Spurensuche an Erinnerungsorten der Côte d’Azur Picasso und Sylvette: Ein Traum der Kunst

Von Dr. Stefan Lüddemann | 08.02.2014, 09:00 Uhr

1954 malte Pablo Picasso Bilder nach seinem Modell Sylvette David. Jetzt ist sie an den Ort eines Kunstabenteuers zurückgekehrt. Eine Spurensuche.

Sieht er nicht aus wie Picasso?“. Sylvette David weist mit kokettem Lächeln auf den Mann, der mit ihr auf dem Marktplatz von Vallauris steht. Dominique Sassi breitet mit einer Geste des Erstaunens die Arme aus, lächelt zurück. Dabei hat er genau die gedrungene Gestalt, den mächtig gewölbten Kopf des spanischen Jahrhundertkünstlers – und sogar etwas von dessen magisch intensivem Blick. Sassi schuf Keramiken nach Entwürfen Picassos, Sylvie David stand ihm Modell. Beide waren kleine Monde im Gravitationsfeld des Planeten Picasso. Heute sind sie lebende Spuren der Erinnerung. In Vallauris haben sie sich am „Mann mit Schaf“ getroffen. Denn Sylvette ist zurückgekehrt, zurück an den Ort, an dem sie einst das Modell Picassos war.

1950 macht Picasso die Bronzeplastik „Mann mit Schaf“ dem Örtchen Vallauris an der Côte d’Azur zum Geschenk. In Vallauris fertigt er Tausende Keramiken wie in einem einzigen Rausch, malt 1952 die „Friedenskapelle“ mit einer monumentalen Darstellung von Krieg und Frieden aus . Auf der einen Seite der schwarze Todeswagen des Krieges, der auf einem Strom aus Blut dahinrollt, auf der anderen Seite das weiße Friedensglück mit Familienfrühstück im Freien: „Ist das nicht großartig?“, fragt Dominique Sassi. In der Tat. Diese Kapelle hat die Wucht von Picassos legendärem Antikriegsbild „Guernica“ . In jenen Fünfzigerjahren reißt Picasso den Ort im kreativen Alleingang aus bleiernem Dörnröschenschlaf, macht ihn zum Brennpunkt für Kunst, Feste, Glamour. Und für Stierkämpfe, die eigens für den Kunstmatador abgehalten wurden. In Vallauris tobt der permanente Rausch – selbst für Picassos weit gesteckte Maßstäbe.

Blonder Pferdeschwanz

Jetzt steht Sylvette David genau dort, wo damals alles die Köpfe reckte, wenn sie vorüberkam. Eine junge Frau mit graziös langem Hals und blondem Pferdeschwanz: Sylvette David lebt, wie eine ganze Zeit sich fühlen möchte. Die gerade einmal 19 Jahre alte Schönheit wirkt nach mühsamen Nachkriegsjahren wie das Versprechen auf eine neue unbeschwerte Ära. Den betörend frischen Look, der bald Titelseiten von Magazinen wie „Paris Match“, „Life“ oder „Der Spiegel“ beherrscht und dem sogar Brigitte Bardot nachgeeifert haben soll, muss die Mademoiselle aus Paris nicht kreieren. Sie ist einfach so.

Doch Pablo Picasso macht aus der flüchtigen Schönheit eines flirrenden Sommers am Mittelmeer eine Ikone. Von April bis Juni 1954 malt er die rund 50 Bilder seiner „Sylvette-Serie“, umkreist auf jedem Bild das Geheimnis der unberührbaren Schönheit. Damals hat sich Françoise Gilot gerade von ihm getrennt, Jacqueline Roque ist gerade in sein Leben getreten. Sylvette – kühle Blonde zwischen zwei mediterran dunklen Schönheiten – besetzt in Picassos Leben nur ein Intermezzo. Aber gerade deshalb fasziniert sie – als einzige Frau, die Picasso deshalb glücklich entkommen ist, weil sie sich ihm niemals überlassen hat.

„Picasso hat mich nie angerührt, höchstens einmal, aber dann auch nur wie ein Vater“, sagt Sylvette David heute. Zwei schmale Zöpfe rahmen ihr Gesicht, sie trägt einen rot karierten Mantel über langem Wallerock, ganz wie ein sehr verspätetes Blumenkind, das neugierig auf das schaut, was das Leben bringt, ohne Gedanken an das Morgen zu verschwenden. Hat gerade das auch Picasso fasziniert? „Er war immer gepflegt, gut rasiert. Und er rauchte unentwegt Gitanes-Zigaretten“, erinnert sich David an einem Ort, der schmuckloser kaum sein könnte. Ein Gartentor, dahinter ein flaches Haus, das später in Wohnungen unterteilt wurde: Da war es, das Atelier, in dem sie Picasso Modell saß. Geld hat sie dafür nie genommen, aus Angst, dass der Maler dann verlangen würde, was sie fürchtete – nackt posieren zu müssen. Einmal hat Picasso sie wirklich hüllenlos dargestellt. Ein Fantasieprodukt, sagt Picasso. Eine blanke Aufforderung, denkt damals Sylvette David.

Nicht erst heute ist klar: Zwischen Maler und Modell war nichts, Pablo und Sylvette waren kein Paar. Pablo und Françoise, Pablo und Dora, Pablo und Marie-Thérèse, Pablo und Jacqueline: Diese Paare gab es. Immer eine andere Frau, immer Pablo. Der erhitzte auf seinen Bildern nicht nur das Motiv von Maler und Modell zur schwülen Fantasie, der stilisierte sich auch als Faun und Minotaurus. Der Künstler als Zwitterwesen aus Mensch und Tier: Die Bildchiffre übertrifft an Wildheit und Wucht gar noch den realen Liebesakt. Was macht es, dass Picasso schon 73 ist und Sylvette erst 19? Für Picasso nichts, für Sylvette alles.

„Ich sah ihn als freundlichen, alten Mann“, sagt Sylvette David heute und sinniert über den Mann hinter den Masken von Faun und Satyr. „Er hat mich grau gemalt, weil ich ein graues Kleid trug. Aber Grau steht ja auch für Traurigkeit. Und Picasso war traurig, als er mich malte“, erzählt Sylvette. Mitgefühl verdient Picasso dennoch nicht. Er hat seine Partnerinnen magisch angezogen – und sie dann oft schmählich verlassen, sie damit für ihr Leben gezeichnet. Die Nervenkrisen von Dora Maar, die Selbstmorde von Marie-Thérèse Walter und Jacqueline: Der Kunst-Minotaur hat seine Frauen fasziniert, sie aber auch zerbrochen. Allein Françoise Gilot findet 1953 die Kraft zum Bruch mit dem Mann, der in dem Glauben lebt, dass keine Frau sich je von ihm trennen könnte. Françoise publiziert 1964 ihre Abrechnung als bitteres Erinnerungsbuch. „Leben mit Picasso“ ist der düstere Klassiker über die Kehrseite eines Genies.

Sylvette lernt Picasso dagegen aufreizend beiläufig kennen. Ihr Verlobter, der Bildhauer Toby Jellinek, fertigt verrückte Designer-Stühle. Picasso gefällt, was sein junger Künstlerkollege macht, und bestellt zwei Stühle. Toby und Sylvette bringen sie in Picassos Atelier. Man plaudert, Françoise Gilot serviert Orangensaft. Und es entsteht ein Foto: Pablo Picasso mit Russenmütze, neben ihm die junge Sylvette, die ihre Arme um Picassos Kinder Paloma und Claude breitet – einer jener Schnappschüsse, die deshalb magisch sind, weil sie konservieren, was sich alle wünschen: Augenblicke des Glücks.

Das flüchtige Glück

Das wirkliche Glück ist flüchtig. Das erfährt auch Sylvette David. Sie steht vor der „Villa Galloise“, genau dort, wo das Foto aufgenommen wurde, und zweifelt. „War es wirklich hier oder nicht doch dort weiter hinten?“, fragt sie unsicher. Kein Wunder. Sie hat nicht nur diesen Ort, sondern auch Picasso selbst später kaum wiedergesehen. 1956, nur Monate nach den Modellsitzungen mit dem Künstler, heiratet Sylvette ihren Toby im Rathaus von Vallauris. Dort geben sich 1961 auch Picasso und Jacqueline Roque das Jawort. Bald zieht das junge Ehepaar nach England.

Später trennen sie sich. Sylvette findet eine neue Liebe, nennt sich Lydia Corbett, beginnt mit 45 Jahren, selbst zu malen. Im englischen Devonshire hat sie heute ihr eigenes, kleines Paradies . Picasso mag, als sie ihm begegnete, für sie ein alter Mann gewesen sein. In der Kunst der Lydia Corbett ist er jung, immer noch. Lydia Corbett malt sich weiter als Sylvette, als das Mädchen mit dem Pferdeschwanz. Über ihre Bilder fliegen Picassos Friedenstauben. Und der Stil wirkt wie ein Mix aus Chagall und Bernard Buffet, ganz so, als seien jene Zeiten nie zu Ende gegangen, in denen die junge, unbekannte Sylvette den Look einer Epoche prägte . „Picasso inspiriert mich noch immer“, sagt Sylvette in Antibes.

Die alte Grimaldi-Festung beherbergt das Picasso-Museum. Wo heute die Bilder hängen, hat Picasso 1946 auf Matratzen gehaust und im Schein von Filmscheinwerfern ganze Abende durchgemalt. „Satyr, Faun und Zentaur“ – eine Trias ungebremster Vitalität. „Die Freude des Lebens“ – ein Strand voll des Glücks mit Flötenspieler, tanzendem Faun und der sich reckenden Frau in der Mitte. Auf jedem dieser Bilder dehnt sich das Leben. Kunst reflektiert, was gleich vor der Festungsmauer brandet und blendet – das Kobaltblau des Meeres, das Azur des Himmels, die Intensität des Lichts. Picasso malt eine Lebensfeier, die alle verzaubert. Auch Sylvette.

1965 sieht sie den Mann, der sie als Mädchen mit dem Pferdeschwanz unsterblich gemacht hat, zum letzten Mal. Gemeinsam mit Mann Toby und Töchterchen Isabel besucht sie Picasso in Mougins, seinem letzten Wohnort. Erinnerungen hat sie an dieses letzte Treffen kaum noch. Sie ist überlagert durch die Verehrung für den Künstlertitanen. „Picasso hat mir vermittelt, dass Kreation Glück ist“, sagt sie. In dem ehemaligen Keramikatelier Madoura, in dem auch Picasso arbeitete, legt sie zwei riesige Brothände vor sich auf den Tisch. Genauso machte es Picasso in der „Villa Galloise“. Robert Doisneaus Foto mit dem raffinierten Verfremdungseffekt ist eine der berühmtesten Aufnahmen Picassos . Für einen Moment posiert Sylvette David so wie einst Picasso. Dann schiebt sie die Brötchen in Handform von sich weg wie eine inzwischen sehr ferne Erinnerung. Kein Wunder. Sie ist schließlich die glücklichste unter Picassos Frauen – weil sie nie zu ihnen gehörte.