Weltstar der Malerei Das Auge des Medienzeitalters: Gerhard Richter 85

Von Dr. Stefan Lüddemann | 08.02.2017, 17:05 Uhr

Gerhard Richter wird am 9. Februar 2017 85 Jahre alt. Seine Gemälde reflektieren deutsche Erinnerungsgeschichte und die Medien. Ein Porträt des wichtigsten Malers der Welt.

Er gilt als der große Schweiger der Kunst. Dabei füllen seine Interviews Bände. Er schimpft über Auktionsrekorde. Und genießt die Spitzenpreise, die für seine Werke gezahlt werden. Als Sphinx wird er gern bezeichnet. Und das mit Recht. Denn Gerhard Richter inszeniert sich gern als Rätsel. Mysteriös wirkt seine Allgegenwart. Und seine Wandlungsfähigkeit. Themen von Wirtschaftswunder bis Holocaust, Malstile von realistisch bis abstrakt - Richter hat alle Motive und Genres seiner Kunst besetzt. Heute gilt er als der Weltpräsident der Kunst schlechthin. Kein Wunder. Gerhard Richter hat die Malerei ins Medienzeitalter geführt. Hier weiterlesen: Gerhard Richter wird 85: Wo sind seine Bilder jetzt zu sehen?

Deutsch-deutscher Lebenslauf

Der grau verwischte „Tisch“ von 1962 ist die Nummer eins im Werkverzeichnis. Im Westen nimmt die Bilderproduktion mit dem Namen Gerhard Richter ihre Arbeit auf. Die Wandbilder im Stil des sozialistischen Realismus, die Richter als junger Mann in seinem Geburtsort Dresden malt, drückt er in eine lange beschwiegene Vergangenheit weg. Kurz vor dem Mauerbau 1961 geht der 29Jährige in die Bundesrepublik, studiert nach seiner Zeit an der Dresdner Kunsthochschule noch einmal, nun an der Düsseldorfer Kunstakademie bei Karl-Otto Götz, einem Granden des Informel. Subjektiver Ausdruck ist aber nicht Richters Sache. Mit den berühmten Fotobildern avanciert er zum Chronisten Deutschlands und zum Inbegriff eines Malers, der sein Medium wie ein Forscher reflektiert. Hier weiterlesen: Gerhard Richter kritisiert den Kunstmarkt - was sagt uns das?

Blick ins kollektive Fotoalbum

Gerhard Richter schaut in das kollektive Fotoalbum der Deutschen - bis heute. Von seinem Bild „Motorboot“(1965) lachen uns die Konsumenten des Wirtschaftswunders entgegen. Richter gräbt aber tiefer. „Onkel Rudi“ und „Tante Marianne“, beide aus dem Jahr des „Motorboots“, sehen wie alte Familienporträts aus. Hinter harmlos scheinenden Motiven lauert aber die Sprengfalle verdrängter Erinnerung. „Onkel Rudi“ im Soldatenmantel zeigt einen im Krieg gefallenen Angehörigen, „Tante Marianne“, das Mädchen mit dem Seitenscheitel, jene psychisch kranke Tante des Künstlers, die von den Nazis ermordet wurde. Vor ihr malt Richter sich selbst, als unschuldiges Baby, das von all den Desastern der Nazi-Zeit und des Zweiten Weltkrieges nichts wissen kann. Hier weiterlesen: „Tante Marianne“ - wie Gerhard Richter gegen das Vergessen malte.

Requiem für RAF-Terroristen

Gerhard Richter zielt mit seinen kühl kalkulierten Bildern auf die Schwachstellen kollektiver Verdrängung. Sein „Großer Vorhang“ von 1967 wirkt im Rückblick wie ein Symbol des Stillstandes der bleiernen Adenauer-Zeit. Mit seinem Zyklus „18. Oktober 1977“ macht er 1988 die RAF-Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe, die in der „Todesnacht von Stammheim“ gemeinsam Selbstmord begehen, zum Motiv eines Requiems in melancholischen Grautönen. „September“ nennt Richter lapidar ein kleines Bild von 2005, das mit dem Aufprall eines Flugzeuges in einem der New Yorker Twin Tower die Anschläge vom 11. September 2001 auf ihre durch das Fernsehbild vorgeprägte Bildformel bringt. 2014 malt er Bilder nach Fotos aus dem Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau und verwischt sie dann wieder. In seiner abstrakten Bildsprache soll der Zyklus „Birkenau“ die Unfassbarkeit des Holocausts andeuten. Hier weiterlesen: Das Bild zum Terroranschlag - Gerhard Richters „September“.

Kein bloßer Historienmaler

Doch Richter betreibt kein Agendasetting in der Malerei. Als bloßer Historienmaler des ausgehenden 20. Jahrhunderts wäre er auf eine isolierte Rolle reduziert. Richter zeigt die Signaturen epochaler Ereignisse in ihrer medialen Spur. Jedes Gemälde bildet sein Motiv nicht einfach ab, sondern führt vor, wie es in den Medien sichtbar wird: als unscharfes Illustriertenfoto oder flimmerndes TV-Bild, als prägnanter Schnappschuss, der in die kollektive Erinnerung eingegangen ist. Richter arbeitet mit Spiegelungen in Glasscheiben, mit flimmernden Grautönen auf seinen riesigen „Silikat“-Tafeln oder wandfüllenden Farbrastern. Wirklich ist auf diesen Bildern nicht das Motiv, sondern die Bildoberfläche. Gerhard Richter führt unser Medienzeitalter vor. Das macht ihn zum Picasso des 21. Jahrhunderts. Hier weiterlesen: Düsseldorf zieht den Vorhang weg! Und Gerhard Richter ist dabei.

Künstler ohne Skandale

Seit 60 Jahren schichtet Richter sein Riesenwerk auf. Der nach außen unscheinbar wirkende Mann, der in der Fußgängerzone nur Kennern auffallen würde, kommt dabei, anders als manche Künstlerkollegen, ohne Skandale aus. Der dreimal, unter anderem mit der Bildhauerin Isa Genzken verheiratete Künstler ist kein Ironiker wie Sigmar Polke, kein Selbstdarsteller wie Markus Lüpertz oder ein Berserker wie Georg Baselitz. Corinna Belz´ Dokumentarfilm „Gerhard Richter - Painting“ von 2011 zeigt Richters Kölner Atelier als aufgeräumten Produktionsort und den Künstler selbst als Technokraten seiner Kunst, der kurz erscheint, unaufgeregt ein Rakel über eine Bildoberfläche zieht, prüfend schaut und wieder verschwindet. Hier weiterlesen: „Mustang-Staffel“ und „Betty“ - Düsseldorf zeigt Richters Editonen.

Sieben Mal bei der Documenta

Richter braucht keine Show. Der Künstler, der mit sieben Documenta-Teilnahmen den Rekordplatz mit Joseph Beuys und Pablo Picasso teilt, firmiert als eigene Weltmarke. Werkschauen wie „Gerhard Richter“ 2005 in der Düsseldorfer Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen oder „Panorama“ 2012 in der Neuen Nationalgalerie Berlin inszenieren ihn als Klassiker. Rekordverkäufe wie der eines „Abstrakten Bildes“ 2015 bei Sothebys für 41 Millionen Euro heben Richter selbst im überdrehten Kunstmarkt in stratosphärische Höhen. Ungreifbarkeit lässt Richter erst recht übermächtig erscheinen. Dass sein Glasobjekt „Schwarz, Rot, Gold“ das Foyer des Berliner Reichstages prägt und sein schillernd buntes Glasfenster im Kölner Dom leuchtet, entspricht dem Bild, das Gerhard Richter von sich selbst inszeniert. Der Maler als mediales Auge seines Zeitalters: Vielleicht besteht Richters eigentliche Gipfelleistung darin, diese Position erreicht zu haben. Hier weiterlesen: „Panorama“ - die Richter-Retrospektive in der Neuen Nationalgalerie Berlin .

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