sie eigentlich im wirklichen Leben schon mal einem Mörder begegnet?

Ich glaube, dass wir alle mehr Mördern begegnet sind als wir meinen. Die letzte Kriegsgeneration stirbt zwar langsam aus, aber da hat man auf jeden Fall Leute getroffen, unter denen auch Mörder waren. Bewusst bin allerdings noch keinem Mörder begegnet, und ich hatte auch noch nie zur Vorbereitung einer Rolle ein Gespräch mit einem Mörder.

Jetzt waren Sie ja schon in den unterschiedlichsten Tatort-Folgen zu sehen – welche gefallen Ihnen als Zuschauer am besten?

Die Dortmunder mag ich wirklich sehr gerne, weil sie auch als Miniserie funktionieren. Außerdem finde Jörg Hartmann als Faber ganz toll, gerade weil er so ein Antiheld ist. Ein Ermittler muss auch mal das genaue Gegenstück zum Bösewicht sein, er muss ihn verstehen können. Diese Nähe hat der Faber. Außerdem mag ich die Münchner ganz gerne, die sind neben den Dortmundern mein Lieblings-Team.

Zwischen den beiden Dortmunder Tatort-Folgen, in denen Sie als sadistischer Mörder Markus Graf zu sehen sind, liegen vier Jahre. Ist das nicht zu lange, um eine Folge auf die andere aufzubauen?

Ich glaube auch, dass es zu lang ist. Wenn es noch einen dritten mit Markus Graf geben sollte, darf man auf keinen Fall noch mal so lange warten. Andererseits ist Graf ja im Gefängnis gelandet, so gesehen ist der Abstand auch wieder nicht so schlimm, selbst wenn es einige Zuschauer vergessen haben sollten. „Tollwut“ funktioniert ja auch, ohne dass man „Auf ewig Dein“ gesehen hat.

Haben Sie sich durch Ihre vielen Morde im Tatort eigentlich eine Zukunft als Tatort-Kommissar verbaut?

Darüber haben andere zu entscheiden, Markus Graf jedenfalls wird bestimmt kein Kommissar mehr (lacht). Ich bin so einer Rolle als Tatort-Kommissar gegenüber total offen, aber vielleicht noch ein bisschen zu jung für die Mordkommission. Dafür wäre ein bisschen mehr Lebenserfahrung nicht schlecht. Momentan gefällt es mir noch ganz gut, als Einzelgänger durch die Filmlandschaft zu streifen und mir meine einzelnen Rollen projektweise zu holen, ehe ich mich auf ein Serien-Engagement einlasse. Aber natürlich bin ich sehr interessiert, Ermittlerrollen kann man sehr spannend anlegen.

In der BBCone-Serie „The Mission“ haben Sie schon eine Ermittlerrolle. Wie sind Sie da rangekommen?

Über ein E-Casting. Das habe ich mit einem ehemaligen Mitbewohner von mir aufgenommen. Später gab’s dann eins dieser Castings, bei denen man es nicht glauben möchte. Man kommt rein, spielt eine Szene zweimal, es dauert zehn Minuten, und der Regisseur sagt: Super, danke. Ich hab nur gedacht: Das ging jetzt aber sehr schnell. Und dann kam der Anruf: Du hast die Rolle. Ich hab mich riesig gefreut, mit fantastischen Kollegen zusammenarbeiten und eine ganz andere Arbeitsweise kennenlernen zu dürfen.

Zum Beispiel?

Das Niveau beim englischen Fernsehen ist sehr hoch und die Internationalität völlig normal. Wenn da ein Inder oder ein Chinese auftaucht, fragt niemand, wo kommt der denn her? Die kommen aus London, woher denn sonst? Ich fände es schön, wenn’s beim deutschen Fernsehen auch so wäre.

Warum?

Ich bin in Frankfurt groß geworden, wo 25 Prozent der Leute eine andere Herkunft haben als ich. Ich bin mit Türken und Arabern aufgewachsen, und das war eine ganz fantastische Erfahrung. Deswegen fände ich es toll, wenn Städte wie Berlin, Frankfurt oder Köln auch im Film multikulturell rüberkommen. Die Engländer sind da einen Schritt weiter, aber das deutsche Fernsehen zieht langsam nach.

Was gibt es sonst für Unterschiede zwischen dem Arbeiten in England und Deutschland?

Die Engländer haben eine funktionierende Gewerkschaft. Wenn um acht Uhr Drehschluss ist, dann ist auch um punkt acht Uhr Drehschluss. Das ist in Deutschland nicht der Fall, da haben sich die Überstunden etabliert. Bei uns ist die am besten funktionierende Gewerkschaft die der Beleuchter, die dann irgendwann ab einer gewissen Stundenanzahl sagen, dass es jetzt reicht. Ansonsten gibt’s von den Arbeitsabläufen kaum Unterschiede.

Viele Schauspieler spielen lieber die Bösen als die Guten – Sie auch?

Die liebsten Rollen sind mir eigentlich diejenigen, bei denen gar nicht klar ist, ob die Figur jetzt gut oder böse ist. Es fordert ja auch das Publikum, wenn man nicht genau unterscheiden kann. Wenn jemand krumme Dinger macht und man ihn trotzdem irgendwie leiden und verstehen kann, ist das doch viel interessanter als Schwarz-Weiß-Malerei. Solche Rollen machen natürlich sehr viel Spaß.

Was Sie im Tatort schon angerichtet haben, reicht ja mindestens für siebenmal lebenslänglich mit anschließender Sicherheitsverwahrung. Was haben Sie selbst denn so auf dem Kerbholz?

(lacht) Ich habe keine Vorstrafen und versuche selbst, Strafzetteln wegen Falschparkens aus dem Weg zu gehen, auch wenn mir das nicht immer gelingt. Geblitzt werde ich auch manchmal, aber ansonsten habe ich mir noch nichts zu Schulden kommen lassen und habe es auch nicht vor. Ich lebe privat ein gutes und ruhiges Leben und kann alle Schlechtigkeiten dieser Welt im Beruf wunderbar ausleben.

Schon Ihre allererste Rolle war ja nicht gerade die seines Sympathieträgers. In „Kombat 16“ haben Sie einen Kampfsportler gespielt mit Neigung zur rechten Szene. Wie sind Sie damals an diese Rolle gekommen?

Über den Kampfsport. Ich war in Frankfurt an der Schule, hatte mit Schauspielerei nichts zu tun und wusste auch noch nicht, was ich mal beruflich machen will. Ich war 16 und hatte keine großen Pläne. Und dann kam mein Taekwondo-Trainer mit einem Flyer, auf dem ein Hauptdarsteller gesucht wurde. Es gab eine kurze Rollenbeschreibung, in der stand, dass man nicht spielen, aber den Sport können muss.

Sie haben damals Taekwondo gemacht?

Ja, mich hatte die Kampfkunst schon als kleines Kind interessiert. Wir haben schon als Jungs auf Dachböden trainiert, obwohl mich meine Eltern nicht in einen Verein haben gehen gelassen, weil sie dachten, ich würde mir wehtun und mich verletzen. Bis eine Arbeitskollegin meinen Eltern sagte, dass sie Taekwondo macht. Da durfte ich dann mal zum Probetraining mitgehen und bin dageblieben. Als ich dann später nach Berlin zog, bin ich durch mehrere Vereine gegangen, habe aber erst vor einigen Jahren einen Trainer gefunden, bei dem ich bis heute regelmäßig bin. Allerdings mache ich mittlerweile nicht mehr Taekwondo, sondern Wing Tai. Und ich trainiere heute selber Kinder, damit sie sich wehren können und nicht mit fremden Leuten mitgehen.

Sind Sie schon mal in eine Situation gekommen, in der Sie Ihre Kampfkunst zur Selbstverteidigung anwenden mussten?

Ja, sowohl in Frankfurt als auch hier in Berlin. Rangeleien oder Schubsereien kommen schon mal vor. Dann hilft es natürlich, so etwas wie einen Fahrplan zu haben, sich gut einschätzen und dadurch entspannter mit der Situation umgehen zu können. Heute hilft mir die Kampfkunst auch, als Schauspieler meinen Körper als Instrument zu verstehen und nicht so tollpatschig durch die Gegend zu laufen.

Was war damals Ihre Rolle in „Kombat 16“?

Ein Junge, der von Frankfurt (Main) nach Frankfurt (Oder) zieht, deswegen nicht an der hessischen Landesmeisterschaft teilnehmen kann und sehr frustriert ist. Er kommt dann nach Frankfurt (Oder), hat keine Freunde und driftet ab in die rechtsradikale Szene. Ich war zu der Zeit auch extrem frustriert, weil ich eine Fußverletzung hatte und deswegen nicht an Wettkämpfen teilnehmen konnte. Das hat mich wahnsinnig gemacht.

Und Sie haben sich mit der Rolle identifiziert?

Sie haben mir zum Casting das Drehbuch geschickt, 120 Seiten, das habe ich nicht gelesen. Ich war 16, da liest man keine 120 Seiten Drehbuch. Heutzutage denke ich auch: Hättest du doch mal lesen können. Wie auch immer – ich wurde zum ersten Casting eingeladen, wurde dreieinhalb Stunden gecastet und habe dann zweieinhalb Monate gar nichts gehört. Und dann rief die Casterin an: Flo, magst du noch mal kommen? Es sind noch drei Kandidaten im Spiel.

Und?

Dann wurde ich elf Stunden gecastet. Die Produktion wollte wissen: Macht der Junge elf Stunden lang, was wir ihm sagen? Ich hab die Rolle bekommen, kriegte zwei Monate lang Schauspieltraining und hatte dann 30 Drehtage. Für mich war es eine wahnsinnig spannende Erfahrung, als Schüler mit Erwachsenen zusammenzuarbeiten. Da habe ich Blut geleckt und auch gleich eine Agentur gefunden. Meine zweite Rolle war dann auch gleich der erste Tatort: „Freischwimmer“ mit Peter Sodann als Kommissar.

Da war klar, dass Sie Schauspieler werden?

Ich habe die Schule geschmissen, bin nach Berlin gezogen und hab tatsächlich in „Reine Geschmacksache“ eine weitere Kino-Hauptrolle bekommen. Dafür gab’s dann ein paar Preise, was einem jungen Schauspieler natürlich hilft und ihm Aufmerksamkeit verschafft.

Und das ohne jede Schauspielausbildung?

Ja. Im Nachhinein kann ich nur meinen Eltern danken, dass sie das mitgemacht haben. Man muss sich das mal vorstellen: Ich hab ihnen gesagt: Ich breche die Schule ab, ziehe nach Berlin und werde Schauspieler. Eigentlich total wahnsinnig. Ich war der festen Überzeugung, dass es klappt, aber wie bitter kann der Beruf sein, wenn das Telefon nicht klingelt und dir niemand eine Rolle anbietet?

Ihre Karriere verlief richtig steil – und trotzdem sind Sie mit 25 für ein Jahr nach Belgrad gegangen. Warum?

Es hatte mit einer Beziehung zu tun, die ich damals hatte. Als ich dann in Belgrad war, habe ich hier in Deutschland noch zwei, drei Sachen gedreht, auch wenn es ein ziemlicher Mehraufwand war, zu Castings und Dreharbeiten anzureisen. Viele Leute in meinem damaligen Alter hatten so etwas wie ein Auslandssemester absolviert, so etwas wollte ich auch machen. Der Balkan hatte mich immer schon fasziniert. Und es war eine tolle Herausforderung, sich mit 25 in ein anderes Land zu stürzen, dessen Sprache ich nicht beherrschte, und zu sagen: Okay, hier suche ich mir jetzt eine Wohnung.

Was fasziniert Sie am Balkan?

Es ist so nahe an Mitteleuropa, von hier gerade mal 1200 Kilometer entfernt, etwa so weit wie Italien. Die Kriege sind noch nicht lange her, man spürt noch den Einfluss auch auf meine Generation. Da gibt es Menschen in meinem Alter, die mussten als Kinder drinnen spielen, wenn Bombenalarm war. Momentan ist es zwar friedlich, aber es brodelt immer noch. Jemand aus Albanien kann heute noch nicht durch Serbien fahren, der kommt an der Grenze nicht durch.

Wie war die Atmosphäre?

Es herrscht eine gewisse Anarchie, die Leute vertrauen dem Staat nicht so wie hier. Da gibt es kein soziales Netz wie in Deutschland, das einen auffängt, wenn man abstürzt. Die Menschen haben ein Durchschnittseinkommen von 350 Euro im Monat, obwohl die Lebensmittel teilweise mehr kosten als bei uns. Das ist wirklich hart. Und dennoch war es für mich eine großartige Erfahrung, ich habe dort tolle Freunde gefunden.

Was haben Sie denn in Belgrad gemacht?

Eigentlich das, was ich hier auch tue, wenn ich freihabe. Ich habe mir eine Kampfkunstschule gesucht, hatte ganz gute Kontakte zur Filmschule in Belgrad, die die einzige staatliche auf dem ganzen Balkan ist. Die nehmen gerade mal sechs Regiestudenten aus dem gesamten Balkan pro Jahr, sind also sehr ausgewählt. Auch die Theaterszene fand ich interessant, viele serbische Schauspieler sind ganz toll. Und ansonsten bin ich einfach durchs Land gereist und habe versucht, die Kultur aufzusaugen. Als die Beziehung dann in die Brüche ging, bin ich wieder zurück nach Berlin.

Haben Sie noch Kontakte aus dieser Zeit?

Ja, ich kriege immer wieder mal Besuch aus Belgrad und war auch selbst schon wieder da. Es sind einfach sehr liebe Menschen da.

Für 2017 hatten Sie sich das Ziel gesetzt, zum ersten Mal nach Asien zu reisen. Hat es geklappt, und, falls ja, wo waren Sie?

Es hat leider nicht geklappt, obwohl ich mir schon zweimal Tickets besorgt hatte. Als ich nach Nepal wollte, habe ich die Rolle im 1000. Tatort bekommen und die Reise wieder abgesagt. Dann wollte ich mit einem Freund nach Vietnam, aber da wurde mein Großvater sehr krank, sodass ich auch diese Reise gecancelt und ihn in den Tod begleitet habe. Das war absolut die richtige Entscheidung, Vietnam läuft mir ja nicht weg. Jetzt steht Asien eben für 2018 auf meinem Plan.

Florian Bartholomäi

wird am 10. Januar 1987 in Frankfurt am Main geboren. Für seine Eltern, die beide für den Hessischen Rundfunk beim Klassikradio moderieren, ist er das einzige Kind. Durch sie bekommt er einen Schülerjob als Statist an der Frankfurter Oper.

Schon früh interessiert sich der Junge für Kampfsport und betreibt vor allem Taekwondo. Als ein kampfsporterprobter Jugendlicher für die Hauptrolle im Kinofilm „Kombat 16“ (oben rechts im Bild) gesucht wird, bewirbt er sich als 16-Jähriger erfolgreich. Bartholomäi kommt auf den Geschmack, bricht wenige Monate vor dem Abitur die Schule ab und zieht nach Berlin, um Schauspieler zu werden.

Auf eine klassische Schauspielausbildung verzichtet er, stattdessen bevorzugt er private Lehrer. Nach „Kombat 16“ bekommt er gleich seine erste Rolle in einem Tatort, für den darauffolgenden Kinofilm „Reine Geschmackssache“ wird der junge Schauspieler mit dem Max- Ophüls-Preis ausgezeichnet. Im Laufe der Jahre entdeckt er auch seine Leidenschaft fürs Theater, aktuell ist er im „Kleinen Theater“ in Berlin zusammen mit Birge Schade im Zwei-Personen-Stück „Switzerland“ zu sehen. An diesem Sonntag absolviert er seinen 13. Auftritt im Tatort – in der Dortmunder Folge „Tollwut“ spielt er den inhaftierten Frauenmörder Markus Graf.

Bartholomäi lebt mit seiner Freundin in Berlin-Friedrichshain. Bis heute betreibt er Kampfsport, vornehmlich Wing Tai, und trainiert auch Jugendliche.


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