Schöpfer des Barkenhoff Worpswede feiert Heinrich Vogeler

Von Dr. Stefan Lüddemann | 03.08.2012, 14:29 Uhr

Mitten im Moor träumte er sich in entrückte Märchenwelten, betrieb später eine Landkommune, agitierte in der Sowjetunion gegen die Nazis. Für Heinrich Vogeler sollte Kunst das Leben steigern und erlösen. Jetzt beleuchtet Worpswede in gleich vier Museen Vogelers Werk, das bis heute mit seinen Widersprüchen fasziniert.

Erst Romantiker, dann Revolutionär: Mit scheinbar unvereinbaren Kunstkonzepten bot Vogeler selbst den Stoff für ideologisch aufgeladene Debatten, mit denen Fans und Kritiker jahrzehntelang über sein Werk stritten. Wer ist nun der echte, der wirkliche Vogeler – der junge Schwärmer, der in Worpswede aus einer Bauernkate ein Kunstwerk des Jugendstils, den Barkenhoff, schuf? Oder der aus dem Ersten Weltkrieg heimgekehrte Reformer, der seinen Musensitz zum Kinderheim der Roten Hilfe umformte, dann in die Sowjetunion ging und bis zu seinem elenden Tod in Kasachstan als Zeichner und Filmausstatter gegen die Nazis kämpfte?

Die Zeit der scharfen Vogeler-Debatten ist abgelaufen. Heute breitet Worpswede im Jahr des 70. Todestages und des 140. Geburtstages des Künstlers dessen Werk mit 300 Exponaten so splendid wie niemals zuvor aus. Vom zarten Silberbesteck bis zur bissigen Goebbels-Karikatur gibt es jetzt den ganzen Vogeler zu sehen. Die beteiligten Museen zerlegen dessen Werk fein säuberlich: Jugendstil im Haus am Schluh, der Barkenhoff als Ort des Gesamtkunstwerks, der politisch engagierte Künstler und – immerhin der größte Einzelkomplex – der „sowjetische“ Vogeler in der Großen Kunstschau. Gerade in der Überschau wird klar: Vogelers Werk besitzt, über äußerliche Stilwechsel hinweg, einen unverkennbaren Grundzug, Vogeler konzipierte Kunst stets als Reformvorlage für das Leben. Gleich, ob er Barkenhoff zur Märchenwelt formte und dort nebst Gattin als Ritter und Minnefräulein posierte, sein Kunstrefugium später zur pädagogischen Miniaturprovinz umgestaltete oder schließlich mit seinen „Komplexbildern“ den Aufbau des Kommunismus feierte – Vogeler dachte stets in den Kategorien einer in sich geschlossenen Idealwelt der permanenten Menschheitsverbesserung. Damit entsprach er mit Person und Werk anderen Entwürfen der Avantgarde. Den Preis für so viel Einmischung in die Realgeschichte des 20. Jahrhunderts mit ihren radikalen Ideologien, zermürbenden Kriegen und Völkermorden zahlte auch Vogeler. In der Sowjetunion unterwarf er sich der politischen Ideologie, die alleinigen Führungsanspruch stellte und Künstler als Architekten der künftigen klassenlosen Gesellschaft nicht duldete. Vogeler war hier einmal nicht der gewohnte Nonkonformist, sondern passte sich dem Parteidiktat des sozialistischen Realismus an. Später verhungerte er fern von Moskau in Kasachstan – nachdem er gerade ein Jahr zuvor auf dem Bild „Mittagspause der Drescher“ den real existierenden Sowjetsozialismus als Welt des Überflusses und der Wohlfahrt gefeiert hatte.

Die Worpsweder Ausstellungen beleuchten vor allem diese Welt des politisch engagierten Vogeler. In „Komplexbildern“, geometrisch segmentierten Bildräumen, feierte der Künstler den Aufbau einer vermeintlich neuen Gesellschaft. Daneben machen Zeichnungen aus Kriegszeiten erschreckend klar, wie wenig Vogeler einen Blick für die Gräuel der Materialschlachten hatte. Vogeler beschwört in den Bildern seiner Sowjetzeit ein Idyll nach dem nächsten. Damit hatte er sich von seiner frühen Zeit kaum entfernt. Sah er auch in jeder Kolchose eine fröhliche Barkenhoff-Gemeinde?

Vogelers formal brillante Kunst gerät immer dann unter Spannung, wenn sie mit den Konflikten der realen Welt konfrontiert wird. Dieser Widerspruch zwischen Ideal und Wirklichkeit macht womöglich bis heute nicht unwesentlich den Reiz seines Werkes aus. Worpswede legt diesen Grundkonflikt offen – mit den bekannt hinreißenden Bildern. Ob die „Melusine“ mit Jäger und Fischfrau oder der „Sommerabend“, der den Barkenhoff und die Künstlerfamilie rund um die Vogelers als eine im Ritual erstarrte Gemeinschaft zeigt – die Vogeler-Fans dürfen schwärmen, alle anderen Besucher gern auch.

Die eigentliche Frage gilt dem Barkenhoff heute. Das durchsanierte Anwesen, per „Masterplan“ perfekt beplant, ist längst kein Ort der Kreativität mehr. Die letzten Künstlerstipendien des Landes Niedersachsen liefen 2009 aus. Jetzt dominiert der Kulturtourismus einen Ort, der den Künsten seinerzeit neue Wege wies. Vogelers einstiges Traumreich ist heute Erlebniswelt der Kunst. Die Utopie gilt nun den Übernachtungszahlen.

Worpswede, Barkenhoff, Große Kunstschau, Kunsthalle, Haus im Schluh: Heinrich Vogeler. Künstler, Träumer, Visionär. Bis 30. September. Mo.–So., 10–18 Uhr. www.worpswede-museen.de

Heinrich Vogeler und der Barkenhoff:

Der gebürtige Bremer Heinrich Vogeler (1872– 1942) gehörte wie Otto Modersohn oder Fritz Mackensen zu den Gründern der Worpsweder Künstlerkolonie. 1895 erwirbt er ein Bauernhaus, das er bis 1907 zum „Barkenhoff“ ausbaut. Architektur und Garten formt Vogeler zu einem Gesamtkunstwerk des Jugendstils. Der Barkenhoff wird zum Motiv von vielen Gemälden und Grafiken Vogelers. Nach dem Ersten Weltkrieg transformiert er den Barkenhoff zum Kinderheim und dann zur Landkommune. 1930 verlässt Vogeler sein Anwesen und geht in die Sowjetunion. Der Barkenhoff wird 1981 Stiftung. Er ist heute Museum und ideelles Zentrum Worpswedes als Ort der Kunst und Kultur. lü