Scharfe Kritik an Daniel Libeskind Architekt Stephan Braunfels rechnet mit Kollegen ab

Von Dr. Stefan Lüddemann | 09.07.2014, 01:00 Uhr

Architekt Stephan Braunfels hält wenig von seinen Kollegen. Im Interview rechnet er mit Architekturstars ab. Oben auf der Liste: Daniel Libeskind, Architekt des Osnabrücker Felix-Nussbaum-Hauses.

Osnabrück. Komplimente für die Aufführung von Walter Braunfels’ Oper „Die Vögel“ im Theater Osnabrück, aber deutliche Kritik an Daniel Libeskind, dem Architekten des Osnabrücker Felix-Nussbaum-Hauses: Der Architekt und Komponistenenkel Stephan Braunfels ist derzeit Dauergast in Osnabrück – und äußert sich zu seinem Bild von guter Baukunst.

Sie verfolgen die Aufführungen der Oper „Die Vögel“ Ihres Großvaters Walter Braunfels. Die wievielte Vorstellung sehen Sie denn heute, am 6. Juli?

Ich verfolge das Werk meines Großvaters intensiv. Ich versuche, zu allen Aufführungen seiner Werke zu gehen. Diese Aufführungen gibt es zum Glück immer häufiger. Sein Werk war ab 1933 durch die Nationalsozialisten verboten. Seit 20 Jahren läuft jetzt seine Wiederentdeckung. In diesem Jahr laufen auch Produktionen von Braunfels-Opern an drei Häusern, darunter „Ein Traum mein Leben“ an der Oper Bonn. Osnabrück zeigt nun „Die Vögel“, jenes Werk, das meinem Großvater mit der Uraufführung 1920 den Durchbruch brachte. Das Bruckner-Festival in Linz führt ab September die Oper „Ulenspiegel“ auf, die Walter Braunfels unmittelbar vor den „Vögeln“ komponiert hatte. In Osnabrück bin ich zum dritten Mal.

Wie gut ist eigentlich die Aufführung von Walter Braunfels Oper „Die Vögel“ am Theater Osnabrück? Hier lesen Sie die Kritik.

Wie beurteilen Sie die Osnabrücker Aufführung?

Ich bin begeistert von der Qualität der Aufführung. Das hatte ich so nicht erwartet. Es ist erstaunlich, dass an einem kleineren Haus eine solche Qualität zu erzielen ist, das hat mich sehr begeistert. Das betrifft auch alle Beteiligten. Ich habe alle „Vögel“-Produktionen der letzten 20 Jahre gesehen. Das waren ungefähr 15. Die Osnabrücker Produktion ist eine der besten, und das in jeder Hinsicht. Orchester, Dirigent, Sänger, Inszenierung – alles ist großartig. Diese Aufführung bringt viele neue Gedanken in das Werk.

Was sagt eigentlich Tenor Alexander Spemann zu seiner Rolleninterpretation in der Oper „Die Vögel“? Hier lesen Sie den Bericht vom Gespräch mit dem Sänger.

Und wie finden Sie die Stadt?

Die Stadt ist ganz hinreißend. Viele Ecken sind sehr schön. Gerade als Architekt bin ich begeistert. Der Marktplatz, die Verbindung von Marktplatz zum Domplatz, die Dialoge der Kirchen, ganz herrliche Bürgerhäuser – das gefällt mir sehr. Ich finde gerade den Sandstein schön, aus dem diese Häuser zum Teil gebaut sind. Das hat fast den Charme von Südfrankreich.

Ohne private Förderung sind Produktionen wie die der Oper „Die Vögel“ am Theater Osnabrück nicht möglich. Hier erfahren Sie, wer dem Theater Osnabrück geholfen hat.

Was steht für Sie in „Die Vögel“ im Mittelpunkt – der Kontrast von Utopie und ihrer Ernüchterung?

Mein Großvater hat die Vorlage des antiken Dramatikers Aristophanes sehr wörtlich genommen. Aufgrund des Erlebnisses des Ersten Weltkrieges hat er sein Werk stark verändert. Die schwere Verwundung im Krieg hat ihn dazu veranlasst, zum Katholizismus zu konvertieren. Diese Wendung sehen wir in der Oper. Sie wird von der Operette zu einem großen Stück Welttheater. Im Gegensatz zu der Vorlage gewinnen die Vögel den Krieg nicht, so wie Deutschland. Die Welt ist dann nicht mehr die Gleiche. Die Regisseurin Yona Kim schafft es, auch die ganze Geschichte bis 1919 zu erzählen. Am Schluss ahnt der Zuschauer sogar noch das Dritte Reich. Trotzdem hat sie der Versuchung widerstanden, aus der Figur Ratefreund einen Hitler zu machen. Das ist wunderbar gelungen. Die Inszenierung ist bedeutend.

Was sagt die Regisseurin Yona Kim zum Konzept ihrer Interpretation der Oper „Die Vögel“. Hier lesen Sie das Gespräch mit der Regisseurin.

Der Bildhauer Adolf von Hildebrand als Urgroßvater, der Komponist Walter Braunfels als Großvater, der Kunsthistoriker Wolfgang Braunfels als Vater und schließlich Sie, der Architekt: Das ist eine beeindruckende Linie. Wie hat das Ihr Leben geprägt?

Das prägt sehr stark. Ich habe es immer als großen Glücksfall empfunden, in dieser Familie geboren zu sein. Darin liegt aber auch eine Aufgabe. Wir waren einmal deutsch-jüdische Kultur. Vieles davon ist allerdings im Dritten Reich zerstört worden. Ich bin in München aufgewachsen, wo der Wittelsbacher Brunnen von Adolf von Hildebrand steht. Mein Vater war mein bester Freund, und ich bin viel in seine Vorlesungen gegangen. Ich habe mich dafür entschieden, Architekt zu werden, weil das keiner meiner Vorfahren war. Von meinem Vater habe ich dafür natürlich unendlich viel gelernt, vor allem Stadtbaukunst. Wir waren jeden Sommer auf unserem Familiensitz in Italien. Florenz ist damit meine architektonische Vaterstadt geworden. Wenn man so viel geschenkt bekommt, dann muss man allerdings auch etwas daraus machen.

Ihr Vater Wolfgang Braunfels hat ein berühmtes Buch über Stadtbaukunst geschrieben. Welche Vorbilder der Baukunst haben denn Ihr Selbstverständnis als Architekt geprägt?

Mein Vater war ja nicht nur an der Universität in München, sondern zuvor in Aachen. Dort hießen die Helden Le Corbusier und Mies van der Rohe. Ich war begeisterter Modernist, bis ich merkte, dass Architekten wie Le Corbusier auch verantwortlich waren für die Zerstörung der europäischen Stadt. Ich habe allerdings sehr viel von italienischer Architektur gelernt. Brunelleschi und Bramante waren meine Helden. Heute kann man natürlich nicht mehr so bauen. Aber es war ein mühsamer Weg, diese klassischen Positionen und die Moderne zu verbinden. Der Architekt, der mir dabei weitergeholfen hat, war Louis Kahn. Seine archaische Moderne war gleichzeitig zeitgenössisch und in der Geschichte verwurzelt. Ich fühle mich auch Tadao Ando und Axel Schultes nahe. Erst mit dem Gewinn des Wettbewerbs für die Pinakothek der Moderne hatte ich das Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein. Inzwischen freue ich mich über Aufträge aus fernen Ländern, etwa in Asien, die mich ganz von diesen europäischen Konflikten freigestellt haben. Ich suche die Versöhnung der Moderne mit der europäischen Stadt. Die Postmoderne hat auf diesem Weg aber nicht sehr weitergeholfen. Sie hat nur Scheinlösungen geliefert. Die italienische Renaissance ist mir da wichtiger, weil sie das Proportionsgefühl schult.

Sie schalten sich in Debatten um Architektur ein, etwa bei der Debatte um den Schlossneubau in Berlin. Wird über Architektur zu wenig gestritten?

Eigentlich ja. Früher gab es mehr Architekturkritik in den Feuilletons. Denken Sie an Peter M. Bode und seine Kritiken. Diese Zeiten sind längst vorbei. Die Diskussion findet fast nur in Fachzirkeln statt. Ich mische mich ein, ziehe aber nicht über Kollegen her.

Das hat man Ihnen in der Diskussion um das Berliner Stadtschloss und den Architekten Stella aber angekreidet.

Ich kann nicht Rücksicht nehmen auf einen italienischen Provinzarchitekten, der sich mit einem gefälschten Zeugnis den Zugang zu dem Wettbewerb verschafft hat. Stella hätte gar nicht teilnehmen dürfen. Es geht um eine große Idee, die durch seine Ostfassade zerstört wird. Es gibt öffentliche Aufgaben, die sind wichtiger als jede Person. Für mich ist der Wiederaufbau des Schlosses dadurch zu rechtfertigen, dass man es in die neue Mitte hin öffnet. Diese Idee habe ich schon vor 20 Jahren veröffentlicht. Diese Idee wurde aber immer wieder vergessen. Dabei gab es Unterstützer. Kürzlich hat sich noch Jürgen Flimm positiv zu meiner Idee geäußert.

Sie haben mit der Pinakothek der Moderne in München Baugeschichte geschrieben. Wie beurteilen Sie die Qualität des aktuellen Museumsbaus?

Ich schaue mir viele Museen an. Ich habe aber keines in der gleichen Größenordnung gefunden, das ich für ebenso gelungen halte wie die von mir gebaute Pinakothek der Moderne. Es gibt natürlich wundervolle kleine Museen, etwa von Peter Zumthor und Tadao Ando. Aber die ganz großen Museen sind ein anderes Genre. Die meisten neuen Museen sind Showbauten, die als Museen schwer zu benutzen sind. Das gilt für die Museen von Frank Gehry oder Daniel Libeskind. Am schlimmsten sind die Bauten von Zaha Hadid. Auch in den Museen von Libeskind können Sie keine Kunst ausstellen. Das sind reine Skulpturen, die faszinierend aussehen. Meistens funktionieren Licht und Wände gar nicht. Diese Architekten missbrauchen ihren Ruhm, weil sie keine der Kunst dienenden Räume bauen.

Daniel Libeskind hat sein Felix-Nussbaum-Haus um einen Anbau erweitert. Hier lesen Sie die Einschätzung dieses Museumsbaus im Zentrum Osnabrücks.

Und das Felix-Nussbaum-Haus? Das ist ja auch ein Libeskind-Bau.

Das finde ich gar nicht schlecht. Das ist für mich der beste Bau von Libeskind. Da ist alles noch nachvollziehbar. Später ist er davon abgewichen. Im Felix-Nussbaum-Haus stimmt noch die Logik. Beim Jüdischen Museum in Berlin überschlagen sich hingegen die Effekte. Bauten wie die von Libeskind oder Gehry bestärken mich darin, bei meinen Bauten auf Effekte zu verzichten und immer klarer zu werden. So war mir während der Bauzeit der Pinakothek der Moderne nicht klar, dass ich mit dem Museum eigentlich das Gegenstück zu Gehrys Guggenheim-Museum in Bilbao gebaut habe. Mir geht es um den bestmöglichen Auftritt für die Kunst. Dabei steht das Thema des Lichts absolut im Vordergrund. Leider spielt das Thema Tageslicht bei vielen Architekten keine wirkliche Rolle. Auch Libeskind interessiert das nicht. In seinen Bauten gibt es interessante Fensterschlitze, aber die Bilder werden von Kunststrahlern beleuchtet.

Sie renovieren gerade ein Opernhaus auf Mauritius. Ihr ungewöhnlichstes Projekt?

Letzte Aufführung von „Die Vögel“ am Theater Osnabrück am Freitag, 11. Juli 2014, 19.30 Uhr.