Tolkien und Erster Weltkrieg John Garths Buch „Tolkien und der Erste Weltkrieg“

Von Christine Adam | 11.07.2014, 17:59 Uhr

Wer das gewaltige mythische Geschehen um den Ring der Macht aus J.R.R. Tolkiens Fantasy-Trilogie „Herr der Ringe“ kennt – der sieht darin am ehesten eine Allegorie auf den Zweiten Weltkrieg und die erschütternden Geschehnisse während der nationalsozialistischen Diktatur. Doch nicht der Zweite, sondern bereits der Erste Weltkrieg hat den späteren Oxforder Altenglisch-Professor zu seinem epischen Erfindungsreichtum mitinspiriert.

Osnabrück. Wer das gewaltige mythische Geschehen um den Ring der Macht aus J.R.R. Tolkiens Fantasy-Trilogie „Herr der Ringe“ und darüber hinaus bis hin zu deren Vorgeschichte im „Silmarillion“ aus Film oder Buch kennt, diesen geradezu kosmischen Kampf der guten und bösen Mächte – der sieht darin am ehesten eine Allegorie auf den Zweiten Weltkrieg und die erschütternden Geschehnisse während der nationalsozialistischen Diktatur. Hier die unsterblichen Kräfte des Lichts und der Humanität, die Elben. Dort die Mächte des Bösen um die einst gefallene erzengelhafte Figur des Sauron mit unersättlichen Macht- und Vernichtungsgelüsten. Dazwischen ein Trüppchen mit den Elben verbündeter Freunde, das unter schier unendlichen Gefahren und Strapazen den unheilvollen Mord und Zwietracht säenden Ring der Macht für immer aus der Welt schaffen will.

Doch nicht der Zweite, sondern bereits der Erste Weltkrieg hat den englischen Philologen und späteren Oxforder Altenglisch-Professor Tolkien zu seinem epischen Erfindungsreichtum mit eigens erfundener Elben-Sprache („ Quenya “) mitinspiriert – neben seinen damaligen Lieblingsquellen, den altnordischen Götter- und Heldensagen wie der „Edda“. Das legt jetzt äußerst kenntnisreich und akribisch genau ein englischer Literaturwissenschaftler und Journalist dar.

John Garth schildert erstmals ausführlich und detailliert, das betont er, was Tolkien als junger Offizier auf den Schlachtfeldern Frankreichs, etwa der Somme, erlebt hat. So gut wie aussichtslose und extrem verlustreiche Gefechtsposten zwischen den Fronten haben er und seine engsten Freunde und aus ihrer schulischen „Teaclub und Barrovian Society“ (TCBS) erlebt. Militärisch nicht aufeinander abgestimmte Angriffe, wie sie Tolkien bei der Somme-Offensive erlebte, fließen in die Schlacht der „Ungezählten Tränen“ im „Silmarillion“ ein und führten in die absolute Katastrophe. Garth schreibt: „Tolkiens Legendarium nahm unmittelbar nach der Somme die Dimension einer Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse an.“

John Garth glaubt sogar, dass die Panzer, die erst im Laufe des Ersten Weltkriegs ins Feld geführt wurden, mit ihrer den Soldaten neuen, unheimlichen und „Feuer spuckenden“ Gefahr das Vorbild für Tolkiens gepanzerte Drachen mit ihrem vernichtenden Feueratem wurden, etwa beim Angriff auf Gondolin. Das apokalyptische Grauen, das Tolkien und seine Freunde in den aussichtslosen Stellungskriegen zunehmend mehr empfanden bis zur völligen Abstumpfung ihrer künstlerischen Kreativität, teilt sich laut Garth im vorwärtsfressenden Flächenbrand des Bösen in der „Ring“-Trilogie mit.

Garth verteidigt Tolkien daher mit guten Argumenten gegen zeitgenössische Vorwürfe der Kriegsverherrlichung und des Eskapismus. Der Schriftsteller, so hieß es schon damals, habe sich mit seinem altertümlichen Schreibstil und seinem traditionellen Heldenepos in frühere mythen- und märchenhafte Dichtungsformen geflüchtet, statt sich der modernen, durch den Ersten Weltkrieg geläuterten Kriegsliteratur zu stellen. Dem hält Garth entgegen: „Wahrheit sollte niemals der alleinige Besitz eines literarischen Modus sein.“

Anders als zwei seiner TCBS-Freunde konnte Tolkien dem Soldatentod in Frankreich entkommen, weil er ein durch Läuse übertragenes Schützengrabenfieber entwickelte, das ihm jahrelang schwächte. Spannend, gerade auch für junge Leute, ist ein anderer Aspekt des Buches: die tiefe, aber nicht unkritische geistige Verbundenheit der TCBS-Freunde zueinander, die sich in fruchtbarem Austausch von Gedanken, moralisch-ästhetischen Haltungen und ersten Werken zur Kreativität motivierten. Ob Tolkien ohne sie den Mut zu seinem Lebenswerk gefunden hätte? Das Buch ist lesenswert, wenn auch Garths Beschreibungen von Tolkiens Lyrik und Epik ein bisschen Geduld erfordern.

John Garth, „Tolkien und der Erste Weltkrieg – Das Tor zu Mittelerde“. Klett-Kotta, 464 S., 22,95 Euro