Dreiteilige Arte-Miniserie Thema verschenkt: „Ein Engel verschwindet“

Schuld und Sühne auf Wesentliche heruntergebrochen: Die zweijährige Maya (Ella Brunetto) muss mit ansehen, was mit ihrem Bruder geschieht. Foto: ARTE FranceSchuld und Sühne auf Wesentliche heruntergebrochen: Die zweijährige Maya (Ella Brunetto) muss mit ansehen, was mit ihrem Bruder geschieht. Foto: ARTE France

Osnabrück. Das Kind als Opfer eines Verbrechens und die Auswirkungen auf das Umfeld sind ein oft erzähltes Thema in Serienproduktionen der letzten Jahre. Laetitia Masson macht aus diesem Sujet in ihrer dreiteiligen Miniserie „Ein Engel verschwindet“, am 11.1. ab 20.15 Uhr auf Arte, das Psychogramm einer Täterin, scheitert jedoch an ihrer eigenen Inszenierung.

Die zehnjährige Aurore (Mélody Gualteros) streift durch ihre Wohnsiedlung in der südfranzösischen Camargue. Sie hat Hunger, doch nach Hause kann sie nicht, ihre Mutter empfängt ihre Freier in der Ein-Zimmer-Wohnung. Es ist das Bild einer tristen und vor allem emotional verwahrlosten Kindheit, das Autorin und Regisseurin Laetitia Masson im ersten von drei Teilen ihrer Miniserie zeichnet, die im Original sinnvollerweise „Aurore“ heißt, im Deutschen weniger sinnvoll „Ein Engel verschwindet“. Der titelgebende Engel soll wohl der kleine Junge sein, den Aurore in einem Anfall von lang angestauter Wut erwürgt. Laetitia Masson rückt in ihrer Erzählung etwas gerade, was im Fernsehkrimi noch immer unterrepräsentiert ist: die Opfer von Verbrechen stammen, ebenso wie die Täter, oft aus sozial desolaten Verhältnissen. Das Szenario, in dem ein Kind gutbürgerlicher Eltern von einem unbekannten und abgrundtief bösen Mastermind entführt wird, ist in der Realität so selten, wie es im Krimigenre beliebt ist.

Das Seelenleben der TäterinSo widmet sich „Ein Engel verschwindet“ vorrangig dem Seelenleben der Täterin Aurore. Teil eins endet, als Aurore, mittlerweile erwachsen, die Jugendeinrichtung verlässt, in der sie infolge ihrer Tat gelebt hat. Sie bekommt eine neue Identität, will ein neues Leben beginnen. In den Teilen zwei und drei wird sie von Élodie Bouchez mit einer eigenartigen Mischung aus Härte und Geistesabwesenheit gespielt - und das ist ein Teil des Problems, an dem die Serie scheitert. Die Figuren, allen voran Aurore, aber auch die Schwester des getöteten Jungen, die nun nach Aurore sucht, bleiben für den Zuschauer unzugänglich. Das mag psychologisch schlüssig sein, inszenatorisch ist es der Todesstoß für eine Serie, wenn es keine Figur gibt, der das Publikum folgen mag. Dabei geht es nicht um die vielbeschworene Identifikation, im deutschen Fernsehen noch allzu oft als Sympathie missverstanden. Aber eine Erzählung, die sowohl auf Plotebene, als auch emotional nur Fragezeichen aufwirft, ohne dem Publikum Fährten anzubieten, denen es folgen könnte, ist schlichtweg ein zum Scheitern verurteilter Akt der Kommunikation. Die überzogen künstliche Inszenierung läuft dem sozialrealistischen Ansatz der Auftaktfolge komplett zuwider und sorgt für eine durchgehende emotionale Distanz zum Zuschauer. Das teilweise nicht nachvollziehbare Handeln von Aurore, die in der zweiten Folge von einem Journalisten enttarnt wird und fortan auf der Flucht vor ihrer Vergangenheit ist, erschwert den Aufbau von Empathie zusätzlich. 

Toller Stoff, schwache Inszenierung

Die kontraproduktive Umsetzung ist umso ärgerlicher, da die Geschichte, aufs Wesentliche heruntergebrochen, durchaus Stoff für eine tolle Miniserie bietet. Ist eine Gesellschaft bereit zu verzeihen, wenn die Täterin ihre Strafe verbüßt hat? Kann man das von den Angehörigen des Opfers erwarten? Und welchen Anteil an der Schuld trägt eine Gesellschaft, die ihre Kinder derart verwahrlosen lässt, dass sie im Extremfall schon im Grundschulalter zu Kriminellen werden? Diese großen und wichtigen Fragen streift Laetitia Masson in ihrer Serie allenfalls. Zu beschäftigt ist sie damit die Neurosen und Traumata ihrer Figuren auszustellen und sie so bis zur Unzugänglichkeit zu verrätseln. Hier steht das Kunstvolle dem Gehaltvollen leider im Weg. 

„Ein Engel verschwindet“ ist ein Paradebeispiel dafür, dass die Faszination einer Serie fürs Publikum mit den Figuren steht und fällt. Der Fairness halber muss erwähnt werden, dass die deutsche Synchronisation ebenfalls ihren Anteil daran hat, dass die Figuren dem Zuschauer bis zum Schluss seltsam fremd bleiben.

Arte zeigt alle drei Folgen von „Ein Engel verschwindet“ am Donnerstag, den 11.1. ab 20.15 Uhr. Online ist die Serie bereits ab Montag, dem 8.1. verfügbar.


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