„Peinlich, durchschaubar, skandalös“ Autoren aus „Platzmangel“ nicht zum Fernsehpreis eingeladen

Fordert mehr Wertschätzung: Die Drehbuchautorin Annette Hess setzt sich dafür ein, dass die Arbeit ihres Berufsstands besser gewürdigt wird. Foto: dpaFordert mehr Wertschätzung: Die Drehbuchautorin Annette Hess setzt sich dafür ein, dass die Arbeit ihres Berufsstands besser gewürdigt wird. Foto: dpa

Osnabrück. Als in der vergangenen Woche bekannt wurde, dass zur Verleihung des Deutschen Fernsehpreis am 26. Januar in Köln keine Drehbuchautoren eingeladen worden waren, flammte eine Debatte auf, die in den letzten Jahren an Prominenz gewonnen hat: die um den Stellenwert des Autors im Film- und Fernsehgeschäft.

„Drei Jahre Arbeit... und nun nicht dabei?“ Kristin Derfler, die als Autorin des nominierten ARD-Zweiteilers „Brüder“ nicht zur Verleihung des Deutschen Fernsehpreises 2018 eingeladen worden war, machte ihrem Ärger über die mangelnde Wertschätzung der Drehbuchautoren am vergangenen Donnerstag auf Facebook Luft. Sie zitierte eine Stellungnahme der Veranstalter, in der es geheißen haben soll, aus „Platzmangel“ im Kölner Palladium sei in der ersten Einladungsrunde auf die Autoren verzichtet worden, die nicht persönlich nominiert sind. Doch bald ruderte man aufseiten des Veranstalters zurück und twitterte, es läge ein Missverständnis vor. Derflers Kollegin Annette Hess, Autorin von „Weissensee“ und „Ku’damm 56“ reagierte: „Peinlich, durchschaubar und skandalös. Ich hoffe, es gibt eine Einsicht und Entschuldigung.“

Der Verband Deutscher Drehbuchautoren (VDD) meldete sich mit einem offenen Brief an den Kreis der Stifter zu Wort, in dem es heißt: „Ein Sinnbild für eine immer noch grassierende Ignoranz in Teilen der Branche. Angesichts der massiv zunehmenden Anerkennung und Wertschätzung der Arbeit, die Drehbuchautoren international erhalten, ist dies ein wenig zeitgemäßer und skandalöser Rückschritt auf nationaler Ebene. Die Macher des Deutschen Fernsehpreises haben scheinbar nichts gelernt!“

Martin Brindöpke, Head of Comedy bei Warner Bros. ITVP Deutschland, äußerte sich noch deutlicher: „Es ist eine Schande für unsere Branche, dass diejenigen, die die Grundlage für Kreation, für das Gelingen einer Produktion legen, wie lästiges Geschmeiß behandelt werden. Die Macher des Fernsehpreises sollten sich sehr schämen, und wir alle sollten überprüfen, ob wir den Menschen mit den Ideen wirklich immer den nötigen Respekt entgegenbringen.“

Diese Verwerfungen kommen nicht überraschend. So kritisierte ein Mitglied des VDD im Sommer 2017 das Münchner Filmfest, weil im Programm die Autoren der aufgeführten Produktionen nicht genannt wurden. Bereits 2008 versuchte der VDD mit einer Plakatkampagne und prominenten Gesichtern wie Natalia Wörner und Tim Bergmann auf die Bedeutung von Autoren hinzuweisen. Im Fernsehen ist es indes noch immer in den meisten Fällen so, dass die Drehbuchautoren zwar im Vorspann, aber im Gegensatz zum Gros der beteiligten Gewerke nur in Ausnahmefällen im Abspann eines Films genannt werden. „Dabei hätten all diese Leute keine Arbeit, wenn es die Drehbuchschreiber nicht gäbe“, sagte Drehbuchautor David Ungureit der Frankfurter Rundschau und zitiert Billy Wilder: „Für einen guten Film braucht man drei Dinge: Ein gutes Buch, ein gutes Buch, ein gutes Buch. Es ist unser Schicksal, dass das beim Publikum nicht angekommen ist. Drehbuchautoren gelten als Jammerlappen, obwohl jeder weiß: Sie haben recht.“

Durch den Serienhype der vergangenen Jahre und die damit verbundene öffentliche Sichtbarkeit der Autoren vor allem US-amerikanischer Produktionen dürfte das Wertschätzungsgefälle gegenüber Deutschland einem breiteren Publikum bekannt geworden sein. Immerhin war Kristin Derfler an der Pressearbeit zu „Brüder“ beteiligt, was auch schon einen Sonderfall im deutschen Fernsehbetrieb darstellt.

Inmitten der Aufregung muss zudem erwähnt werden, dass laut dem Branchendienst DWDL die für die Kategorie „Bestes Buch“ nominierten Autoren und Autorinnen durchaus Einladungen zum Deutschen Fernsehpreis erhielten. In einer zweiten Einladungsrunde könnte nun auch der Rest der schreibenden Zunft noch zu seinem Recht kommen. Die Debatte um ihren Stellenwert bleibt indes virulent.


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