TJ Khayatan narrt das Publikum Brille im Museum: Das Netz lacht über Kunst-Streich

Eine Kolumne von Dr. Stefan Lüddemann | 27.05.2016, 15:39 Uhr

Ein Teenager legt in einem Museum seine Brille auf den Boden. Das fotografierte „Kunstwerk“ wird zum Lacherfolg im Netz. Der eigentliche Witz: Das ist Kunst.

Der 17-jährige TJ Khayatan habe mit seinem „Lausbubenstreich“ die Besucher des gerade wieder eröffneten Museum of Modern Art (MoMA) in San Francisco an der Nase herumgeführt, melden Medien. Vor der Brille versammelten sich Besucher, um das „Exponat“ abzulichten. Khayatan postete Bilder von den fotografierenden Besuchern auf Twitter. Sein Eintrag wurde in kürzester Zeit mehr als 50 000 Mal geteilt und erhielt bis Donnerstag schon mehr als 54 000 Likes. Das Netz lacht über Kunst, die nach Ansicht vieler Leute keine ist - und damit natürlich über eine Kunstwelt, in deren Augen buchstäblich alles zum Kunstwerk werden kann. (Weiterlesen: Wo bleibt die Aura der Kunst im digitalen Zeitalter?)

Intervention in den Raum?

Was hätte ein Kurator zu der Sache gesagt? Er hätte womöglich von einer ortsspezifischen Installation gesprochen oder eine Intervention in den Raum diagnostiziert und mit ihrem Diskurs aus dem Alltagsgegenstand auf jeden Fall ein Exponat gemacht. Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts stellte Marcel Duchamp ein umgedrehtes Pissoir als „Fontaine“ und einen Flaschentrockner als Skulptur aus. Pablo Picasso montierte aus einem Fahrradsattel und einem umgedrehten Fahrradlenker den Kopf eines Stiers - heute ein Klassiker der Kunst. Der Clou: Setzung und Bedeutungswandel machen die Kunst. (Weiterlesen: „Skulptur-Projekte“: Das gibt es 2017 in Münster zu sehen) .

Im Museum gelangweilt

TJ Khayatan erklärte der Webseite „Buzzfeed“, er und seine Freunde hätten sich nach einer Weile im Museum gelangweilt und wären dann spontan auf das Experiment mit der Brille verfallen. Umgehend fotografierten Museumsbesucher aus allen Positionen die auf dem blanken Holzboden liegende Brille. Das Netz reagierte prompt. Auf Twitter amüsierten sich viele User über den Streich, aber auch über die zeitgenössische Kunst. Der Verdacht liegt nahe: Ist Kunst am Ende nicht mehr als die Scharlatanerie von selbst ernannten Experten? (Weiterlesen: Der Kunst-Streich auf Twitter)

Simpler Ortswechsel

Keinesfalls. Das Experiment von TJ Khayatan hat die Kunst nicht als oberflächlich überführt, sondern gerade ihre Wirkungsmacht demonstriert. Von der Nase vor die Museumswand: Mit dem simplen Ortswechsel hat der Jugendliche aus seiner Brille ein Exponat gemacht. Die Besucher reagierten prompt. Für jeden Besucher, der ein Foto machte, war klar: Was ich hier sehe, lässt sich als Kunst beobachten und diskutieren. Der listige Khayatan hat mit seiner Aktion gezeigt, das die Räume der Kunst den Blick verändern und von sich aus Bedeutungen produzieren, die es ohne sie nicht gäbe. Wer diese unsichtbare Grenze überquert, löst genau jenen Kippeffekt aus, den der Jugendliche mit seinem kessen Akt sichtbar gemacht hat. (Weiterlesen: Strategie für das Netz - Kunstsammlung NRW baut „digitales Haus“)

„Vergnügen für offene Menschen“

TJ Khayatan teilt die hämischen Netz-Kommentare über Kunst offenbar nicht. „Letztendlich sehe ich es als ein Vergnügen für offene Menschen und fantasievolle Köpfe an“, sagte er über Kunst. Was Kunst ist und was nicht, entscheidet sich jedenfalls nicht mehr in jedem Fall mit dem Blick auf die Qualität von Objekten. Kunst ist in alle Lebensbereiche expandiert, wird von einem Millionenpublikum an vielen Orten erwartet. Im konkreten Fall geht es übrigens nicht um die Frage, ob die Brille Kunst ist. TJ Khayatan hat Kunst produziert - nicht mit seiner Brille, sondern mit seiner intelligenten Handlung, die umgehend sprechende Reaktionen auslöste. (Weiterlesen: Junge Kunst in der „galerie 29“ in Osnabrück)