Rot, Gelb und Blau! Sarah Pelikan zeigt einen Farbraumkörper und Bilder in Lingen

Von Dr. Stefan Lüddemann | 20.07.2012, 14:33 Uhr

Nur Bilder betrachten? Oder doch lieber Farben betreten? In der Lingener Kunsthalle geht jetzt beides – mit den Werken der Künstlerin Sarah Pelikan.

Bevor der Besucher seine tastenden Schritte auf feurigem Rot machen kann, trifft er auf die bloße, blanke Wand eines mächtigen Gebildes, das den Raum der Kunsthalle ganz allein für sich beansprucht. Der Raumkörper sieht wie eine gigantische Schachtel mit einem Knick in der Mitte aus. Die Enden ragen steil empor, die Wände verkanten sich zu einem spitz zulaufenden Raum. Über mehrere Meter läuft der Besucher den weißen Holzkörper entlang, biegt um die Ecke – und holt erst einmal tief Luft. Sieben Meter hoch öffnet sich ein unerwartet großer Raum. Er wirkt wie ein Staubsauger, und dass nicht nur, weil er sich nach hinten über eine Schräge immer weiter verjüngt.

Sarah Pelikans Raumkörper zieht die Besucher vor allem mit verführerisch strahlenden Farben in sich hinein. Von unten flammt intensives Rot, von oben schimmert besänftigendes Taubenblau, von den Seiten her leuchten Senfgelb und Mintgrün um die Wette. Sarah Pelikan zitiert nur den harten Zusammenprall konträrer Primärfarben. Statt des Wettstreits des Kolorits und seiner Lichtwirkungen inszeniert die Künstlerin eine Sinfonie schmelzender Lichtmodulationen. Eine Sensation des Sehens? Ja, die Farbwirkung dieses Raumkörpers verdient dieses enthusiastische Prädikat.

Sarah Pelikan arbeitet seit Jahrzehnten mit den Wirkungen purer Farbe und ihrer Energie. Von 1968 bis 1974 studierte die 1947 im Allgäu geborene Künstlerin an der Münchener Kunstakademie – zu jener Zeit also, als Stars der Farbfeldmalerei wie der Münchener Rupprecht Geiger (1908–2009) oder die Amerikaner Barnett Newman (1905–1970) und Mark Rothko (1903–1970) das Kunstgeschehen im Wortsinn überstrahlten. Die seit Jahren in Wuppertal lebende Pelikan setzt die Tradition dieser künstlerischen Philosophie fort, ohne ihre mit der Kunst verbundenen Erlösungshoffnungen bruchlos weiterzutragen.

Der jetzt in Lingen mithilfe eines Architekturbüros installierte Farbraumkörper liefert den besten Beleg für Pelikans Position, die sich auf große Vorbilder bezieht und sich zugleich von ihrem geradezu lastenden Anspruch emanzipiert. Rot, Gelb und Blau verwendet sie als Farben für ihren den Betrachter regelrecht einsaugenden Raum. Damit zitiert sie nicht allein den Farbdreiklang der rechtwinklig durchorganisierten Bilder von Piet Mondrian (1872–1944), sondern vor allem eine berühmte Bildserie von Barnett Newman. „Who’s Afraid of Red, Yellow and Blue?“: Diesen ironisch schillernden Titel tragen vier zwischen 1966 und 1970 entstandene Riesentafeln Newmans, die Betrachter in der Tat das Fürchten lehren können. Newman wollte den Betrachter eineinhalb Meter vor dem Bild wissen – mit Grund. Den vor allem das Rot dieser fünfeinhalb Meter breiten und zweieinhalb Meter hohen Gemälde entfaltet eine Intensität, die das bloße Standhalten zur aufreibenden Anstrengung macht.

Newmans Bilder sollen den Betrachter erschüttern. Sie steigern die Kunsterfahrung zur existenziellen Prüfung. Sarah Pelikan meint es gleichfalls ernst mit ihrer Kunst, sie zwingt den Betrachter jedoch nicht zur Konfrontation mit ihren Bildern, sondern holt ihn mitten in einen Farbklang, in dem es sich leben lässt.Damit ist keine laue Wellness gemeint, wohl aber eine Erfahrung, die darauf abhebt, sich in der sensiblen Wahrnehmung neu zu erfahren.

Avanciert der Weg durch diesen Farbkörper so zur Straße einer milden Läuterung, die den Menschen nicht – wie bei Newman – herausfordert, sondern ihn befördert und stärkt? In Abwandlung des martialischen Bildtitels von Barnett Newman müsste es jetzt jedenfalls heißen: Keine Angst vor Rot, Gelb und Blau! Eine beruhigende Aussicht.

Während der Farbkörper als begehbare Bilderfahrung die Lingener Halle allein für sich beansprucht, sind auf der Galerie im Obergeschoss weitere Bilder von Sarah Pelikan zu sehen. Sie vertiefen die Einsicht in eine durchdachte und gegen alle Moden des Kunstbetriebes durchgehaltene Position. Pelikan bringt auf Bildträgern aus Resopal oder MDF die reinen, stets aber sensibel modulierten Farben zum Leuchten. Ihre „Unendliche Bildreihe“ (1991) oder das „Bild, Bodenbild“ (1992) vermitteln eine visuelle Erfahrung, die immer tiefer in die feinen Nuancen ihres eigenen Vollzuges führt. Solche Kunst bestätigt – den Menschen als fühlendes Wesen.

Lingen, Kunsthalle: Sarah Pelikan: Piano del Colore. Bis 26. August. Di.–Fr. 10–17 Uhr, Sa., So. 11–17 Uhr.