Zürich zeigt „Die 120 Tage von Sodom“ Gewaltorgien mit Behinderten

08.02.2017, 16:14 Uhr

A. Zürich. Die Provokation ist Programm, die Grenzen des Erträglichen zu sprengen Absicht: Theatermacher Milo Rau inszeniert Gewaltorgien und Folter mit behinderten Schauspielern. Darf man das?

Die Bilder sind sofort beklemmend: behinderte Schauspieler, die wie Hunde am Halsband gegängelt und erniedrigt werden, die am Kreuz gefoltert werden und Scheiße fressen müssen. Der gefeierte Schweizer Meister des politischen Theaters Milo Rau (40) sprengt mit seinem neuen Stück „Die 120 Tage von Sodom“ mehrere Tabus. Wie weit darf Gewaltdarstellung auf der Bühne gehen? Werden die behinderten Schauspieler missbraucht? Am 10. Februar ist Uraufführung in Zürich.

Vorlage ist der seinerzeit umstrittene Film „Salò oder die 120 Tage von Sodom“. Mit der schonungslosen Darstellung von Vergewaltigung, Folter und Mord hatte der italienische Regisseur Pier Paolo Pasolini 1975 die Welt entsetzt. Sein Stoff hatte sich wiederum auf „120 Tage von Sodom“ von Marquis de Sade bezogen.

Rau ist großer Pasolini-Fan, wie er dem Dramaturgen Stefan Bläske sagt. Er will das Publikum herausfordern: „Ich schaue seit 20 Jahren Theater, ich war oft begeistert, aber nie hat mich ein Abend wirklich beunruhigt. Da fragt man sich doch: Gibt es das Beunruhigende überhaupt noch auf der Bühne? Wie könnte es funktionieren?“ Rau versucht es mit elf behinderten Schauspielern des Schweizer Theaters Hora, die als Täter und Opfer auf der Bühne stehen.

Im Züricher Langzeitprojekt „Freie Republik Hora“ erforscht das professionelle Theater Hora das künstlerische Potenzial seiner Schauspieler, hinterfragt auch übliche Erwartungen an den Theaterbetrieb und bietet eine Schauspielausbildung für beeinträchtigte Menschen an. Hora-Darstellerin Julia Häusermann hat beim Berliner Theatertreffen 2013 den Alfred-Kerr-Darstellerpreis für ihre Rolle im Hora-Stück „Disabled Theater“ in der Regie von Jérome Bel erhalten.

Die Handlung von „120 Tage“: Vertreter eines untergehenden faschistischen Regimes entführen im Land Saló junge Leute, missbrauchen und erniedrigen sie in sadistischen Ritualen und quälen sie in einer Gewaltorgie zu Tode.

„Was nun ,Die 120 Tage von Sodom‘ angeht, so ist unsere Adaption natürlich eine Metapher für die rhetorischen und performativen Beschmutzungsrituale des gegenwärtigen Populismus – aber auch für das Ungesagte der liberal-integrativen Gesellschaft“, sagt Rau (40).

Die Handlung hat er nach Angaben seines Teams in die Zeit des postmodernen Feudalismus zwischen Genusssucht, Untergangsangst und kleinbürgerlicher Skandallust gelegt. Dem Vorwurf, er missbrauche Behinderte, entgegnet Milo: „Wenn man ein Thema verhandelt, das jemand ganz Bestimmten betrifft, dann sollte man es nicht ohne diesen tun.“

Die Hora-Schauspieler haben Trisomie 21 bzw. Down-Syndrom. Diese Menschen wurden im Dritten Reich ermordet. Rau wolle den Zynismus der kleinbürgerlichen Welt aufs Korn nehmen, sagt er. Diese fördere die Behinderten zwar künstlerisch - wie mit dem Theater Hora - aber empfehle gleichzeitig ihre Ermordung im Mutterleib bei einer Diagnose von Trisomie 21 in der Schwangerschaft. „Theater ist per se Missbrauch, Zuschauen per se Voyeurismus“, sagt Rau bei einer Probe zum Kritiker des „Tagesanzeigers“.

Für Milo Rau, den Berlinern bekannt durch provokante Stücke wie 2016 „Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs“ über die europäische Mitleidskultur, geht es um die Bedeutung des Theatermachens selbst. „Wie kann das bürgerliche Theater überwunden werden? Was braucht es, um aus dem verlogenen Kreislauf der Gefühls- und Konsensproduktion auszubrechen, um endlich in die Wüste des Realen zu gelangen?“

Dorthin wollte Rau schon im vergangenen Jahr mit „Five Easy Pieces“. In dem in Brüssel uraufgeführten Stück stellen Kinder die Verbrechen des belgischen Pädophilen Marc Dutroux nach.

An der Inszenierung entzündete sich eine große Debatte über die Grenzen der Kunst und die Kraft des Theaters. Es wurde vielerorts verboten. Mit dem neuen Stück geht Rau noch ein bisschen weiter. Die Aufführungen sind mit einem anschließenden Publikumsgespräch geplant.