Heute im ARD-Programm Dominic Raacke als krimineller Politiker im Kroatien-Krimi

Von Lea Becker


Osnabrück. Fünfzehn Jahre hat Dominik Raacke als Berliner Tatort-Kommissar Verbrecher gejagt. Im neuen „Kroatien-Krimi: Messer am Hals“, der am Donnerstag um 20.15 Uhr im Ersten läuft, wechselt er die Seite. Als sadistischer und machtbesessener Politiker ist er ein überragend starker Gegner für Kommissarin Branka Marić.

„Split first“ – mit allen Mitteln will der Populist Ivica Strugar (Dominic Raacke) Bürgermeister der kroatischen Stadt werden. „Er ist ein Egomane, dem es weniger um den ideellen Ansatz der Politik geht, als um Selbstverwirklichung und Macht“, sagt Raacke im Gespräch mit unserer Redaktion über seine Rolle im Kroatien-Krimi. Autor Christoph Darnstädt greift mit der Figur die politischen Tendenzen zum Rechtspopulismus in Europa auf. „Strugar arbeitet mit den Ängsten der Menschen und baut Feindbilder auf“, sagt Raacke. Die Kampfansagen des Unternehmers richten sich gegen Flüchtlinge und die Drogenmafia.

„Es waren Kinder und ich habe sie hart angefasst“

Zum Krimi wird der Film, als der Politiker überfallen wird und einen der Angreifer in Notwehr erschießt. Zunächst deutet es auf einen Einschüchterungsversuch eines Drogenbosses hin. Doch Kommissarin Marić (Neda Rahmanian) findet schnell heraus, dass das Tatmotiv viel tiefer liegt. Die beiden Angreifer sind in einem Heim aufgewachsen, in dem Strugar Aufseher war. Er hat die Kinder regelmäßig auf brutale Weise misshandelt.

Dem Politiker schadet diese Enthüllung aber nicht – im Gegenteil, er nutzt sie noch für sich aus. Er geht ohne Bedauern oder Mitgefühl in die Offensive und gibt öffentlich alles zu: „Es waren Kinder und ich habe sie hart angefasst. Das war auch gut so. Ich musste anständige Kroaten aus ihnen machen.“ Die danach steigenden Umfragewerte bestätigen den skrupellosen Mann nur noch weiter.

„Dunklere Charaktere sind saftigere Figuren“

Marić sind die Hände gebunden, die Taten sind verjährt. Als ein ehemaliger Kollege von Strugar ermordet wird, ist sie sich sicher, den Populisten überführen zu können. „Aber er ist extrem raffiniert und clever. Er lässt sich nicht so schnell ins Bockshorn jagen“, erklärt Raacke. Selbst ein Detail, das in anderen Krimis das Klicken der Handschellen zur Folge hätte, reicht hier nicht aus. Genau davon lebt dieser Film und macht ihn so mitreißend. Strugar ist ein extrem starker Gegner für die Kommissare und treibt sie zu Höchstformen an. „Wenn jemand interessant gezeigt wird und sein Können beweist, auch wenn es böses Können ist, ist der Genuss viel höher, dem zuzuschauen und auch denjenigen zu spielen“, sagt Raacke.

Der ehemalige Tatort-Kommissar hat es genossen, dieses mal den Bösewicht zu spielen. „Dunklere Charaktere sind oftmals viel interessanter, weil sie nicht gut sein müssen. Dadurch sind sie saftigere Figuren.“ Der 59-Jährige übernimmt gerne Rollen, bei denen er noch etwas entdecken kann und die ihn überraschen. Eine gewisse Ambivalenz sei auch wichtig. „Eine Figur sollte ein paar mehr Schichten haben als nur gut oder böse zu sein“, sagt Raacke. Das mache es spannend. Er schätzt es, dass die Charaktere mit zunehmenden Alter komplexer und erfahrener werden. „Das ist für einen Schauspieler natürlich schöner, als wenn man nur eine 08/15-Rolle spielt.“

Monokultur Krimis

Mehr Vielfalt wünscht sich der ehemalige Tatort-Kommissar auch in der deutschen Fernsehlandschaft, in der seiner Meinung nach eine „Monokultur“ der Krimis herrscht. „Die Welt ist voller Geschichten. Es muss doch nicht immer eine Leiche und einen Täter geben.“ Gerade die Themen Familie und Beziehungen seien für ihn viel interessanter. „Das ist viel näher am Leben und an den Menschen“, so Raacke. Das Leben sei komplexer als die „Schwarz-Weiß-Welt“ der Krimis.

Dennoch ist er froh und dankbar, fast 15 Jahre an der erfolgreichsten Deutschen Krimireihe mitgewirkt zu haben. „Das waren wichtige Jahre in meinem Leben. Diese Rolle hat mich populär gemacht“, sagt Raacke über den Berliner Tatort-Kommissar Till Ritter und ergänzt: „Aber es war auch befreiend, als ich aufgehört habe.“ Die Entscheidung hätte ihm ganz neue Türen geöffnet. Neben Rollen in Komödien, Dramen oder eben als Bösewicht hat er das Theater für sich entdeckt. Ab 4. März wird er in Berlin in dem Stück „Die Niere“ zu sehen sein. „Ich freue mich jeden Morgen, zur Probe zu gehen“, berichtet Raacke.

Kommissar hat mit Vergangenheit zu kämpfen

Im Kroatien-Krimi findet der 59-Jährige genau die richtige Mischung aus Charme und Hochmut, um den sadistischen Größenwahnsinnigen überzeugend zu spielen. Er ist der Star dieses Krimis. Nur am Ende wirkt seine Selbstüberschätzung leicht übertrieben, aber gleichzeitig auch genau passend.

Doch nicht nur Raacke und die äußerst interessante Geschichte machen den Film so gut, sondern auch die Kommissare und ihre Darsteller. Rahmanian geht in ihrer Rolle der Marić auf und spielt erneut eine selbstbewusste und manchmal etwas unkonventionell ermittelnde Polizistin. Erneut hat sie neben dem Fall mit der Familiengeschichte um ihren im Krieg verschollenen Bruder zu kämpfen. Einen amüsanten Nebenschauplatz bietet die gemeinsame Bootstour ihrer zwei Liebhaber. Ihr Kollege Emil Perica (Lenn Kudrjawizki) hat währenddessen mit seiner Vergangenheit zu kämpfen. Denn auch er kennt Strugar aus seiner Kindheit.

Mehr als nur eine Postkartenkulisse

Den Machern um Regisseur Michael Kreindl gelingt es auch in diesem Fall wieder hervorragend, die Geschichte Kroatiens in die Handlung einzubauen. „Ich finde es interessant, dass das Land nicht nur als Postkartenkulisse dient“, sagt Raacke. Generell sieht er es aber als „etwas alberne und seltsame“ Tendenz, die Handlung von deutschen Krimis ins Ausland zu verlagern. „Wenn man die Hürde genommen hat, deutschen Schauspielern zu glauben, dass sie Italiener, Spanier oder eben Kroaten sind, dann sollte man es so hinnehmen und sich drauf einlassen.“ Die Menschen würden lieber einen dreckigen Hinterhof in Split sehen, als einen dreckigen Hinterhof in Duisburg oder Berlin.