Routiniert, aber lustlos T. C. Boyles Roman „Terranauten“ ist ohne jedes Überraschungsmoment

Von Oliver Schmidt, Oliver Schmidt | 23.02.2017, 17:00 Uhr

Seit Jahrzehnten seziert T. C. Boyle virtuos die gesellschaftlichen Ränder der Vereinigten Staaten. Was seine Protagonisten zumeist eint, ist das erfolglose Abstrampeln in aussichtslosen Situationen. In seinem neuen Roman „Die Terranauten“, aber scheitert er an diesem Konzept.

Vier Frauen, vier Männer. Gemeinsam sollen sie zwölf Monate in einem abgeschlossenen ökologischen System verbringen. Als Test für die Möglichkeiten eines Raumflugs zum Mars wurde ein ähnliches Experiment unter dem Namen „Biosphere“ zu Beginn der Neunzigerjahre in den Vereinigten Staaten durchgeführt.

Ein solches Thema romanhaft zu verfremden scheint wie geschaffen für einen Autor wie T. C. Boyle. Denn was könnte reizvoller sein als die Frage, was geschieht, wenn man eine kleine Gruppe Menschen in einer überdimensionierten Tupperdose unter Verschluss hält. Und ohne Zweifel: Boyle, einer der meistgelesenen Autoren in den USA, bringt alles mit, um daraus eine spannende Geschichte zu entwickeln. Dass er dennoch scheitert, liegt vor allem an der Vorhersehbarkeit der Handlung.

Roman aus Sicht von drei Figuren

Allein seine Herangehensweise ist konventionell: Erzählt wird die Geschichte aus Sicht dreier Figuren. Da ist Dawn, eine hübsche junge Frau, die sich im Verlauf der Handlung immer stärker mit dem Projekt identifizieren wird. Von ihr zunächst gehasst, dann immer mehr begehrt ist Ramsey, ein Schürzenjäger, den weniger das Wissenschaftliche als der erotische Kitzel an dieser Expedition reizt. Und dann ist da noch Linda. Ehrgeizig, wenngleich mit wenig Selbstwertgefühl ausgestattet, wird sie nicht in die Crew gewählt und betrachtet außerhalb der künstlichen Ökoblase, wie sich drinnen die Dinge entwickeln.

Was sich aus dieser Ausgangslage ergibt, ist mehr als erwartbar. Boyle liefert seit Jahrzehnten Romane in einem festen Turnus ab. Wobei die Konstellation stets gleich bleibt: Der oder die Einzelne sieht sich einer komplexen Situation gegenüber und scheitert an dieser.

Lustlos erzählt

Leider verpasst der Autor diesmal komplett jedes Überraschungsmoment. Wie in seinen letzten Romanen immer stärker bemerkbar, wirkt alles lustlos heruntererzählt. Routiniert, gekonnt – das schon. Was indes fehlt, ist das Besondere. Die Charaktere wirken in ihren Handlungen, als wären sie selber in der Retorte erzeugt und aufgewachsen in ihrer eigenen Eitelkeitsblase. Am Ende agieren die drei „Terranauten“ ebenso künstlich wie das Umfeld, in dem sie für ein Jahr zusammen gepfercht sind.

So bleibt dieser Roman stilistisch in den Fallen der eigenen Handlung gefangen: Nichts soll in die künstliche Welt gelangen, nur mit dem, was drin ist, darf gearbeitet werden. Es scheint, als habe der beinahe 70-jährige Boyle dies auch für das Schreiben seines neuen Romans unbewusst als Maxime übernommen.