Vor 75 Jahren wurde Song vorgestellt „White Christmas“: Die Mutter aller Weihnachtshits

Von Michael Ossenkopp, Michael Ossenkopp | 25.12.2016, 09:00 Uhr

Das Lied „White Christmas“ gilt als kommerziell erfolgreichster Weihnachtssong aller Zeiten. Erstmals präsentierte Sänger Bing Crosby den Kassenschlager der Öffentlichkeit in seiner NBC-Radioshow vor 75 Jahren, am 25. Dezember 1941.

Obwohl Irving Berlin ein begnadeter Komponist war, konnte er weder Noten lesen noch schreiben. Anfang Januar 1940 stürmte der eigentliche Langschläfer frühmorgens ins Büro seines Musik-Verlags in Manhattan und sagte zu seinem Assistenten Helmy Kresa: „Ich möchte, dass du ein Lied aufschreibst, das ich am Wochenende fertiggestellt habe.“ Der aus Meißen stammende Kresa hatte stets die Aufgabe, Berlins Ideen in Notenform zu bringen. So auch dieses Mal die neue Komposition „White Christmas“. Darin erinnert sich der Erzähler an vergangene Zeiten und wünscht sich in eine verschneite Märchenlandschaft zurück: „I’m dreaming of a white Christmas/Just like the ones I used to know“ („Ich träume von einer weißen Weihnacht, so einer, wie ich sie von früher her kenne.“)

450 Hits geschaffen

Berlin war einer der berühmtesten Songschreiber des amerikanischen Showgeschäfts, das Energiebündel verfasste in seinem Leben mehr als 800 Songs, von denen 450 zu Hits wurden. Dazu gehörten Musicals wie „Annie Get Your Gun“ und die Evergreens „There’s No Business Like Showbusiness“ oder „Puttin’ On The Ritz“. Unter dem Namen Israel Baline hatte er 1888 in Sibirien das Licht der Welt erblickt, nach antijüdischen Pogromen flüchtete der Sohn eines armen russischen Kantors mit seiner Familie in die USA. Schon mit 13 verließ er das Elternhaus, schlug sich als Straßensänger und Klavierspieler durch.

Von seinem neuen Weihnachtslied war Berlin vollends überzeugt. „Es ist nicht nur der beste Song, den ich jemals geschrieben habe, sondern es ist der beste Song, den jemals jemand geschrieben hat“, soll er nach Fertigstellung gesagt haben. Doch als das Werk dem bekannten Sänger und Filmstar Bing Crosby zum ersten Mal vorgestellt wurde, war der weniger euphorisch, meinte aber: „Ich glaube nicht, dass es damit Probleme geben wird.“ Er nahm den Song in sein Repertoire auf und entdeckte erst langsam die Qualität der Komposition. Im Nachhinein soll er zu seiner Sangesleistung gesagt haben: „Selbst eine Dohle mit Hasenscharte hätte das Lied erfolgreich singen können.“

Nach der Premiere vom Weihnachtstag 1941 – von dem Auftritt sind keine Aufnahmen erhalten – wurde „White Christmas“ am 29. Mai 1942 in den Decca-Studios in New York City aufgenommen. Das Stück gehörte neben weiteren Songs zum Soundtrack des Films „Musik, Musik“ (im Original „Holiday Inn“) mit Crosby und Fred Astaire. Das Lied erklingt bereits im Vorspann und später neben der Interpretation von Crosby auch in einer Version von Martha Mears sowie in einer instrumentalen Fassung.

Oscar als bester Filmsong

Der Schwarz-Weiß-Streifen kam am 4. August 1942 in die Kinos, allerdings blieb der Erfolg zunächst aus. Niemand dachte im Hochsommer an „weiße Weihnachten“. Doch Ende Oktober begann der Siegeszug. Angeschoben wurde der vor allem durch GIs, die im Zweiten Weltkrieg fern der Heimat kämpften. Die Soldaten sehnten sich nach dem stillen Glück zu Hause und machten das Lied populär. „White Christmas“ avanciert zum Dauerrenner, 1942 stürmt das Lied elf Wochen lang auf Platz eins und erhält 1943 einen Oscar als bester Filmsong. Weihnachten 1945 und 1946 reicht es erneut zu Spitzenplätzen in den amerikanischen Charts. Am 19. März 1947 muss Crosby den Titel nochmals aufnehmen, weil sich die alten Masterbänder abgenutzt hatten. Das Arrangement bleibt nahezu identisch, doch der Part der Violinen wird stärker hervorgehoben, dadurch wirkt die Nummer noch schwülstiger. Dies ist die Version von Crosby, die wir heute kennen.

Im Jahr 1954 – die Popularität des Songs ist immer noch ungebrochen – wird „White Christmas“ in einem gleichnamigen Farbfilm verwendet. Der deutsche Titel lautet „Weiße Weihnachten“. Unter der Regie von Michael Curtiz („Casablanca“) spielt Komiker Danny Kaye neben Bing Crosby die Hauptrolle, für die Musik ist wiederum Berlin verantwortlich.

Meistverkaufte Single aller Zeiten

Das Weihnachtslied gehört zu den meistverkauften Singles aller Zeiten, aber die genauen Verkaufszahlen sind umstritten, Schätzungen – in den 1940er-Jahren wurden Singleverkäufe noch nicht exakt dokumentiert – gehen davon aus, dass allein die Version von Crosby bis zu 50 Millionen Mal abgesetzt wurde, andere sprechen „nur“ von 30 Millionen. „Candle in the Wind“ von Elton John verkaufte sich 33 Millionen Mal. Hinzu kommen mindestens 500 Coverversionen, beinahe jeder Showstar hat sich schon mal daran versucht, wie Frank Sinatra (1948), Elvis Presley (1957), Michael Bolton (1992), Michael Buble (2003) oder Kelly Clarkson (2013). Weltweit wurde der Klassiker in alle erdenklichen Sprachen übersetzt und auf etwa 125 Millionen Tonträger gebannt. Von der Recording Industry Association of America wurde „White Christmas“ 2001 in die Liste „Songs of the Century“ auf Platz zwei aufgenommen, gleich nach Judy Garlands „Over the Rainbow“.

Idee zur Musik kam wahrscheinlich 1937

Neue Lieder zu Weihnachten etablierten sich im 20. Jahrhundert in den Vereinigten Staaten. Tommy Dorsey hatte bereits 1934 mit „Santa Claus Is Comin’ To Town“ einen Riesenhit, auch Gene Autry mit „Rudolph, the Red-Nosed Reindeer“ stürmte 1949 die weihnachtlichen Charts. Selbst Crosby hatte schon früher einen Weihnachtshit gelandet, sein „Silent Night“ (die englischsprachige Version von „Stille Nacht, heilige Nacht“) war 1935 auf den Markt gekommen. Der Amerikaner mit der Bassbariton-Stimme war nicht nur mit dieser weiteren Single erfolgreich, insgesamt brachte er 396 Titel in die Hitparaden, darunter 38 Nummer-eins-Hits.

Mary Ellin Barrett ist Irving Berlins älteste Tochter. Die knapp 90-jährige ehemalige Journalistin und Schriftstellerin lebt heute zurückgezogen in New York in einem Greenwich-Village-Apartment. „White Christmas ist mein Lieblingslied, seit ich es zum allerersten Mal gehört habe. Ich bin wahnsinnig stolz darauf“, sagt die alte Dame. Das Lied war damals ihr vom Vater gewidmet worden.

„Dass sie bei der Entstehung des Liedes eine wichtige Rolle gespielt hatte, erfuhr sie erst viel später“, stellt der Musik-Journalist Jody Rosen in seinem Buch „White Christmas: Ein Song erobert die Welt“ fest. Vermutlich war dem Komponisten die Idee zu dem Musikstück Weihnachten 1937 gekommen, als er sich wegen der Dreharbeiten am Revue-Film „Alexander’s Ragtime Band“ in Hollywood aufhielt und nicht nach Hause kommen konnte, um die Feiertage mit seiner Frau und den Töchtern an der Ostküste zu verbringen.

Übrigens gilt „White Christmas“ als das wertvollste Song-Urheberrecht der Welt, zumal es alljährlich zu neuen Plattenverkäufen und Rundfunkaufführungen kommt. Davon konnte Berlin lange selbst profitieren. Er starb 1989 im Alter von 101 Jahren an einem Herzinfarkt.