Retrospektive im Centre Pompidou Paris präsentiert Jeff Koons als Universum des Banalen

Von Dr. Stefan Lüddemann | 02.01.2015, 00:00 Uhr

Sein „Balloon Dog“ machte ihn zum teuersten Künstler der Gegenwart und zugleich zum King of Kitsch: Jeff Koons. An dem Amerikaner scheiden sich die Geister – nicht zuletzt wegen seiner Skulpturen, die ihn beim tabulosen Sex mit Ex-Ehefrau und Porno-Star Ilona Staller alias „Cicciolina“ zeigen. Seine Retrospektive macht gerade in Paris Station. Sie entlarvt Koons’ Werk als künstlerischen Leerlauf.

Dabei funktioniert die Riesenschau gerade im Pariser Centre Pompidou prächtig. Das Kulturzentrum – ein einziger Durchlauferhitzer der visuellen Künste – gibt für Koons’ ebenso kalt kalkulierte wie hoffnungslos überdrehte Geschmacklosigkeiten die perfekte Bühne ab. Und das Publikum flutet durch die Schau wie durch einen Themenpark der Banalkultur. Der rot leuchtende „Balloon Dog“ – ganze Familien sind begeistert. Michael Jackson und sein Affe Bubbles aus Porzellan – die Menge verguckt sich im Nu. Das tonnenschwere „Hanging Heart“ am goldenen Band – die Verliebten stehen Schlange für die heiß ersehnte Selfie-Aufnahme mit dem süßen Exponat als Hintergrund. Koons forciert den Herzschlag – und provoziert rigide Ablehnung. Denn seine Kunst ist die Zuckerkuvertüre eines überdrehten Marktes, ein einziges Rokoko des Kapitalismus .

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Die Schau bietet den ganzen Koons auf – erstmals und einmalig. Nach der Auftaktstation im New Yorker Whitney Museum ist jetzt Paris an der Reihe, es folgt ab Sommer des noch jungen Jahres noch das Guggenheim Museum im spanischen Bilbao. Mehr geht nicht. Kein Wunder. Jeff Koons blendet mit der goldenen Aura des Turbo-Künstlers. Für 58,4 Millionen US-Dollar ging 2013 eine Version seines „Balloon Dog“ bei Christie’s weg: Weltrekord für einen lebenden Künstler, noch vor Gerhard Richter. Für Koons öffneten sich die Tore des Schlosses Versailles erstmals für einen lebenden Künstler. Mit seinen gigantisch überdrehten Spielzeug-Figuren im Heiligtum der Repräsentativkultur provozierte er den Skandal wie auf Bestellung.

Jeff Koons personifiziert die Mechanismen des Erfolgs perfekt. Der 1955 in New York geborene Koons arbeitete in den Siebzigern als Börsenhändler an der Wall Street und als Fundraiser am Museum of Modern Art . Er weiß, was die Ökonomie des Geldes am besten antreibt – die perfekt gesteuerte Ökonomie der medial vermittelten Aufmerksamkeit. Also entwickelte Koons sein eigenes Bild als Marke, setzte gezielt auf Tabubrüche, spielte absichtsvoll mit Geschmacksgrenzen.

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 Seine Kurzzeitliaison mit Ilona Staller alias TV- und Pornostar „Cicciolina“ , die von 1987 bis 1992 als Abgeordnete im italienischen Parlament saß, zeigt am besten, wie öffentliches Interesse gesteuert werden kann.

Der Tabubruch von einst ist heute die neue Konvention der Tabulosigkeit. In Paris sind Koons’ Werke der Serie „Made in Heaven“ in einem Raum zu sehen, der für Besucher unter 18 Jahren nicht zugänglich ist. Bilder und Plastiken zeigen Koons und Staller beim Sex . Was auf der Biennale von Venedig 1990 noch den Skandal explodieren ließ, wirkt heute altbacken im Vergleich zu den sexualisierten Bildwelten des Internets. Jeff Koons kann so getrost als Trendsetter verstanden werden.

Der Künstler Koons hat bis zur Perfektion recycelt, was schon Maßnahmenrepertoire der Pop Art war. Banale Alltagsgegenstände ins Museum transferieren, Figuren des Pop zu Motiven der Kunst befördern, Größenverhältnisse ebenso wie die Relation von High und Low in der Kultur verschieben: All das macht Koons, wenn er den Hund, der im Vergnügungspark millionenfach aus Luftballons geknotet wird, nun als Stahlplastik in der Größe eines Autos reproduziert, das eigene Porträt in antiker Pose aus Marmor als Büste inszeniert, den Staubsauger als Plastik zeigt oder Porträtbüsten von Ludwig XIV. neben jener von Bob Hope und dem Bild des Comic-Hasen aus Stahl präsentiert. In der Koons-Welt glänzt alles mit spiegelnder Politur. Diese Kunst hat buchstäblich ein Herz aus rostfreiem Stahl.

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Das Problem: Jeff Koons ist nicht so witzig und selbstironisch wie seine Vorbilder Claes Oldenburg oder Andy Warhol. Er setzt keine Themen, er okkupiert nur jene Motive, die die Massenkultur schon vorgeformt hat. Das verleiht seinen Plastiken die schale Aura kalter Reproduktion, seinem Lebenswerk, dem jede Kraft der Konsumkritik abgeht, die Anmutung einer großen Bestätigungsmaschine. In seinen letzten Werkzyklen reproduziert er nun antike Plastiken wie die Venus oder den Farnese Herkules. Der inzwischen fast an der Pensionsgrenze angelangte Künstler mit dem ewigen Jungenlächeln will noch schnell den Sprung in den Kanon der Kulturwerte schaffen. Das klappt aber nicht. Denn die Koons-Kunst kennt keinen Bereich, der jenseits des Konsums läge. Das macht ihre Tragik aus.

Paris, Centre Pompidou: Jeff Koons. Die Retrospektive. Bis 27. April. Mo., Mi., So. 11–21 Uhr, Do.–Sa. 11–23 Uhr. www.centrepompidou.fr