Wuppertal gönnt dem verkannten Impressionisten Alfred Sisley die erste deutsche Werkschau Zu nett, um wirklich gut zu sein?

Von Dr. Stefan Lüddemann | 08.09.2011, 17:17 Uhr

Der netteste Impressionist, obendrein Engländer in Frankreich und viel zu früh verstorben, um es mit dem flammenden Nachruhm eines Monet oder Renoir aufnehmen zu können: Alfred Sisley (1839– 1899) ist der sympathische Verlierer unter den Kunstrevolutionären von einst. Jetzt wagt Wuppertal die Neubewertung des vermeintlichen Mitläufers. Das Von-der-Heydt-Museum zeigt die erste deutsche Werkschau für Sisley – mit verblüffendem Resultat.

Denn die Ausstellung mit 80 aus Museen von New York bis München, Paris bis Glasgow entliehenen Gemälden macht die immense malerische Qualität des in Paris als Sohn eines englischen Kaufmanns geborenen Sisley deutlich. Der Untertitel der Schau, „Der wahre Impressionist“, spitzt die Frage nach einer Neubewertung des Künstlers in einer mutigen These zu und liefert obendrein ironischen Hintersinn. Schließlich wartete der Maler bis zu seinem Tod vergeblich auf die Einbürgerung jenes Landes, dessen Kunst er so konsequent mitgestaltet hat.

Die Wuppertaler Ausstellung gibt womöglich einem ganz anderen, immer noch laufenden Einbürgerungsverfahren frischen Schwung. Denn in der Geschichte der Moderne scheint Sisley immer noch nicht endgültig angekommen zu sein. Jedes große Museum hat ein, zwei Bilder von ihm in der Sammlung. Das belegt die umfangreiche Liste der Leihgeber. Doch Kunstexperten werden immer noch gönnerhaft, wenn es um Sisley geht. Ein Kleinmeister neben Giganten wie Claude Monet. Sonst noch was?

Nun kann auch der Wuppertaler Museumsdirektor Gerhard Finckh, der die Sisley-Schau im Rahmen einer Serie von Ausstellungen zur Schule von Barbizon, zu Renoir, Monet und Bonnard kuratiert hat, Alfred Sisley nicht neu erfinden. Sisley hat beinahe ausschließlich Flusslandschaften gemalt und bietet deshalb heute das Bild eines nahezu monothematischen Malers. Finckh nimmt das vermeintliche Handicap als Chance. Mit luftiger Hängung auf hellen Wänden lenkt er den Blick des Betrachters konsequent auf die Qualitäten des einzelnen Bildes. Und die sind bei Sisley nicht zu unterschätzen. Dicht und doch locker gefügte Maloberflächen, sensible Lichtregie, ein Duft von unmerklicher Leichtigkeit über beinahe jedem Sujet: So rückt uns der unterschätzte Sisley sympathisch nahe.

Der Maler wollte nach eigener Aussage zeigen, dass jedes Detail der Wirklichkeit in Licht eingehüllt ist. Genau das machte er. Und zwar so gut, dass es heute meistens übersehen wird. Auf Sisleys Landschaften glitzern die Wasserflächen, rauschen die Bäume. Und die wattigen Wolken wandern über den blauen Himmel, als machten sie dort einen Sonntagsspaziergang. Dabei bleibt diese Verzauberung ganz und gar im Diesseits. Sisleys Landschaften sind keine Räume mit Verweischarakter. Sie wirken wie wohnliche Innenräume, die das Stadtareal erweitern. Diese Landschaften bilden Übergangszonen zwischen Metropole und Natur. Menschen bewohnen diese Räume als Betrachter oder Spaziergänger. Sie genießen eine Natur, die den Schrecken der Unübersichtlichkeit verloren hat.

Der Maler selbst hat diesen Raum kaum einmal verlassen. Monotonie oder Konsequenz? Sisley reihte mit stoischer Ruhe eine Landschaft an die andere und malte dennoch nicht immer das gleiche Bild. Sensibel moduliert er auf seinen Winterlandschaften die Tönungen von Schnee. Feinfühlig stuft er Helligkeitsgrade des Lichts ab. Blätterdächer von Bäumen verwandeln sich unter seinen Händen in glitzernde Farbkaskaden. Fortschritte gibt es in diesem Werk – allerdings nur als Mikroschritte um ein geheimes Zentrum herum. Sisley löst Wirklichkeit in Licht auf. Ja, allerdings weniger wagemutig als Claude Monet.

Nichts zeigt dies eindringlicher als der Vergleich der Kathedralenbilder beider Künstler. Sisley hört von der heute legendären Serie der Fassade der Kathedrale von Rouen, die Monet zu einem der aufregendsten Seherlebnisse formt, die Malerei bis heute zu bieten hat. Ohne Monets Bilder gesehen zu haben, macht er sich an einen Zyklus von Bildern der Kirche von Moret – und kommt über vergleichsweise banale Darstellungen nicht hinaus. Ein Desaster? Vielleicht. Auf jeden Fall bleibt Sisley klar hinter Monet zurück. Der ganz weite Wurf nach vorn gelingt ihm nicht. Mit einer Ausnahme. Seine späten Bilder vom mächtigen Storr’s Rock an der walisischen Küste verblüffen mit einer kompakt kraftvollen Malerei, wie sie auch von Francis Bacon oder Georg Baselitz stammen könnte. Ein später Geniestreich. Ja. Allerdings starb Sisley kurz darauf. Der Ausbruch aus seiner thematischen Routine blieb Episode.

Das ändert nichts daran, dass Wuppertal nun eine unbedingt sehenswerte und sorgfältig eingerichtete Ausstellung bietet. Das Budget der Präsentation übernimmt übrigens wieder einmal die Wuppertaler Jackstädt-Stiftung. Ohne solche „Drittmittel“ wären Ereignisse wie die Sisley-Schau nicht möglich.