Rap-Album teuer versteigert Wu-Tang Clan verkauft an umstrittenen Pharma-Manager

Von Dr. Stefan Lüddemann | 10.12.2015, 17:30 Uhr

Das neue Album der Rapper vom Wu-Tang Clan gibt es nur in einem Exemplar. Das ging in einer Auktion an einen raffgierigen Pharma-Manager. Wie unmoralisch darf die Kunst sein?

Der Rap mag wie Pop und Rock ein Phänomen der Massenkultur sein. Wu-Tang Clan setzte dennoch auf radikale Exklusivität. Das neue Album „Once Upon a Time in Shaolin“ gibt es nur in einem einzigen Exemplar. Damit avancierte es wie ein extrem teures Gemälde von Pablo Picasso oder Vincent van Gogh umgehend zum unübertreffbaren Statussymbol. Die Rapper forderten Superreiche damit zur Jagd auf die Trophäe heraus. Der Gedanke, ausgerechnet mit einem Massenartikel ein so starkes Signal der sozialen Distinktion setzen zu können, wird die Rapper ebenso gereizt haben wie die Möglichkeit, den aus der Straßenkultur der Outsider stammenden Rap mit diesem einen Objekt zum Must-have der Reichen zu machen. Das geht sonst nur mit Hochkultur. (Hier weiterlesen: Die Künstler sich rar machen - von Adele bis Taylor Swift) .

Gegenmacht des Geldes?

Kunst transportiert allerdings auch die Botschaft, dass ihr ideeller Kern nicht käuflich ist. Kunst lebt ohnehin von dem Versprechen, eine Gegenmacht des Geldes zu sein. Das gilt erst recht für Rock, Rap, Hiphop, kurz, all jene Musikstile, die ihren Antrieb - zunächst jedenfalls - aus dem Protest gegen das Establishment beziehen. Der Käufer des einzigen Exemplars von „Once Upon a Time in Shaolin“ zählt nun allerdings nicht nur einfach zu den gesellschaftlich Arrivierten. Pharma-Manager Martin Shkreli, der das Rapper-Album nach einem Bericht des Magazins „Bloomberg Businessweek“ für rund zwei Millionen Dollar erworben haben soll, gehört nach Medienberichten und verbreiteter Stimmung in den sozialen Netzwerken zu den am meisten gehassten Menschen. Der Grund: Der auf den Medikamentenhandel spezialisierte Fondmanager hat die Rechte an der Arznei Darapim erworben, nur um dann den Preis des Mittels gegen die Infektionskrankheit Toxoplasmose von 13,50 Dollar auf 750 Dollar drastisch zu erhöhen - pro Tablette versteht sich. (Hier weiterlesen: Vincent van Gogh und der Mythos vom einsamen Genie). 

Fondmanager und Ghetto-Musiker

Für die Medien überflügelte Martin Shkreli damit selbst noch Walter Palmer, den Zahnarzt, der den geschützten Löwen Cecil in Simbabwe erschoss, auf den zweiten Platz des Rankings der unbeliebtesten Zeitgenossen. Kritik in den sozialen Netzwerken beantwortet Shkreli gern einmal mit dem Stinkefinger-Zitat aus einem Lied von Rapper Eminem. Haben der kalte Fondmanager und die Ghetto-Musiker doch mehr miteinander gemeinsam, als es auf den ersten Blick scheint? Den Rappern würde das nicht helfen. Sie leben von der Aura der Authentizität, auch wenn ihre Musik ein professionell designtes Produkt darstellt und sie selbst längst in die Stratosphären des Ruhms abgehoben haben. Die Wu-Tang Clan-Mitglieder haben jedenfalls sofort erkannt, wie gefährlich der arrogant exklusive Deal für sie werden kann und umgehend angekündigt, den Auktionserlös ihres Albums zu einem erheblichen Teil spenden zu wollen. (Hier weiterlesen: Jackson Pollock - der Maler als Superstar der Medien). 

Geste der Wiedergutmachung

Die nachträgliche Geste der Wiedergutmachung ändert nichts daran, dass nicht nur der Ruf einer Rap-Formation ramponiert ist. Künstler haben sich beim Flirt mit dem großen Geld wieder einmal die Finger verbrannt. Hier die Kunst, dort das Geld oder die Macht: Diese Konstellation verführt - und sie neigt zu gefährlichen Havarien. Dabei ist die Tauschkonstellation klar: Geld und Macht erhöhen die Sichtbarkeit der Künstler, Kunst verleiht Reichen und Mächtigen die Aura kultureller Wertigkeit. Aber wer kauft hier am Ende wen ein? Die Kunst hat dabei besonders viel zu verlieren: ihre Unabhängigkeit, ihre Freiheit, ihren Nimbus. (Hier weiterlesen: Warum ist Kunst eigentlich so teuer? Hier die Analyse) 

Auch die Kunst hat ihren Preis

Am Ende hat auch die scheinbar unbezahlbare Kunst ihren Preis: Genau das zeigt der Verkauf des solitären Rapper-Albums auf deprimierend deutliche Weise. Auch wenn die Anekdote, nach der Kaiser Karl V einen Pinsel Tizians vom Boden aufgehoben haben soll, nur eine Anekdote ist - sie zeugt von jenem Respekt, die auch Reiche und Mächtige der Kunst schulden sollten. Besser dran sind allerdings Künstler wie Damien Hirst, der sich dem Wohlwollen seines superreichen Sammlers Charles Saatchi nicht einfach überließ, sondern seine Kunst lieber selbst verauktionierte, als Saatchi und anderen das Geschäft und damit den Verlauf der eigenen weiteren Karriere zu überlassen. Das fulminante Resultat dieser Auktion von 2008 ging in die Geschichte ein - auch als Beispiel für einen Künstler, der sich eben nicht zur Trophäe machen ließ. (Hier weiterlesen: Starkünstler Damien Hirst eröffnet das eigene Museum). 

Einladung an Taylor Swift

Die Rapper können das nicht mehr ändern. Martin Shkreli, der bereits eine Kreditkarte von „Nirvana“-Legende Kurt Cobain erworben hat, soll längst auf der Jagd nach weiteren Privatalben von Musikern sein. Das Album „Once Upon a Time in Shaolin“ will er sich noch nicht angehört haben. Das Erlebnis wolle er sich aufsparen, sagt er. Und schiebt die Pointe gleich nach. „Ich könnte überzeugt werden, es mir früher anzuhören, etwa wenn Taylor Swift es hören will.“ Ein unverbesserlicher Romantiker? Nein, nur ein Mann, der weiß, dass er gekauft hat, was mit Geld eigentlich nicht zu bezahlen ist - den Luxus des exklusivsten aller Erlebnisse. (mit dpa)