Welche Konsequenz hat das Millionenspiel? Achenbach-Skandal beschädigt die Kunst

Von Dr. Stefan Lüddemann | 15.08.2014, 09:00 Uhr

Ob Kunstwerke, Oldtimer oder Szene-Restaurants: Insolvenzverwalter Marc d’Avoine macht gerade die Bestände des inhaftierten Kunstberaters Helge Achenbach zu Geld. Doch während in dieser Affaire alle über Euros und Dollar reden, bleibt eine Frage unberührt: Was macht der Millionenskandal mit der Kunst?

Zur Erinnerung: Helge Achenbach, international versierter Kunstconsulter , sitzt seit Juni in Haft. Der Vorwurf: Der alerte Düsseldorfer Vermittler, der die Profession des Kunstberaters mit erfunden hat, soll dem inzwischen verstorbenen Aldi-Erben Berthold Albrecht Kunstwerke und Oldtimer mit verdeckten Preisaufschlägen verkauft haben. Der Schaden soll, so die Staatsanwaltschaft Essen, im zweistelligen Millionenbereich liegen.

Nachdem drei Unternehmen Achenbachs Insolvenz angemeldet haben, schätzt Rechtsanwalt d’Avoine die Sachwerte der Unternehmensgruppe. Kunstwerke, unter anderem von Maler Gerhard Richter, Fotograf Andreas Gursky und Bildhauer Tony Cragg – sie alle sind internationale Stars – sollen laut Insolvenzverwalter einen Wert im „siebenstelligen Bereich“ haben. Kunstwerke, die in Achenbachs Düsseldorfer In-Restaurant „Monkey’s“ platziert waren, sind schon fortgeschafft – darunter Bronzeaffen des 2007 verstorbenen Jörg Immendorff.

 Was bedeutet die Affaire um Helge Achenbach für die Kunstwelt? Lesen Sie hier die Hintergründe. 

Jetzt schlägt genau jene Investement-Logik zurück, die Helge Achenbach konsequent vorangetrieben hatte. Jahrelang verkaufte er Superreichen Kunstwerke mit Renditeaussicht. Der Kunstberater soll sogar die Rücknahme von Kunstwerken bei ausbleibender Gewinnmarge angeboten haben. Achenbach koppelte Kunst an ihre Wertsteigerung. Kein Wunder, dass der Berater den Kult um Stars der aktuellen Kunst durch seine Strategie entscheidend mit angeheizt hat. Kurz vor seiner Verhaftung hatte Achenbach noch das Quartier der deutschen WM-Mannschaft in Brasilien mit Kunst ausgestattet.

 Die Fotos von Achenbach-Künstler Andreas Gursky haben aucin Hannover provoziert. Lesen Sie hier warum. 

Dass Achenbach nun von Promi-Anwalt Sven Thomas vertreten wird, der gerade Formel-1-Macher Bernie Ecclestone in München vertreten hat, ist eine Sache für den Boulevard. Für die Kunstszene bleibt ein Schaden, der sich nicht auf Euro und Cent berechnen lässt, aber gerade deshalb an die Substanz geht. Achenbachs Geschäftspraktiken haben aus der Allianz von Kunst und Geld ein Amalgam gemacht, dessen Bestandteile sich nicht mehr trennen lassen. Die spiegelblanken Großfotos von Andreas Gursky oder die hyperperfekten Gemälde von Gerhard Richter erscheinen im Hinblick auf Achenbachs Geschäftspraktiken in einem fatal anderen Licht.

 Warum ist Kunst eigentlich so teuer? Lesen Sie hier die Analyse. 

Sind die Geldinteressen der Verwerter in die Konzeption der Kunst mit eingeflossen? Seit den Avantgarden der Moderne pochen Künstler auf ihre Autonomie und Unabhängigkeit. Inzwischen ist Kunst hingegen weniger Träger neuer Ideen als Medium des großen Geldes. Heute kaufen nicht nur Kunstliebhaber oder Konzerne, sondern global agierende Sammler und Superreiche mit sehr viel frei verfügbarem Geld, das in Kunst werterhaltend angelegt wird. Das verändert den Charakter der Kunst. In der Affaire um die Nazi-Raubkunst der Sammlung Gurlitt wird Kunst mit moralischer Schuld identifiziert. Der Achenbach-Skandal macht aus Kunst das Signum provozierenden Überflusses.

Dabei soll Kunst die Kultur einer Gesellschaft bewegen. Sie soll Themen setzen, Wahrnehmung verändern, Debatten anregen. Kann das eine Kunst noch leisten, die zur Spielmarke des Investments geworden ist? Künstler haben sich immer wieder der Verwertbarkeit entzogen. Sperrige Land Art oder kühle Konzeptkunst sind Paradebeispiele einer Kunst, die sich dem Objekt und damit dem Handel verweigert. Aktuell stehen für diesen Trend Künstler, die Kunst als Intervention auf Zeit platzieren.

 Was zeigt Michael Beutler demnächst in der Kunsthalle Osnabrück? Lesen Sie hier das Gespräch mit dem Künstler. 

Musterbeispiele liefern derzeit Olafur Eliasson mit Lichtsensationen und Michael Beutler mit Rauminstallationen, wie sie ab dem 12. September in der Kunsthalle Osnabrück zu sehen sein werden. Derzeit verzaubert Beutler die Münchener City – mit knallbunten Objekten aus Trinkhalmen. Was sicher kein Investor kaufen will, bezaubert die Menschen, ebenso wie Eliassons Lichteffekte. Kunst distanziert sich so vom Markt, wird auf Zeit Teil von Lebenspraxis und Kommunikation. Der bestürzende Achenbach-Skandal könnte da eine heilsame Trendwende markieren. (Mit dpa)