Was bringt das Programm? Documenta in Athen: Performance steht im Mittelpunkt

Von Dr. Stefan Lüddemann | 03.04.2017, 08:00 Uhr

Am 8. April 2017 startet die Documenta 14 in Athen - mit vielen Performances. Das ist Programm. Adam Szymczyk konzipiert eine politische Documenta. Ein Ausblick.

Reiter sollen in triumphalem Zug Athen von der Akropolis bis zum Parlament durchqueren. Das Künstlerduo Wolfgang Prinz und Michel Gholam wird auf der Agora, Athens antikem Versammlungsplatz eine Performance aufführen. Und die Kroatin Sanja Ivekovic, die während der Documenta 13 ein Mohnfeld vor dem Kasseler Fridericianums gestaltet hatte, will den Avdi-Platz in einem Arbeiterviertel der griechischen Metropole mit einem „Kollektiv gesprochenen Akt“ zu neuem Leben erwecken. Wer die Programmliste sichtet, stellt fest: So viel Performance war nie bei der einer Documenta. Dies gilt jedenfalls für den Teil der Präsentation, die am 8. April 2017 in Athen starten wird. Ob antike Kulturstätten oder Szeneviertel: Vor allem Performances verwandeln Griechenlands Hauptstadt während der Documenta-Laufzeit bis zum 16. Juli 2017 in ein regelrechtes Freiluft-Theater. Hier weiterlesen: Documenta und Co - wie wir mit Großformaten der Kunst unsere Zeit wahrnehmen. 

„Parlament der Körper“

Mit dem Begriff „Parlament der Körper“ haben die Macher der 14. Ausgabe der Super-Ausstellung schon 2016 ihr Konzept auf den Begriff gebracht. Der menschliche Körper ist zentraler Bezugspunkt der Performance. Diese Kunstform macht den Körper zum Medium und zum Thema der Kunst gleichermaßen. Performer spielen allerdings keine Rolle, sie sind identisch mit sich selbst und ihrer Darbietung. Documenta-Chef Adam Szymczyk stellt nicht ohne Grund die Kunstgattung der Performance so nachdrücklich in den Mittelpunkt. Der Kurator ruft damit das Erbe jener Performer auf, die in den sechziger und siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts Grenzen der Kunstkonvention gesprengt haben. Zugleich schließt er moderne Kunst mit Antike kurz. Im klassischen Athen um 500 vor Christus verbanden die Dionysien das Fest der Bürger mit den Aufführungen großer Tragödien. Performances auf öffentlichen Plätzen nehmen diese Tradition nun wieder auf. Hier weiterlesen: Von der Klassik zur Krise? So wird die Documenta 14. 

Kunst als Gegengewicht

„Von Athen lernen“: Der Titel der Documenta 2017 erhält gerade mit dem umfangreichen Programm an Performances seinen Sinn. Adam Szymczyk und sein Kuratorenteam wollen Kunst als Sache aller vorführen, als Medium, mit dem Kommunikation neu gestiftet, Gemeinschaft neu gebildet werden kann. Die Documenta bildet damit ein kritisches Gegengewicht zu einer Politik im Krisenmodus, der von vermeintlichen Sachzwängen diktiert wird - so darf das kuratorische Konzept wohl als konsequent politische Botschaft verstanden werden. Mit der Wahl Athens als zweitem, durchaus gleichberechtigtem Ort der Documenta dreht Szymczyk die Sichtachse. Nun fällt der Blick aus dem armen Süden Europas auf den reicheren Norden und dessen Lebensweise. Hier weiterlesen: Neue Karte der Welt: Der Kommentar zur Documenta 14. 

Kochen und Essen

Aus der Krise Kunst machen: Dieser Grundzug prägt Performances wie die von Ibrahim Mahama auf dem Syntagma-Platz vor dem griechischen Parlament oder jenes kollektive Kochen und Essen, das Rasheed Araeen in Zeltpavillons auf dem Kotzia-Platz vor dem Athener Rathaus inszenieren will. Die stundenlangen Performances tragen Kunst in die Zentren politischer Entscheidungsfindung - als Modelle alternativer Form des Miteinanders. Aber auch die Ausstellungsorte reflektieren die Brüche und Krisen des heutigen Griechenland. Mit der Documenta wird nun endlich das EMST, das Museum für zeitgenössische Kunst, geöffnet. Das Haus war durch jahrelange Bauprojekte blockiert. Ein großer Teil seiner Sammlung soll im Kasseler Fridericianum gezeigt werden. Zu den Ausstellungsorten gehört auch das Museum im Freiheitspark. In den Gebäuden folterten die Schergen der bis 1974 regierenden Militärjunta politische Gegner. Hier weiterlesen: Von Athen lernen - Documenta plant den Kunsttransfer. 

Achse durch Europa

Aber nicht nur das EMST und Fridericianum werden eine Achse der Kunst quer durch Europa bilden. Künstler Ross Birrell will die Reiter, die Athen durchqueren, anschließend auf die lange Reise nach Kassel schicken. Dabei reiten sie auch Pferde aus einer griechischen Zucht, die sich Hermes nennt. So hieß auch der antike Götterbote, Schutzpatron der Reisenden, Vorbild aller Vermittler. Die Documenta in Athen als große Geste europäischer Verbindungen? So wird diese Ausgabe der Documenta wohl zu lesen sein.