Schau in Frankfurt Glitzer, Glitter und Gitarren: So war Glam

11.07.2013, 20:14 Uhr

Glam schillert – als Musikstil, Kunstform, Lebensgefühl. Mit Glam änderte sich in den Siebzigerjahren nicht nur die Popmusik, sondern auch der Entwurf von Identitäten und den Formen, diese auszuleben.

Ein schillerndes Gesicht: Rechts wirkt es feminin mit roten Lippen, Lidschatten, gezupfter Augenbraue und einem Fuchspelz über der Schulter, links wirkt es maskulin mit Kippe im blassen Mundwinkel, Dreitagebart, markanter Augenbraue und Safarihemd. Ein Wesen zwischen Frau und Mann? „S’he“ heißt denn auch das Farbfoto, das der Künstler Ulay im Jahr 1972 von sich gemacht hat. Er wollte seine Identität zwischen den beiden Geschlechtern ausprobieren.

Damit war Ulay Anfang der 70er-Jahre nicht allein. Musiker wie David Bowie, Marc Bolan von T. Rex und Bryan Ferry sowie Brian Eno von der Band „Roxy Music“ lebten diese androgynen Erscheinungen zwischen Mann und Frau ständig in ihren Auftritten vor. Damals galt der Slogan, dass das Leben eine ständige Performance sei. Auch die Straße war eine große Bühne. Wer die Haustür öffnete, musste auf einen exzentrischen Auftritt vorbereitet sein mit glitzernder Kleidung und grellem Make-up. Heute wirkt das komisch, mitunter peinlich.

Doch die Briten machten es vor, und die Amerikaner machten es nach. Nur die Deutschen ließen sich nicht ganz mitreißen von diesem Spiel zwischen Tabubruch und Theater. So der Eindruck in der Frankfurter Schirn Kunsthalle. Die zeigt jetzt all den Glamour, all den Glanz, den Popmusiker, Künstler, Modemacher, Designer, Regisseure und Fotografen verbreiteten. Glam – so die Kurzform für Glamour – war eine Verquickung von Musik, Kunst und Mode zwischen 1970 und 1975. Danach war der schrille, oft auch erotisch angehauchte Spuk vorbei.

Nun kommt er als gewaltige Materialschlacht ins Museum zurück. Die Tate Liverpool hat das Thema ausgegraben, die Schirn übernimmt nun die Schau mit 100 Werken. Freilich kommt es einem weit mehr vor, sieht man doch hier eine Fotoserie, daneben flimmert ein Musikvideo, darüber hängen alte Kostüme von „Roxy Music“. Eine Schau, die vor allem für die älteren Jahrgänge der Baby-Boomer reizvoll ist. In den 70er-Jahren waren sie mitten in der Pubertät und jubelten dem feminin aufgeputzten Brian Eno zu oder himmelten Marc Bolan an, der sich Glitzer auf die Wangen strich.

Doch damit rührt die Schau an ein Lebensgefühl zwischen Rebellion und Rausch. Die „Moodies“ etwa, eine Revival-Gruppe aus Kunststudenten, klingen noch heute gut, auch wenn die Mitglieder inzwischen grundverschiedene Ansichten haben. Anne Bean erinnert sich: „Ich mochte es, in viele verschiedene Identitäten zu schlüpfen.“ Polly Elten indes tut all den Glitzer als „reine Angabe“ ab. Doch der pralle Auftakt mit Rockmusik verliert sich über den langen Parcours mit zu vielen und ermüdend ausgebreiteten Beispielen.

Erst in der zweiten Hälfte, nach viel Nippes, nimmt die Schau wieder Fahrt auf und zeigt die Einflüsse von Andy Warhol, der mit seinem Faible für Mode, Glamour und Klatsch prägend auf die junge Musik- und Kunstszene wirkte. Der britische Künstler Richard Hamilton beeindruckte nicht nur seinen Schüler Bryan Ferry damit, dass er jeden Unterschied zwischen Hoch- und Subkultur leugnete. Der Franzose Robert Malaval setzte sogar Glitzer für seine Acrylgemälde ein, als „Make-up für das Bild“. Nur Jürgen Klauke nahm das ganze Getue auf die Schippe. Der Kölner Performancekünstler hängte sich für eine Fotoserie abwechselnd männliche und weibliche Geschlechtsmerkmale um den Hals – fertig war die Karikatur des androgynen Idols.

Frankfurt/Main, Schirn Kunsthalle: „Glam! The Performance of Style.“ Bis 22. September. Di. und Fr.–So. 10–19, Mi./Do. 10–22 Uhr. Katalog 25 Euro. www.schirn.de