Reise zur Stadt Raffaels Wiege einer neuen Kultur: Palazzo Ducale in Urbino

Von Dr. Stefan Lüddemann | 07.11.2015, 18:00 Uhr

Der Herzogspalast im italienischen Urbino, der Geburtsstadt Raffaels, markiert einen zivilisatorischen Sprung. Er ist immer noch ein Geheimtipp für Kulturreisende. Eine Kulturreportage.

Hier findet er Ruhe, hier atmet er durch. Federico schaut auf geöffnete Bücherschränke mit angelehnten Folianten. Sein Blick streift die Laute, die griffbereit auf der Sitzbank liegt, gleitet über das an die Wand gelehnte Schwert, den abgelegten Harnisch. Dann lässt er seinen Blick zwischen Säulen hindurch auf eine durchsonnte Ideallandschaft schweifen. Berührt dieser Mann das Glück? Ja, auch wenn dieses Glück gerade einmal 3,60 mal 3,35 Meter misst – und eine Illusionstapete aus Holz ist. (Hier weiterlesen: Was sagt uns die Biennale 2015 von Venedig?) .

Palast des Condottiere

Mit seinen hundert Sälen, Empfangszimmern, Salons, Passagen, Kapellen, Schlafgemächern, Ankleideräumen, Galerien birgt der Palazzo Ducale, der Palast des Herzogs Federico da Montefeltro (1422–1482) in Urbino und Herrschaftsmonument eines der erfolgreichsten Condottiere, also Kriegsunternehmer der Renaissance, den Mikrokosmos einer ganzen Stadt in seinen Mauern. Ein Bauwerk als Welt. Doch erst mit dem winzigsten ihrer Zimmerchen, dem berühmten Studiolo des Herzogs von Urbino, avanciert diese Welt auch zum Weltwunder. Denn das 1476 vollendete Stübchen, mehr Kapsel als Raum, repräsentiert den Kosmos der Gelehrsamkeit, die Freuden der Schönheit und der Muße in einer alle Wände bedeckenden Bildfolge. Der Florentiner Baccio Pontelli fügte Schränke und Türen, Folianten und Gitarren, ja selbst Papagei und Eichhörnchen in Einlegearbeiten aus edlen Hölzern. Diese aufgefächerte, perspektivisch verlängerte Welt ist nichts als Bild und raffinierte Augentäuschung. Und zugleich das Programm einer höfischen Kultur mit ihrer Lust am Lesen, Erzählen, Sehen. Hier prägte eine Hofgesellschaft Kultur als Welterschließung und als neuen Standard sozialen Verhaltens. (Hier weiterlesen: Anders reisen - die Kunst des Slow Travel) .

Elegante Silhouette

Wer sich dem Städtchen Urbino nähert, ahnt von diesem Kleinod der Kulturgeschichte erst noch nichts. Auf einem Höhenrücken erhebt sich die gerade 15000 Einwohner zählende Stadt. Im Sonnenlicht leuchten die Mauern des Palastes in warmen Ockertönen. Seine hoch aufschießende Schauseite mit schlanken Zwillingstürmen und die Kuppel des gleich anschließenden Domes machen die Stadtsilhouette zu einer eleganten Erscheinung. So imposant der zwischen 1463 und 1472 errichtete Palast auch sein mag – als Festung diente er nie. Architekt Luciano Laurana konzipierte, ausgehend von Trakten eines älteren Palastes, rund um einen Ehrenhof ein Ensemble weit ausgreifender Baukörper. (Hier weiterlesen: Weltliteratur aus Zimmer 414 - Marcel Proust im Grandhotel). 

Auf der Liste des Unesco-Welterbes

Dieser Palazzo Ducale – er steht seit 1998 mit dem ganzen Zentrum Urbinos auf der Unesco-Liste des Weltkulturerbes – dominiert die Kommune als Stadt in der Stadt. Das Gebäude hat öffentlichen Raum in sich aufgenommen. Dazu passt, dass dieses Gebäudegeflecht dem Beobachter ein anderes Gesicht zukehrt und von keinem Standpunkt aus ganz zu überblicken ist. Mit zwei spitz auslaufenden Türmen, die drei übereinander angeordnete Loggien flankieren, zeigt der Palazzo seine Schauseite dem Umland Urbinos. In der Stadt selbst wirkt das Gebäude weitaus zugeknöpfter. Mit hermetisch strenger Fassadenflucht verschließt es sich gegen das ehemalige Dominikanerkloster. Mit dem Dom hingegen bildet der Palast eine einladend geöffnete Piazza. (Hier weiterlesen: Wieder neu im Trend - die Gemälde der Alten Meister) .

„Das Licht Italiens“

Die elegante Fassadengestalt kündet von der Kultiviertheit eines Fürsten, auf den der Historiker Jacob Burckhardt in seinem Klassiker „Die Kultur der Renaissance in Italien“ die Formel münzte: „Die Denkenden aber nannten ihn das Licht Italiens.“ Federicos Handwerk allerdings war der Krieg. Zugleich formt dieser Fürst aber auch eine Kultur, mit der er seiner Herrschaft die Energien eines freien Diskurses zuführt. In seinem kleinen Herzogtum gebietet Federico da Montefeltro gerade einmal über 80000 Untertanen. Der Mini-Staat hat weder Bodenschätze noch Handelsverbindungen. (Hier weiterlesen: Frisst der Tourismus die Kultur? Venedig und die Kreuzfahrtschiffe). 

Unsummen für Bücher

Als professioneller Heerführer verdient der Fürst Federico jene Unsummen, die in den Palast und seine Ausstattung fließen. Vor allem die in ganz Europa zu jener Zeit berühmte Bibliothek gilt als Juwel der Kulturwelt. Hier wird das Wissen aus dem Vergleich der Quellen gewonnen – zu jener Zeit eine Revolution gegenüber der Ära der Lesepulte mit den angeketteten Folianten. Hinzu kommt eine Gemäldesammlung, die noch heute als eine der besten Renaissance-Galerien Italiens gilt. (Hier weiterlesen: Der neue Hype um den Maler El Greco) .

Internes Straßensystem

Hunderte Personen bewegen sich Tag für Tag in einem Palast, der mit großen Treppen und weitläufigen Gängen sein internes Straßensystem besitzt. Das Bauwerk bezieht Spannung aus den Größenkontrasten der Räume. Auf der einen Seite das winzige Studiolo, auf der anderen Seite der Ehrensaal, in dem ein Tennisplatz bequem unterzubringen wäre – so sind die Extrempunkte eines Raumprogramms bezeichnet, in das sich marmorne Kapellen, der „Saal der Engel“ oder jener Kaminsaal fügen, in dem jene Unterhaltungen adliger Damen und Herren spielen, die Baldassare Castiglione in seinem 1528 erschienenen Buch „Der Hofmann“ geschildert hat. (Hier weiterlesen: Velásquez in Paris) .

„Knigge“ der Renaissance

Castigliones „Hofmann“, ein „Knigge“ der Renaissance, entwirft das Bild jenes Menschentypus, den das sozial komplexe Hofleben im Palazzo Ducale von Urbino fordert. „Deshalb muss der Mann, den wir suchen, stets der tapferste und mutigste sein [...]; sonst aber soll er gesittet, bescheiden und zurückhaltend sein.“ Der Hofmann als ausbalancierte Idealpersönlichkeit und Vorform des Gentleman – so sieht das zivilisatorische Ideal aus, das in Urbino geboren wird. (Hier weiterlesen: Der neue Trend - Mode im Museum) .

Papst plünderte den Palast

Wer heute durch die Räume des Palastes flaniert, kann jenem Leben nachhängen, das Urbino einst zum Zentrum der Renaissance machte. Der Papst, an den das Herzogtum im 17. Jahrhundert fiel, ließ die Ausstattung der Räume nach Rom bringen. Geblieben sind die Gemälde der Galleria Nazionale delle Marche, Bilder etwa von Piero della Francesca oder von Raffael, der in Urbino das Licht der Welt erblickte. Doch nichts wiegt das sagenhafte Studiolo auf, das die Botschaft Urbinos formuliert – die Botschaft von einer überlegenen Weltläufigkeit, wie sie nur Kultur zu vermitteln vermag. (Hier weiterlesen: Kunstsammler Eduard von der Heydt bei den Sinnsuchern des Monte Verita) .

 Lesetipp: Bernd Roeck, Andreas Tönnesmann: Die Nase Italiens. Federico da Montefeltro, Herzog von Urbino. Wagenbach. 240 S. 13,90 Euro.