Vögel auf der Museumswand Künstlerin Nikola Dicke bespielt das Felix-Nussbaum-Haus mit einer Lichtinstallation

Von Dr. Stefan Lüddemann | 10.10.2012, 13:41 Uhr

Zugvögel machen sich gerade auf den Weg in den wärmeren Süden. Ein Schwarm wird hingegen den ganzen Winter lang in der Osnabrücker City kreiseln: Lichtkünstlerin Nikola Dicke projiziert für drei Monate munteres Vogelgeflatter auf Seitenfront und Turm des Felix-Nussbaum-Hauses.

Ihre Lichtinstallation „inside out“ erzählt in zwei Minuten und 45 Sekunden – so lange dauert eine Bildersequenz – eine Mini-Geschichte, die der Betrachter anrührend oder banal finden kann. Über die blanke Betonwand des Museums wirbelt der Schwarm heran, bedrängt einen einzelnen Vogel, der sich in einen gleichfalls projizierten Käfig flüchtet. Erst als zwei weitere Vögel herannahen, fasst der verschüchterte Piepmatz wieder Mut und fliegt mit seinen Artgenossen davon. Die Idee zu dieser Arbeit sei ihr spontan gekommen, berichtet die 1971 in Witten an der Ruhr geborene und von 2000 bis 2004 an der Kunstakademie Münster ausgebildete Nikola Dicke. In den letzten Jahren hat die Künstlerin bereits an mehreren Orten vom Stadttheater Münster über die ehemalige Synagoge in Drensteinfurt bis zum Stift Börstel im Landkreis Osnabrück Lichtinstallationen verwirklicht.

Mit dem Felix-Nussbaum-Haus bespielt die Künstlerin nun wieder einen denkbar symbolträchtigen Ort. Das Haus bewahrt das Werk des in Osnabrück geborenen und 1944 in Auschwitz ermordeten Malers Felix Nussbaum. Obendrein haben sich Künstlerin sowie Museums- und Kunstverein und Museum als Veranstalter entschlossen, die Lichtprojektion bis zum Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Januar laufen zu lassen. Ist das nicht zu viel Bedeutungslast für diese im Wortsinn federleichte, bisweilen gar verspielt wirkende Installation?

Nikola Dicke hat die Bilder des Vogelflugs zunächst auf Glasplatten gezeichnet, die sie mit Lampenruß eingeschwärzt hatte. Die abfotografierten Bilder montierte sie digital zu einer Projektion, die mit drei lichtstarken Beamern auf die Museumswand geworfen wird. Mit dem Bild des Vogelschwarms ruft die Osnabrücker Künstlerin eine reiche Motivtradition auf. Der griechische Dramatiker Aristophanes entwarf in seiner Komödie „Die Vögel“ (414 v.Chr.) das karikierend verzeichnete Bild von Vögeln, die in Athen die Macht übernehmen. Alfred Hitchcock ließ in seiner verstörenden Film-Vision „Die Vögel“ (1963) Vogelschwärme hilflos flüchtende Menschen attackieren. Und mit dem Roman „Die Möwe Jonathan“ entwarf Richard Bach 1973 die Sehnsuchtsgeschichte von einem Leben jenseits sozialer Anpassungszwänge. Horrorschocker oder Emanzipationsmärchen – das Vogelmotiv eröffnet ein denkbar diffuses Deutungspanorama. Nikola Dicke abstrahiert ihre Vögel obendrein so sehr zum schneeweißen Zeichengestrichel, dass der Betrachter von Taubengeflatter bis Möwenflug oder Krähenschwarm alles wahrnehmen darf.

Die Geschichte von Käfighaft und Befreiung zu neuem Leben bereitet visuelles Vergnügen. Sie wirkt allerdings allzu harmlos im Kontext des Holocaust-Opfers Felix Nussbaum, dessen Weg durch bittere Exilstationen in einen grauenhaften Tod führte. So wie der gezeichnete Vogel im Käfig landet die Künstlerin mit dieser Lichtinstallation prompt in der Niedlichkeitsfalle. Ihr Projekt bebildert eine Fassadenwand. Dabei bleibt es dann allerdings auch. „inside out“ mag künstlerische Qualität besitzen, als Installation und damit als künstlerischer Kommentar wirkt sie ausgerechnet in diesem Museumskontext fragwürdig.

Mit dem Projekt setzt der Osnabrücker Museums- und Kunstverein eine Serie von Installationen fort, zu der vor Jahren auch Marie-Jo Lafontaine und Patrick Dougherty beitrugen. Das 18000 Euro teure Projekt von Nikola Dicke wird vom Museumsverein, dem Landschaftsverband Osnabrücker Land e.V. und Sponsoren unterstützt.

Osnabrück, Felix-Nussbaum-Haus: inside out. Lichtinstallation von Nikola Dicke. Eröffnung: Freitag, 12.Oktober, 18 Uhr.

Bis 27. Januar 2013.

 www.osnabrueck.de/fnh ; www.nikoladicke.de