Spionage-Film als Lehrstunde der Einsamkeit Brillant: die Le-Carré-Verfilmung „Dame, König, As, Spion“

Von Daniel Benedict | 31.01.2012, 14:09 Uhr

Beim Stichwort John le Carré freut sich jeder auf einen saftigen Spionage-Thriller. Tatsächlich ist Tomas Alfredsons Meisterwerk „Dame, König, As, Spion“ etwas viel Besseres: eine Studie in Sachen Einsamkeit, eine Erinnerung an die mentale Klaustrophobie des Kalten Krieges – und einer der atmosphärischsten, visuell einfallsreichsten und darstellerisch besten Filme der letzten Jahre.

Ein alter Mann sitzt allein im abhörsicheren Raum. Wären seine blutleeren Lippen nicht sowieso versiegelt, könnte er hier Selbstgespräche mit seinem Spiegelbild führen – die Russen würden nichts davon mitkriegen. Wenn irgendwann die Geschichte des Spionage-Films geschrieben wird, gehört nicht 007, sondern dieses Motiv auf das Cover. Besser kann man nicht demonstrieren, wie die Machtblöcke des Kalten Krieges sich mit der misstrauischen Verteidigung ihrer Freiheiten das eigene Gefängnis errichtet haben.

Mit Einstellungen von so einer Wucht und Symbolkraft enden die Melodramen von Sirk oder Fassbinder. Im Genre des Thrillers sind sie selten. Aber genau genommen ist Tomas Alfredsons Verfilmung von „Dame, König, As, Spion“ auch kein Thriller. Wie in seinem brillanten Vampirfilm „So finster die Nacht“ (2008) nimmt der schwedische Regisseur sich auch mit dem Roman von Le Carré einen klassischen Genre-Stoff vor, um ein profundes Drama draus zu machen.

Die Geschichte spielt im London der frühen Siebziger an der Spitze des britischen Geheimdienstes. Dessen Chef „Control“ und seine rechte Hand George Smiley wurden nach einer missglückten Operation entlassen; aber nur wenig später wird Smiley reaktiviert: Als der Verdacht aufkeimt, dass ein sowjetischer Maulwurf die Spitze des MI6 infiltriert hat, soll Smiley die internen Ermittlungen leiten. Gary Oldman macht diesen Charakter – den vor ihm immerhin schon Alec Guinness gespielt hatte – zur Filmfigur für die Ewigkeit. Nach der körperlichen Expressivität all seiner fanatischen Gewalttäter, nach Lee Harvey Oswald aus „JFK“ (1991), dem Killer aus „True Romance“ (1994), Coppolas „Dracula“ (1992) und dem Sirius Black der Potter-Filme spielt der Brite äußerlich regungslos, wie in Zeitlupe, beinahe stumm – und schildert seinen Geheimdienstler als gebrochenen Charakter, dessen größter Erfolg zugleich die absolute Isolation bedeutet.

Oldman, mit der Rolle für den Oscar nominiert, steht an der Spitze eines fast ausschließlich männlichen Spitzenensembles, zu dem auch John Hurt, Colin Firth, Ciarán Hinds und jeder zweite der derzeit begabtesten Nachwuchsdarsteller gehören. Es läuft einem kalt den Rücken runter, wenn man mit ansieht, wie all diese Männer sich immer mehr in fahle Gespenster verwandeln – weil sie sich den wunden Punkt eines Privatlebens nicht leisten können. En passant schildert Alfredson, wie jeder Spion irgendwann in seinem Berufsleben die persönliche, erotische Katastrophe erleidet. Nie wieder wird man James Bonds Party-Orgien ansehen können, ohne das eisige Gegenbild aus „Dame, König, As, Spion“ vor dem geistigen Auge zu haben.

In den versteinerten Körpern der Agenten staut sich die Aggression, die Alfredson in schlaglichtartigen Miniaturen sichtbar macht – in zwei ganz kurzen Bildern grausam zugerichteter Gewaltopfer etwa, am eindrucksvollsten aber in einem fast surrealen Bild, bei dem eine Eule im Flug totgeschlagen wird. Solche Highlights entfalten ihre Kraft in einem suggestiven Umfeld, zu dem alle Gewerke das Ihre beitragen: die staubige, wunderbar künstliche Ausstattung des Period Movies (Maria Djurkovic, Jacqueline Durran), die fließende Kamera von Hoyte van Hoytema, Alberto Iglesias Musik. All das macht „Dame, König, As, Spion“ zu einem Spannungsfilm, bei dem der Nervenkitzel nicht in der eher diffizilen Intrige liegt, sondern in den Figuren und in jedem einzelnen Bild.

Der einzige Vorwurf, den man dem Film machen kann: In einem wirklich starken Oscar-Jahrgang startet er gleichzeitig mit allen Favoriten im schmalen Fenster zwischen Globes und Acadamy Award. So fressen sich die Arthouse-Knaller gegenseitig das Publikum weg.

„Dame, König, As, Spion“. F/GB/D 2011. R: Tomas Alfredson. Mit: Gary Oldman, Colin Firth, Tom Hardy, John Hurt, Toby Jones, Mark Strong, Benedict Cumberbatch. 127 Min. ab 12 Jahren. Gary Oldman im Interview: So reagiert der Star auf seine Oscar-Nominierung: www.noz.de/kino.