TV am Samstag: Doku auf Arte Superheld: Nacktmull überzeugt mit inneren Werten



Osnabrück. Die detailreiche Doku „Nacktmulle - Superhelden der Forschung“ (Samstag 13. Januar 2018, 21.45 Uhr, Arte) zeigt sehenswert die „inneren Werte“ der „Säbelzahnwürstchen“ mit dem gewöhnungsbedürftigen Erscheinungsbild.

Arte charakterisiert sie als „atemberaubend hässlich“. „Die Welt“ geht noch einen Schritt weiter und nennt die Kreaturen „absurd hässlich“. Sicher: Der Nacktmull würde nach unseren ästhetischen Maßstäben keinen Schönheitspreis gewinnen, sondern eher als fieser Außerirdischer in Science-Fiction-Filmen auftrumpfen. Doch die Tiere überzeugen mit inneren Werten und sind deshalb „Superhelden der Forschung“, wie die Arte-Dokumentation von Herbert Ostwald sehenswert vorführt.

Nacktmulle, auch unter dem Namen Molratten bekannt, leben in den trockenen und heißen Halbwüsten Ostafrikas. Zu Gesicht bekommt man die haarlosen kleinen Nager mit der wurstförmigen Gestalt aber eher nicht. Ihre Welt sind unterirdische Gänge und Höhlen, in denen sie sich vorwärts wie rückwärts bewegen und die sie sich mit ihren beiden großen Nagezähnen, die sie wie Baggerschaufeln einsetzen können, graben. Bis zu fünfzehn Fußballfelder groß kann das Gebiet einer Nacktmullkolonie, die wie ein Insektenstaat organisiert ist, dabei sein. Erste Besonderheit: der Nacktmull kann seine Nagezähne auch einzeln bewegen. Und ein Viertel seiner Muskelmasse befindet sich beim Nacktmull im Kiefer. Mit diesen „Waffen“ möchte man keine Bekanntschaft schließen, obwohl der Nacktmull nur fünf bis fünfzehn Zentimeter groß wird.

Anti-Aging-Traum

„Ja, das wird wehtun, denn sie haben einen ordentlichen Biss“, attestiert im Gespräch mit unserer Redaktion der Fachtierarzt für Zoo- und Wildtiere Prof. Dr. Michael Böer, Zoodirektor im Osnabrücker Zoo ( wo der Besucher den Nacktmull durch im Querschnitt halbgeöffnete Röhrensysteme beobachten kann) dem „Unterirdischen“  gute Zähne. Nacktmulle könnten ob ihrer Fähigkeiten die Weltherrschaft übernehmen, heißt es launig im Filmkommentar. Diese Angst teilt Dr. Böer nicht, bestätigt aber, dass „die Nacktmulle ein Beispiel für enorm extreme Anpassungen in verschiedenster Art und Weise sind“.

Für die Wissenschaft werden die als „Säbelzahnwürstchen“ verspotteten Nager durch ihre Schmerzunempfindlichkeit und ihr hohes Alter interessant. Forscher sind auf der Suche nach dem sogenannten „Methusalem-Gen“ und haben im Labor den dunklen, warmen und feuchten Lebensraum der kleinen Außenseiter nachgebaut. Mit der Nacktmullforschung scheint die Wissenschaft dem „Anti-Aging“, dem Traum vom ewigen Jungbrunnen, ein Stück näher zu kommen.

Der Nacktmull wird nicht nur bis zu über 30 Jahre alt und übertrifft damit ähnliche Lebewesen wie Mäuse um ein Vielfaches. Ein Grund dafür sei die Fähigkeit der Tiere zur Stoffwechselabsenkung, erklärt Dr. Böer. Während dieser Zeit würden die Tiere im Verhältnis weniger altern. Aber der Nacktmull ist auch in der Lage den Krebs zu besiegen, indem er ein unkontrolliertes Tumorwachstum eindämmen kann. Auch anderer Altersverschleiß wie Arthrose sind dem Nacktmull fremd.  

Zeichentrickfigur und Aprilscherz

Ostwald, der schon 2006 einen Film mit dem Titel „Afrikas wilde Wichte“ über Nacktmulle drehte, führt in seiner Dokumentation den Zuschauer in die Hightech-Labore, wo mit modernsten Techniken den Geheimnissen des Nacktmulls nachgespürt wird, zeigt aber auch Forschungen in der freien Natur. So wird der von Chinchilla und Stachelschwein abstammende Nacktmull kundig und unterhaltsam porträtiert. Jedes Detail lässt den Zuschauer dabei mehr über dieses kleine Wunder der Natur staunen: wird ein Nacktmullweibchen zur Königin, die allein für den Nachwuchs sorgt, wächst sie in die Länge, um den Wurf austragen zu können. „Schulbussystem“ wird dies passend im Film genannt.

Die Dokumentation weckt auf alle Fälle Interesse an einem Wesen, von denen die meisten Zuschauer noch nichts gehört oder gesehen haben werden. Wobei es der Nacktmull immerhin schon in eine Disney-Zeichentrickserie („Kim Possible“) und in einen Aprilscherz eines Wissenschaftsmagazins geschafft hat. Zudem wurde ihm die Operette „Die Molratte balzt oder: Liebesspiel am Nil“ gewidmet, obwohl er dort nicht anzutreffen ist. Und sollte jemand nach dem Film den Nacktmull possierlich finden und gerne als Haustier halten wollen – laut Dr. Michael Böer auch kein Problem: „Mit entsprechenden Kenntnissen und einem entsprechenden Terrarium ist dies durchaus möglich.“ Auf alle Fälle gilt: lasst uns  über und vom Nacktmull lernen. Vielleicht erringen sie doch irgendwann die Weltherrschaft.

Nacktmulle - Superhelden der Forschung

Samstag 13. Januar 2018, 21.45 Uhr, Arte


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