Regisseur Verbinski erklärt den Film A Cure for Wellness: Dracula auf dem Zauberberg

Von Daniel Benedict | 21.02.2017, 16:04 Uhr

Mit dem „Fluch der Karibik“ wurde Gore Verbinski zu einem der umsatzstärksten Hollywood-Regisseure. Sein Animationsfilm „Rango“ gewann den Oscar. Seinen Thriller „A Cure for Wellness“ hat der 52-Jährige nun mit vergleichsweise geringem Budget in Deutschland gedreht.

 Mr. Verbinski, Ihre Filme haben 3,7 Milliarden Dollar eingespielt; Sie zählen zu den zehn finanziell erfolgreichsten Regisseuren. 

(Verbinski lacht.)

 Sind die Zahlen falsch? 

Nein, aber vollkommen gleichgültig, oder?

 Auch für Ihr Auftragsbuch? 

Der Erfolg hat sicher geholfen, kleinere Filme zu finanzieren. Ich hätte „The Weather Man“ nicht ohne „Fluch der Karibik“ drehen können. Aber das war ein Zufall. Ich glaube an Handwerk und Leidenschaft. Die Antwort auf das Warum einer Geschichte kann nicht Geld sein. Wenn ich in Zahlen denken würde, wäre mein Leben anders verlaufen. Einer Geschichte höre ich nur zu, wenn sie von einer Person erzählt wird und nicht von einem Beraterstab. Ich kann Schwächen verzeihen, wenn ich eine Stimme dahinter wahrnehme, egal ob es Filme, Bücher oder sonst was sind. Wenn ein Film sich wie ein Egg McMuffin anfühlt, verliere ich das Interesse. (A Cure for Wellness: Zur Kritik von Gore Verbinskis Horrorfilm) 

 „Fluch der Karibik 3“ war mit 300 Millionen Dollar 2007 der teuerste Film aller Zeiten. Wie vermeidet man den Egg McMuffin, wenn man Alte und Junge, Amerikaner und Asiaten unterhalten muss? 

Wenn man heute ein David-Lean-Epos erzählen will, braucht man ein Markenprodukt dahinter: ein Spielzeug, ein Superhelden-Comic oder eine Disneyland-Attraktion wie bei „Fluch der Karibik“. Sonst kriegt man die finanziellen Mittel nicht. Bei einem Film wie „A Cure for Wellness“, der auf gar nichts basiert, entfällt der Zwang, allen zu gefallen. Kein Mensch wird sein siebenjähriges Kind mit ins Kino nehmen, aber ein bestimmtes Publikum wird den Film umso mehr lieben.

 Ihr Film „The Lone Ranger“ hat viel Geld verloren. Hat Ihnen das geschadet? 

Na ja. Als wir uns „Fluch der Karibik“ überlegt hatten, gab es weit und breit keinen Piratenfilm, der funktioniert hätte. Ich habe es nicht wegen des sicheren Geldes gemacht, sondern weil es noch keiner gemacht hatte. Es gab keine Garantie. So was ist immer nur eine Gelegenheit, etwas zu lernen. Mal wird es ein Riesenerfolg, mal ein kleiner, mal ein Desaster. Zum Scheitern verurteilt ist man nur, wenn man auf vermeintlich sichere Siege setzt. Wenn ich bei „A Cure for Wellness“ jetzt mit einen völlig neuen Stoff in Deutschland gedreht habe, ist es auch eine Rückkehr zu diesem Geist. (Was lief falsch bei Verbinskis „Lone Ranger“? Zur Kritik) 

 „A Cure for Wellness“ verbindet Motive aus „Dracula“ und dem „Zauberberg“ 

 ; sie zeigen Thomas Manns Buch sogar einmal . Wie kam es zu dieser eigenwilligen Kombination? ; sie zeigen Thomas Manns Buch sogar einmal . Wie kam es zu dieser eigenwilligen Kombination? 

Der Autor Justin Haythe und ich hatten mit der Idee gespielt, einen Film wie eine Krankheit zu erzählen. Unsere Lieblingsfilme aus den 70ern leben vom Gespür für unausweichliche Bedrohungen, das alles erfasst, vom Bild bis zum Sound. Diese atmosphärische Idee führte uns zum „Zauberberg“, in dem die Gäste eines Sanatoriums ihre Krankheit wie ein Abzeichen vor sich hertragen, während die Welt auf den Krieg zusteuert.

 Und das Horrorelement? 

Wir wollten die Ängste aus dem Zeitgeist herauskitzeln – und zwar so, dass sie bleiben, wenn der Vorhang fällt. Das erscheint mir heute noch wichtiger als vor zwei Jahren, als ich in Berlin nach Drehorten gesucht habe. In unserer Gesellschaft stimmt etwas nicht. Die Welt wird immer irrationaler; und die Menschen spüren das. Ich habe zwei Söhne, 17 und 20 Jahre alt. Die wissen, was von ihnen erwartet wird: ein Studium, ein guter Job und am Ende Prostatakrebs oder ein tödlicher Busunfall. Und sie sind voller Zweifel und weigern sich, auf einem sterbenden Planeten einfach so weiterzumachen.

 Und Ihr Film ... 

... entwirft für all diese Ängste ein Sanatorium, in das die Wirtschaftsbosse kommen. Weil ihnen als Heilmittel hier die Absolution erteilt wird. Man spricht ihnen jede Verantwortung ab, und das wirkt wie eine Droge, die sie für immer bleiben lässt.

 Wie beschreiben Sie das visuelle Konzept von „A Cure for Wellness“? 

Mit dem Wort des Unausweichlichen. Jede Einstellung muss von einer Absicht durchdrungen sein, die nichts mit den Wünschen des Protagonisten zu tun hat. Als ob es einen Erzähler gäbe, der keinen Zweifel lässt, dass sich auf unserem Schloss eine seit 200 Jahren unabänderliche Geschichte abspielt. Der Held wehrt sich dagegen; er ist wie der verletzte Hirsch, den wir einmal zeigen, der immer wieder aufstehen will, obwohl es viel leichter wäre, einfach zu sterben. Diesen Widerwillen müssen die Bilder mit einer hypnotischen Kraft brechen. („Ghost in the Shell“ 1995 vs 2017: Was unterscheidet Remake und Anime?) 

 Der Hirsch erinnert an das panische Pferd, das Sie in „The Ring“ von einem Schiff springen lassen. Wie entstehen Ihre Tiermotive? 

Unser Protagonist stürzt aus dem Alltag in eine fremde Welt. Seine Uhr bleibt stehen, sein Handy geht nicht mehr; er muss sich wie in einem Sartre-Stück in einer Traumlogik zurechtfinden. Die Motive berühren Archetypen: der Hirsch, die glitschigen Aale, die Angst vor dem Ertrinken. Wir spielen mit Urerfahrungen.

 Horror, Western, Piratenfilme – lieben Sie das Genre-Kino wegen oder trotz seiner Regeln? 

Man kann ihnen jedenfalls nicht entkommen. Man nutzt automatisch die Sprache seiner Vorgänger, die sich bis in die eigenen Träume einschleicht. Aber in diesem Film teile ich trotzdem sehr persönliche Albträume mit, in denen ich meine Beobachtungen und mein eigenes Leben zusammenfasse.

 In „A Cure for Wellness“ stecken rund neun Millionen Euro deutscher Filmförderung – weshalb auch deutsche Darsteller mitspielen. Werden Sie wieder zusammenarbeiten? 

Sicher, warum nicht. Wir sind eine Familie geworden und halten Kontakt. Es war toll, mit neuen Leuten noch mal bei null anzufangen.

 Gibt es etwas, das Babelsberg besonders gut kann? 

Babelsberg hat eine überwältigende Geschichte. Es ist ein Vermächtnis. Babelsberg kann gut Filme machen. Punkt.