Skulpturenmuseum umgebaut Bremer Gerhard Marcks-Haus wieder geöffnet

Von Dr. Stefan Lüddemann | 30.09.2016, 16:58 Uhr

Das Bremer Gerhard Marcks-Haus ist nach einem Umbau wieder geöffnet. Für zwei Millionen Euro entstand ein neuer Eingang und mehr Fläche.

Umbau seit August 2015, zwei Millionen Euro Budget, Ausstellungsfläche von 700 Quadratmetern: Die nackten Fakten verraten wenig von der Faszination, die vom neu eröffneten Gerhard-Marcks-Haus ausgeht. Mit der lichtvollen Glasfront im Säulenvorbau ist das Bremer Bildhauermuseum nicht nur fühlbar gewachsen. Der klassizistische Bau wirkt, als habe er mit dem neuen mittigen Eingang erst jetzt seine Ausgewogenheit gefunden. Nicht nur die Bremer Kulturmeile, auch die deutsche Museumslandschaft ist um ein funkelndes Schmuckstück reicher geworden. Hier weiterlesen: Umbau für das Bremer Gerhard-Marcks-Haus .

„Mehr Menschen begeistern“

„Wir wollen mit Offenheit und Transparenz mehr Menschen für Bildhauerei begeistern“, sagt Arie Hartog, Direktor des 1971 in dem Gebäude der ehemaligen Ostertor-Wache eingerichteten Museums. Dieses Konzept geht auf. Der Besucher tritt durch die Glashalle mitten in das Gebäude und sofort in den ersten Ausstellungsraum. Verwinkelte Wege, sperrige Empfangstresen, klobige Regale - all das ist Vergangenheit. Der gekippte, verspiegelte Würfel, der das Kassenmodul birgt, glitzert selbst wie ein trendiges Exponat. Das Bremer Büro „Schulze Pampus Architekten“ hat den Umriss des unter Denkmalsschutz stehenden Gebäudes nicht angetastet, aber intern aufgeräumt, Treppen verlegt, im ersten Stock eine neue Raumflucht gewonnen. Das von viel Ballast befreite Haus atmet wieder. Endlich. Besser kann das Resultat kaum sein. Hier weiterlesen: Die „Grosse Neeberger Figur“ im Gerhard-Marcks-Haus. 

Neustart für das Programm

Arie Hartog und sein Team nutzen den Umbau auch für einen dezent formulierten, aber konzeptionell dezidierten Neustart des Programms. Als Haus für „objektbezogene Bildhauerei“, so Hartogs Formulierung, bewahrt das Museum seinen ideellen Kern. Zugleich erweitert Hartog das Programm um neue Positionen einer erweiterten Vorstellung von Bildhauerei. Der im Hof gelegene Pavillon, bislang Bremer Künstlern reserviert, wird nun mit jungen Projekten bespielt. Zum Auftakt gibt es im leeren Raum zweiminütige Soundspuren vom MP3-Player. Performancekünstlerin Birgit Ramsauer aktiviert die Fantasie ihrer Zuhörer mit poetischen Beschreibungen von Skulpturen, die nur in der Vorstellung existieren. Im Haupthaus zeigt Hartog dagegen mit den Metallplastiken von Vincent Barré klassische Bildhauerei. Hier weiterlesen: Ausstellung „nach der natur“ .

Kooperationen gehen weiter

Durchlässigkeit soll im neuen Gerhard-Marcks-Haus nicht nur ein Motiv der neuen Glasfront sein, Durchlässigkeit prägt auch das Programm. 14 Monate lang war das Haus für den Umbau geschlossen. In dieser Zeit stellten die Kuratoren in der Kulturkirche St. Stephani und im Atelierhaus Roter Hahn im Bremer Arbeiterviertel Gröpelingen aus. „Wir haben dabei viel über die Barrieren gelernt, die Kultur umgeben können“, resümiert Arie Hartog. Auch nach der Eröffnung sollen eingeübte Kooperationen weitergehen. Von Präsentationen im Glasbau bis hin zu Soundinstallationen, die in den Außenraum strahlen, reicht darüber hinaus der Bogen der Ideen, die in dem Museum diskutiert werden. „Mann im November“: Der Bildhauer Waldemar Otto .

Klassischer Bildhauer zum Start

Zur Eröffnung bietet das Haus mit dem 1948 geborenen Vincent Barré einen Bildhauer auf, dessen abstrakte Plastiken mit ihren Verweisen auf Körperumrisse und Architekturformen nicht nur das grundsätzliche Vokabular der Bildhauerei selbst durchspielen, sondern dabei auch auf die Räume des Museums selbst zurückverweisen. Reduzierte Torsi menschlicher Körper oder abstrahierte Fragmente von Säulen und Hausformen stellen immer wieder die Frage nach Raum und dessen Wahrnehmung. Die Ausstellung, die in Kooperation mit dem Musée Matisse im französischen Le Cateau-Cambrésis ausgerichtet wird, bringt das neue gestaltete Marcks-Haus selbst bestens zur Geltung. Kantige, bisweilen abweisend lakonisch wirkende Skulpturen in lichten Räumen: So gibt das Gerhard Marcks-Haus zur Neueröffnung seine Visitenkarte ab. Hier weiterlesen: Nils-Arne Kässens leitet Osnabrücker Museen. 

Mehr Platz für Gerhard Marcks

Parallel dazu haben die Kuratoren im Obergeschoss eine neu eingerichtete Ausstellung mit Plastiken und Zeichnungen von Gerhard Marcks (1889-1981) eingerichtet. Seine Stiftung führte zur Gründung des Museums, das 600 Werke dieses Klassikers der modernen Bildhauerei bewahrt. Aus Loungesesseln fällt dort nun der Blick durch ein riesiges Fensterquadrat auf das Theater und seinen Vorplatz. Allein dieser Ausblick macht das Museum zu einem neuen Lieblingsort des Publikums.

Stadt gab kein Geld

Aber Formung tut not, sie bringt Selbsterkenntnis“: Der Ausspruch von Gerhard Marcks, 1971 in einem Brief an den legendären Bremer Bürgermeister Hans Koschnik (1929-2016) formuliert, ziert heute die Glasfront seines Museums. Politiker, die jetzt in der Verantwortung stehen, hat diese Einsicht wohl nicht erreicht. Die private Waldemar-Koch-Stiftung hat das Budget des Umbaus allein bestritten. Öffentliches Geld gab es nicht. Man mag das speziell finden. Oder einfach nur beschämend.