Stimmungsbild zur Jahreswende Tristesse im Lichterglanz: Paris nach den Anschlägen

Von Dr. Stefan Lüddemann | 05.01.2016, 07:00 Uhr

Die Anschläge vom 13. November 2015, als islamistische Attentäter in Paris über 100 Menschen töteten, haben die freie Welt erschüttert. Wie geht es den Parisern heute? Ein Stimmungsbild zur Jahreswende.

Monsieur Claude spricht nur von „les événements“, den Ereignissen. Die hätten Paris zweifellos zurückgeworfen, sagt der Leiter eines Markencorners in den „Galeries Lafayette“, atmet einmal durch und wirft einen nachdenklichen Blick auf die Kassenbons, die er gerade sortiert. Seit den islamistischen Terroranschlägen vom 13. November, bei denen weit über 100 Menschen starben, hat Frankreichs Kapitale jenen Schwung verloren, den die Pariser nach dem Mordanschlag auf die Redaktion des Satiremagazins „Charlie Hebdo“ am 7. Januar noch trotzig behauptet hatten. Die Ereignisse, jene verheerenden Mordanschläge auf das Stade de France, die Konzerthalle Bataclan und mehrere Cafés, haben die Pariser gezeichnet - auch den sonst so alerten Claude, der für einen Moment wie ratlos zwischen den Kleiderstangen mit den Designeranzügen steht. (Hier weiterlesen: Werte des Westens - Freiheit in den Zeiten des Terrors). 

Eigentlich brandet in Paris über die Weihnachtstage und den Jahreswechsel hinweg das pralle Leben. Vor den Galeries Lafayette und Le Printemps, den Konsumtempeln am Boulevard Haussmann, rund um Oper und Café de la Paix drängen sich Jahr für Jahr die Kauflustigen, die Flaneure, die Touristen in Mengen. Die beiden großen Blöcke der Galeries Lafayette schimmern im Glanz ihrer Festbeleuchtung wie zwei monumentale Schmuckschatullen. Vor ihren Schaufenstern mit den bezaubernden Animationen staut sich der Strom der Menschen. (Hier weiterlesen: Wie der Terror den Blick auf den Alltag verändert hat). 

Doch zum Jahresende 2015 hilft nicht einmal mehr der Griff zu den Motiven aus dem neuen „Star Wars“-Epos. Die mit Figuren der Sternenkrieger besetzten Vitrinen finden ihr Publikum. Doch zum richtigen Menschenauflauf reicht es nicht mehr. Wo sind die Italiener geblieben, die in den früheren Jahren während der Festtage Paris mit ihrem Temperament noch heiterer machten, wo die russische Jeunesse dorée aus Moskau und St. Petersburg, die mit Hermès-Tüten beladen in edle Restaurants einfiel, wo die Chinesen, die aus Reisebussen auf die Avenuen strömten? Paris wirkt leer, irgendwie erschöpft. Und das nicht nur auf den Boulevards. (Hier weiterlesen: Die Anschläge vom 13. November - der Kommentar) .

Imponierend fällt dafür das Aufgebot an Polizei aus, zum Beispiel am Grand Palais. Der markante Glaspalast an den Champs Élysées, der Prachtmeile zwischen Place de la Concorde und Arc de Triomphe, ist bestens gesichert. Gendarmen in schusssicheren Westen haben an Absperrgittern Aufstellung genommen. Die Straßen entlang stehen Einsatzfahrzeuge. Kein Wunder, schließlich gilt dieses martialische Aufgebot nicht allein dem für die Weltausstellung von 1900 errichteten Ausstellungshaus, sondern auch einem Weihnachtsmarkt, dessen Buden gleich nebenan im Lichterglanz erstrahlen. Die Festbeleuchtung zieht sich wie ein strahlendes Band zum Triumphbogen hinauf. Aber Passanten huschen mit schnellem Seitenblick vorüber. Menschenansammlungen sind in Zeiten des Terrors nicht geheuer. (Hier weiterlesen: Humor gegen Probleme - warum sind Frankreichs Kinokomödien so erfolgreich?) .

Fallschirmjäger fahren in den Metros mit, die Maschinenpistole im Anschlag. Securityleute filzen Besucher an Kaufhaustüren, Museumsportalen, Theaterkassen. Die Tasche öffnen, den Wintermantel auch: Die Pariser vollziehen das längst automatisch, ohne noch die Aufforderung abzuwarten. Der Verdacht hat sich eingeschlichen in die Bewegungen und Blicke, er hat den Alltag einer Stadt verändert, die für Lebenslust und kritischen Geist wie keine zweite steht. Vom „Le Procope“, dem 1686 gegründeten Restaurant in der Rue de l‘ ancienne Comédie, in dem die großen Geister der Aufklärung von Diderot bis Voltaire verkehrten, bis hin zu Ernest Hemingways Erinnerungsbuch „Paris, ein Fest fürs Leben“ und Woody Allens Kinoknüller „Midnight in Paris“ von 2011 reicht die Kette der magischen Orte und legendären Hymnen, die dem Namen dieser Stadt der Städte seinen Zauber verliehen haben: Paris! (Hier weiterlesen: Nicht nur „Midnight in Paris“ - Woody Allens beste Filme). 

Alles zerstoben, vorbei? An der Gare du Nord, dem Nordbahnhof, gehörten patrouillierende Soldaten mit Sturmgewehr längst zum gewohnten Bild. Doch nun ist das Gleis an dem der Hochgeschwindigkeitszug Thalys nach Brüssel, Amsterdam und Köln abfährt, in eine Sicherheitszone verwandelt. Flughafenpersonal durchleuchtet Gepäckstücke, Passagiere durchqueren Sicherheitsschleusen. Vor der Abfahrt kontrollieren Polizisten mit Sprengstoffhunden den leeren Zug. Einfach so zusteigen? Das gibt es nicht mehr. Wie ein unfreiwilliger Kommentar auf diese Situation wirkt auch das Kunstwerk des Argentiniers Leandro Erlich. Sein „Maison fond“, das schmelzende Haus, steht seit Oktober 2015 auf dem Vorplatz des Bahnhofes. Eigentlich mahnt die meterhohe Skulptur eines Hauses, das auf dem Straßenpflaster wegzuschmelzen scheint, an die Folgen der Erderwärmung. Aber nun wirkt das wankende „Haus“ wie das Symbol einer Nation in der Schwächephase. (Hier weiterlesen: Je suis Charlie - Slogan zeigt Vitalität westlicher Werte) .

Wo ist Paris noch leicht, noch unbeschwert? Zum Jahreswechsel vielleicht nur in den großen Kunstausstellungen. Das Grand Palais zeigt die duftig gemalten Porträts Adliger, mit denen Élisabeth Vigée-Lebrun im späten 18. Jahrhundert Europas Noblesse verzauberte. Und das Musée du Luxembourg präsentiert „Fragonard amoureux“, einen schaumig aufgequirlten Traum von der Lebens- und Liebeslust des Rokoko. Fragonards Meisterwerke als Gegengift zur alltäglichen Tristesse eines Lebens zwischen Terrorangst und Polizeipräsenz? (Hier weiterlesen: Große Kunst in Paris - Centre Pompidou und Jeff Koons). 

Weit reicht das nicht. Der Pariser Alltag ist, wie in jeder Metropole, nicht nur charmant. Doch mit der Leichtigkeit ist auch die für Frankreichs Kapitale früher bezeichnende Höflichkeit vielfach abgeschliffen. Kleine Ruppigkeiten verraten jetzt die allgemeine Anspannung. Frankreich und den Franzosen geht es seit Jahren nicht gut. Die lahmende Wirtschaft, der Frust über die misslungene Integration, die Unklarheit über den Platz des Landes in der Welt - all das nagt am Selbstgefühl. Jetzt kommt auch noch die Angst vor dem Terror dazu.

Monsieur Claude faltet den Anzug in die Tüte. Die „Soldes“, die Schlussverkäufe, sind ungewöhnlich früh gestartet. Der Preisnachlass auf das neue gute Stück fällt unerwartet hoch aus. Hauptsache Umsatz in ohnehin harten Zeiten: Das scheinen sich die Manager in den Galeries Lafayette zu sagen. Bonne Année, ein frohes neues Jahr, wünscht Monsieur Claude noch. Und lächelt dann doch für einen Moment so verschmitzt wie in all den Jahren zuvor.

 (Hier weiterlesen: Frankreichs Zauber im Film - „Ein Augenblick Liebe“ mit Sophie Marceau und Francois Cluzet).