Von Günter Grass bis Pierre Brice 2015 war in der Kultur das Jahr der Abschiede

Von Dr. Stefan Lüddemann | 30.12.2015, 07:00 Uhr

Kein Rückblick ohne Abschied. Für das Kulturjahr 2015 gilt das besonders. Leitfiguren der Künste sind gegangen. Nicht nur deshalb haben sich manche Markierungslinien des Kulturdiskurses merklich verschoben.

„Ich habe einen wundervollen Chef verloren“, sagte Hilke Ohsoling, langjährige Sekretärin von Günter Grass, am 13. April 2015, jenem Tag, an dem der Autor der „Blechtrommel“ starb. Nicht nur Ohsoling, auch eine nach Millionen zählende Öffentlichkeit hatte ihren Chef verloren, ihren Cheferklärer, Chefpolterer, Chefprovokateur. Günter Grass hat nicht nur Weltliteratur geschrieben, er stellte auch allein mit seiner Person ein Kraftfeld dar, dessen virulente Energien die Öffentlichkeit bewegten. Grass’ Tod bedeutet mehr als das Ableben einer Person. Seitdem wird seine Stimme schmerzlich vermisst, bei Grass-Bewunderern wie bei Grass-Gegnern. (Hier weiterlesen: Günter Grass und sein großes Leben - ein Porträt) .

Macher, Schöpfer, Wortführer

Mit beherrschenden Figuren verliert gerade die Kultur viel. Denn als Gewebe bedeutsamer Gesten, Handlungen und Diskurse empfängt sie ihre Impulse über Akteure. Und die sind in der Kultur Macher, Schöpfer, Wortführer. Jetzt fehlen die Themen, die Günter Grass gesetzt hat, jetzt fehlen seine Polemiken und Mahnungen.

Zwei große Häuptlinge

Wir vermissen aber auch die Einsprüche und Beobachtungen von Kritikern wie dem am 26. Februar 2015 verstorbenen Fritz J. Raddatz und von Hellmuth Karasek, der uns am 29. September verlassen hat. Präsidiales Format besaß Kurt Masur, der am 19. Dezember verstarb. Der weltbekannte Dirigent leitete nicht nur das Leipziger Gewandhausorchester und das New York Philharmonic Orchestra, als Friedensmahner half er auch der deutschen Wende 1989 mit auf die rechte Bahn. Und mit Pierre Brice und James Last, die am 6. und 9. Juni 2015 starben, gingen gleich zwei weitere große Häuptlinge der Kultur. Ob edler Apache oder Bandleader in Weiß - Brice wie Last besaßen scheinbar das Privileg zeitenthobener Anwesenheit. (Hier weiterlesen: Hellmuth Karasek und das Spiegel-Cover zu Grass) .

Neue Leitfiguren der Kultur

„Niemand wird ihn von seinem Thron stürzen können“, sagte Jan Sosniok, Winnetou-Darsteller bei den Karl-May-Spielen in Bad Segeberg, einen Tag nach dem Tod von Pierre Brice. Das klingt honorig, ist aber falsch. Neue Personen übernehmen nicht die alten Positionen, sie definieren sie neu. Niemand setzt sich auf verlassene Throne, gerade nicht in der Kultur. Die imaginären Chefsessel von Günter Grass oder James Last oder, um ein, zwei Jahre zurückzublicken, die von Udo Jürgens, Marcel Reich-Ranicki oder Siegfried Lenz bleiben leer. Ob Literaturkritiker Volker Weidermann, Schlagerstar Helene Fischer oder Schriftsteller Navid Kermani: Sie sind neue Leitfiguren im Beziehungsgefüge der Kultur. (Hier weiterlesen: Volker Weidermann und der Neustart des „Literarischen Quartetts“). 

Autoritäten der Kultur verloren

Erfolgreiche Protagonisten dieses Geschehens halten sich, weil sie integer und innovativ, stabilisierend und irritierend zugleich sind. Erst im Moment ihres Verlustes wird jene Kraft spürbar, mit der prägende Personen über lange Perioden Lebensgefühle, Einstellungen, Präferenzen, kurz, die Kultur einer ganzen Gesellschaft codiert haben. Position markieren, Performance zeigen – beides ist dafür unerlässlich. 2015 ist ein Jahr der Abschiede von Autoritäten der Kultur. Und das auch noch in einem weiteren Sinn. Denn gleich mehrere Vorbildfiguren der Kultur haben ihren Nimbus verloren. So etwa Theater-Tycoon Claus Peymann, weil ihm in der Debatte um die Besetzung der Intendanz der Berliner Volksbühne mit dem Ausstellungsmacher Chris Dercon nichts anderes einfiel als grobe Polemik, die von Lernunfähigkeit zeugt. Oder Vorzeige-Dissident Ai Weiwei, der nach Jahren der Kritik an den Autokraten von Peking 2015 Verständnis für ihre Haltung zeigte und damit nachhaltig irritierte. (Hier weiterlesen: Chris Dercon an die Volksbühne - der Berliner Theaterstreit) .

Steiler Absturz

Desillusionierend auch Harper Lees später Roman „Gehe hin, stelle einen Wächter“. In ihm taucht eine Hauptfigur aus Lees Welterfolg „Wer die Nachtigall stört“ von 1960, lange als Inbegriff der Moralität verehrt, als Rassist wieder auf. Noch deprimierender ist der steile Absturz des Kunstberaters Helge Achenbach. Der Mann, der diese Profession regelrecht erfunden hatte, wurde im März 2015 verurteilt, sein Kunstbestand dann zwangsversteigert. Der Mann will wiederkommen, sagt er. Aber wie und womit? (Hier weiterlesen: Harper Lees Welterfolg - eine Marketingkampagne?). 

Plädoyer für das Bewährte

Wo blieb 2015 das Plädoyer für das Bewährte? Ausgerechnet Provokateur Michel Houellebecq hat es geliefert. Sein Roman „Unterwerfung“, ausgerechnet am Tag des Anschlags auf die Pariser Redaktion von Charlie Hebdo am 7. Januar 2015 publiziert, ist eine Klage gegen Wertevergessenheit. Die bittere Satire über eine Funktionselite, die ihre Werte aufgibt und sich dem Islam unterwirft, nur um Privilegien bewahren zu können, trifft einen Nerv

Der Terminator ist wieder da (Hier weiterlesen: Je suis Charlie - ein Slogan für die Werte der Freiheit) .

Auf Granden der Kultur ist also noch Verlass, auch im Jahr der Abschiede: auf Houellebecq, den Moralisten im Gewand des Nörglers. Und auf Arnold Schwarzenegger. Der tauchte in der Rolle des „Terminators“ 2015 wieder auf – und das 30 Jahre nach dem ersten Auftritt als Kampfmaschine. Es gibt sie also doch noch, die kleinen Zeichen beruhigender Kontinuität.