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Heute Abend im ARD-Programm Tatort „Tollwut“ aus Dortmund: Comeback eines Sadisten

Von Joachim Schmitz


Osnabrück. Der Tatort kommt heute Abend aus Dortmund. „Tollwut“ ist ebenso spannend wie unrealistisch. Und beschert dem sadistischen Mörder Markus Graf (Florian Bartholomäi) nach vier Jahren ein erneutes Duell mit Kommissar Faber (Jörg Hartmann).

Gleich die ersten Minuten treiben die Spannung in diesem Tatort auf den Siedepunkt. Zähnefletschende Schäferhunde begleiten das Wachpersonal auf nächtlichen Runden vor einer Dortmunder Haftanstalt. Drinnen wischt jemand einen düsteren Flur, selbst das Tropfen des Wischmobs wirkt bedrohlich. Auf der Krankenstation beginnt ein festgeschnallter Häftling unkontrolliert zu zucken. Sein Puls rast, Blut presst sich in die Augen, Schaum quillt aus dem Mund. Als zwei Ärzte herbeieilen, kommen sie zu spät. Der Mann stirbt unter ihren Händen. Tollwut.

Mit den ersten drei Minuten ihres Krimis geben Regisseur Dror Zahavi und der für den Schnitt zuständige Fritz Busse eine packende Bewerbung für das beste Tatort-Intro des Jahres ab. Und dann erzählt der Film eine Geschichte, die genau vier Jahre in die Vergangenheit zurückreicht – und doch nicht zwingend der Erinnerung an damals bedarf. Geschrieben hat sie einmal mehr Jürgen Werner, der mit mittlerweile acht Drehbüchern wohl als der Pate des Dortmunder Tatorts gelten darf. (Hier gibt‘s ein ausführliches Interview mit Jürgen Werner)

„Auf ewig Dein“

Kurz nach dem furiosen Intro sehen wir Kommissar Faber (Jörg Hartmann) an seinem Schreibtisch einen Briefumschlag öffnen. Auf dem Couvert steht „Auf ewig Dein“. So hieß am 2. Februar 2014 auch die Tatort-Folge, in der das Dortmunder Team den Mädchenmörder Markus Graf (Florian Bartholomäi) hinter Gitter brachte. Ein abgrundtief böser und sadistischer Mensch, den Faber damals verdächtigte, aber nicht überführen konnte, auch die Frau und die Tochter des Kommissars auf dem Gewissen zu haben. (So war der Tatort „Auf ewig Dein“)

Jetzt ist Graf wieder da. Vor neun Monaten in eben jene Dortmunder Justizvollzugsanstalt (JVA) verlegt, in der nun ein Mithäftling aus völlig unerklärlichen Gründen an Tollwut stirbt. Dem Kommissar schickt er ein Bild wie von Kinderhand gemalt: Eine Frau, die mit dem Auto gegen einen Baum geknallt ist, und ein Kind, das in den Himmel aufsteigt. Fabers Frau und seine Tochter. Offenbar hat Graf mit dem Kommissar noch nicht abgeschlossen, obwohl er im Knast sitzt.

„Absoluter Narzisst“

Florian Bartholomäi, der Darsteller des Markus Graf, beschreibt seine Figur im Gespräch mit unserer Redaktion sehr extrem: Graf sei „ein absoluter Narzisst, ein Psychopath, der seine Empathie an- und abschalten kann wie er will. Er ist sehr intelligent, rachsüchtig, durchtrieben, einfach ein richtig ekliger Mensch“. Dieser Widerling wolle den Kommissar fertigmachen, sein Leben zerstören. Deshalb fand Bartholomäi es „ganz schön, dass wir da den Realismus zu einem kleinen Teil verlieren und diesen Markus Graf wie einen artifiziellen Bösewicht zeigen“. Das macht’s vielleicht ein bisschen weniger heftig. (Auch im 1000. Tatort war Flrian Bartholomäi der Mörder)

In der JVA, wo ein mit dem Tollwutvirus infizierter Arzt sonderbarerweise weiter seinen Dienst verrichten darf, gibt es schon bald den nächsten unerklärlichen Todesfall. Sehr zum Unmut der Anstaltsleiterin Angelika Zerrer (mal wieder großartig: Ulrike Krumbiegel). Große Teile des Films werden in dem von ihr geleiteten Knast spielen. Und der steht in Wirklichkeit gar nicht in Dortmund, sondern in Magdeburg. Weil in NRW kein geeignetes leer stehendes Gefängnis zu finden war.

Drehen im Knast

Für Florian Bartholomäi eine ganz besondere Erfahrung - einerseits: „Absolut deprimierend. Diese hohen Mauern, der Stacheldraht, diese winzigen Zellen. Wenn man da drin ist, es macht jemand die Tür von außen zu und man sitzt da eine Weile, ist es der Wahnsinn,“ sagt der 31-Jährige.

Aber der Schauspieler machte auch angenehme Knasterfahrungen: „Unter den Komparsen waren einige, die in dem Gefängnis zu DDR-Zeiten als politische Gefangene eingesessen hatten. Die zeigten uns dann, wo damals ihre Zellen waren und fanden es toll, nach 25 Jahren als freie Menschen mal wieder da zu sein.“ (Hier gibt es das komplette Interview mit Florian Bartholomäi)

„Franziska“ gedreht

Regisseur Dror Zahavi hatte im Gegensatz zu den meisten seiner Darsteller schon im Knast gedreht und dabei eine Perle der Tatort-Geschichte hinterlassen: In der Kölner Folge „Franziska“ wurde Assistentin Franziska Lüttgenjohann (Tessa Mittelstaedt) in einem Gefängnis als Geisel genommen und am Ende ermordet. Zahavis Krimi war nicht nur extrem gut und spannend, sondern auch so hart, dass die ARD entschied, ihn erst um 22.00 Uhr auszustrahlen. (Deshalb lief „Franziska“ erst um 22.00 Uhr)

Dieses Niveau erreicht „Tollwut“ nicht ganz, sehenswert ist der Krimi aber allemal. Und eine Antwort darauf, ob der Ermittler Daniel Kossik (Stefan Konarske) die letzte Dortmunder Folge „Sturm“ überlebt hat, gibt er auch. (So stark war der letzte Dortmunder Tatort „Sturm“)

Tatort: Tollwut. Das Erste, Sonntag, 4. Februar 2018.

Wertung: 5 von 6 Sternen