Theater der Schatten Documenta 13 – sehenswert (2): William Kentridge fasziniert mit „Refusal of Time“ im Kulturbahnhof

Von Dr. Stefan Lüddemann | 02.07.2012, 13:25 Uhr

Forscher bringen mächtige Teleskope in Stellung. Zeiger rotieren auf riesigen Zifferblättern. Mitten im Raum mahlt und stampft eine monströse Apparatur, die sich ausnimmt wie der Webstuhl, auf dem der Schicksalsfaden geknüpft wird.

Mit „Refusal of Time“ inszeniert William Kentridge ein multimediales Totaltheater zum Thema Zeit und Geschichte. Kentridge beeindruckte als Kämpfer gegen Apartheid, fasziniert als Ausnahmekönner der Kunst, der Kohlezeichnung, Film, Performance, Theater und Objektkunst in Bilderszenarien integriert - virtuos, packend, voll zeitkritischer Brillanz.

Für „Refusal of Time“ hat der Südafrikaner Kentridge mit afrikanischen Tänzern und Sängern gearbeitet, seine Zeichenkunst mit Gesang und Körpertanz kombiniert. Das Ergebnis reißt die Documenta-Besucher jetzt im Kulturbahnhof hin. Über alle Wände eines abgedunkelten Raumes rollt, fließt, flutet ein Strom der Handlungen und bildhaften Assoziationen. Die D 13 hat hier ihren heißesten Geheimtipp.

Kentridge stellt Fragen, die exakt in den Kontext der Documenta 13 passen. Welches Wissen wird produziert, wenn Zeit gemessen, Sternenhimmel kartiert werden? Welche Lesart der Welt dominiert womöglich andere, gleichfalls denkbare Lesarten? Kentridge bringt sich, wie aus früheren Arbeiten gewohnt, selbst ins Bild. Er taucht als Forscher auf, er inszeniert sich als Zeremonienmeister einer Erinnerung, die nur in der Vielfalt der alternativen Bilder ihre ganze Fülle gewinnt.

Der Künstler hat diese Frage direkt beantwortet. Für sein multimediales Spektakel engagierte er afrikanische Tänzer und Sänger, die nun mit Spielszenen in die gezeichnete Bildwelt einmontiert sind. Kentridge setzt den körperhaften Ausdruck der Afrikaner gegen den Westen und seine Wissenschaftlichkeit. Wie in früheren Werken sehen wir den Exodus der Afrikaner ins Nirgendwo als Schattenspiel – ein bildmächtig gesetztes Gleichnis auf das Schicksal der ins Abseits Gedrängten.

Im Kasseler Kulturbahnhof folgen die Documenta-Gänger gebannt dem Bilderfluss, der sich über drei Wandflächen ergießt. Sie sitzen im alten Lagerraum wie in Platons Höhle. Doch William Kentridge dreht das alte Philosophengleichnis über Wirklichkeit und ihre Erkenntnis einfach um: Wo der antike Denker die betrachtenden Menschen nur im Bann bloßer Schatten- und Trugbilder sah, öffnet der Künstler ausgerechnet mit Schemengebilden den Blick für verdrängte Realitäten. Machtvoller kann Kunst kaum wirken.