The Imitation Game Alan Turing – was ist wahr im Film mit Cumberbatch?

Von Daniel Benedict | 22.01.2015, 11:13 Uhr

Alan Turings Leben ist der Stoff des Oscar-Favoriten „The Imitation Game“. Benedict Cumberbatch spielt den Mann, dessen mathematisches Genie den Krieg gegen Hitler verkürzte – und der wegen seiner Homosexualität zur chemischen Kastration gezwungen wurde. Fakten zum Leben von Alan Turing.

Alan Turings Leben ist der Stoff des Films „The Imitation Game“ mit Benedict Cumberbatch . Turings mathematisches Genie verkürzte den Zweiten Weltkrieg um Jahre, sein Denken führt zur Erfindung des Computers – und seine Homosexualität brachte Turing vor Gericht und in die Qualen einer chemischen Kastration. Wer war Alan Turing?

War Alan Turing ein Autist?

In „The Imitation Game“ wird Alan Turing als Autist inszeniert: als Mann mit sozialen Anpassungschwierigkeiten, Unverständnis für Humor und Ironie und mit gelegentlichem Zwangsverhalten – wie dem Trennen von Erbsen und Karotten auf seinem Teller. Tatsächlich gab es Versuche, Turing posthum einen Asperger Autismus zu bescheinigen. Berichte von Freunden und Angehörigen machen die nachträgliche Diagnose allerdings unwahrscheinlich.

(Weiterlesen: „Der Film ist überschätzt!“ – zur Kritik des Oscar-Favoriten „The Imitation Game“.)

Was bedeutet der Filmtitel „The Imitation Game“?

Der Titel „The Imitation Game“ ist doppeldeutig: Auf der einen Ebene greift ein Konzept Turings auf, mit dem die „Intelligenz“ einer Maschine getestet werden soll. Dabei kommuniziert ein Mensch schriftlich mit einem anderen Menschen und mit einer Maschine – wenn es ihm dabei nicht gelingt, die Maschine anhand ihrer Antworten als solche zu identifizieren, hat sie laut Turing ein dem Menschen ebenbürtiges Denkvermögen. Zugleich lässt sich der Titel als Metapher lesen – auf das Versteckspiel, das heimlich homosexuelle Männer und Frauen in einer Gesellschaft führen müssen, die ihr Begehren unter Strafe stellt. (Weiterlesen: Was sagt Benedict Cumberbatch über seine Rolle in „The Imitation Game“? Zum Interview.)

Alan Turings Arbeit an der Enigma-Entschlüsselung

Alan Turing war der führende Kopf der Kryptologen, die im Zweiten Weltkrieg für die Briten Hitlers Codiermaschine Enigma entzifferten. Seine Turing-Bombe, eine Vorform des Computers, machte die Geheimbotschaften der Nazis lesbar – und half laut Historikern, den Krieg um zwei bis vier Jahre zu verkürzen. Vor dem Film „The Imitation Game“ behandelte der Thriller „Enigma“ den Stoff. Was sagt Benedict Cumberbatch über seine Rolle? Zum Interview.

Hat Turing Entscheidungen über Leben und Tod getroffen?

Eine Schlüsselszene in „The Imitation Game“ thematisiert den Umgang mit dem geknackten Enigma-Code. Alan Turing entscheidet, das Wissen um einen bevorstehenden Angriff auf einen britschen Flottenverbund nicht zu nutzen, um die Nazis nicht misstrauisch zu machen. Der Bruder eines Turing-Mitarbeiterns ist damit dem Tod geweiht. Tatsächlich gab es diesen Bruder nie; und strategische Entscheidungen dieser Tragweite wurden auf höheren Hierarchie-Ebenen gefällt.

Alan Turing und der Prozess um seine Homosexualität

Großbritannien hat Alan Turing unvorstellbar viel zu verdanken. In einer Zeit der institutionalisierten Schwulenfeindlichkeit haben seine Heldentaten Turing aber nicht geholfen. 1952 wurde ihm der Prozess wegen seiner Homosexualität gemacht. Um einer Gefängnisstrafe zu entgehen, willigte Alan Turing in eine chemische Kastration ein. (Weiterlesen haben junge Schwule und Lesben es auf dem Land schwerer als in der Stadt?)

Wie starb Alan Turing?

Zwei Jahre nach seinem Prozess starb Alan Turing 1954 im Alter von nur 41 Jahren. Todesursache war eine Blausäure-Vergiftung. Eine offizielle Untersuchung ordnete Turings Tod als Selbsttötung ein; seine Familie ging dagegen von einem Unfall aus.

Pemier und Queen rehabilitieren Turing – Jahrzehnte zu spät

57 Jahre nach dem Prozess, der Alan Turings Leben zerstörte, folgte der britische Premier Gordon Brown dem Anliegen einer öffentlichen Kampagne und entschuldigte sich öffentlich bei Alan Turing für die Grausamkeit, mit der Großbritannien seinen bedeutenden Sohn behandelt hat. Es brauchte noch einmal zwei Jahre, bis Queen Elizabeth II. Alan Turing begnadigte. 1952 hätte sie ihm damit womöglich das Leben retten können. Im Jahr von Turings Prozess wurde sie inthronisiert.

Turings erste Liebe Christopher Morcom

Auf der Vergangenheitsebene schildert „The Imitation Game“ die Jungendliebe zum Mitschüler Christopher Morcom – und bleibt damit bei den Fakten. Wie im Film starb Turings Freund in jungen Jahren an Tuberkulose, mit der er sich beim Trinken von infizierter Kuhmilch angesteckt hatte.

Hieß Turings Decodier-Maschine wirklich wie sein erster Freund?

„The Imitation Game“ bezieht Alan Turings obsessive Beschäftigung mit seinen Proto-Computern auf seine Jugendliebe – indem der Apparat hier den Namen Christopher bekommt. Dahinter steckt eine starke Psychologisierung, die Turings Wissenschaft als Kompensation seiner privaten Not deutet. Tatsächlich ist die Maschine, mit der Turing den Enigma-Code geknackt hat, unter dem Namen Turing-Bombe bekannt.

Alan Turing und Wittgenstein

1939 besuchte Alan Turing in Cambridge Vorlesungen von Ludwig Wittgenstein und disputierte dabei auch mit dem berühmten Dozenten. Die studentischen Mitschriften, aus denen die Lesungen überliefert sind, dokumentieren sowohl Wittgensteins Thesen als auch die Einsprüche Turings.