Rankings spiegeln eine Kunstszene in der Ratlosigkeit Kunstkompass: Woher weht der Wind der Kunst?

Von Dr. Stefan Lüddemann | 25.03.2015, 18:13 Uhr

Er gilt als der unverrückbare Maßstab im quirligen Kunstbetrieb – der seit 1970 ermittelte „Kunstkompass“. Aber welche Orientierung gibt er wirklich? Die Bestenliste der Kunststars verrät mehr über Leistungsdenken als über Kunst, die wirklich wichtig ist.

Wer an der Spitze der Bestenliste einen harten Konkurrenzkampf vermutet, wird indessen enttäuscht. Gerhard Richter behauptet seit Jahren den Spitzenplatz im globalen Klassement. Auch die anderen Plätze unter den ersten zehn scheinen wie in einem Abonnement fest vergeben zu sein. Ob Baselitz, Rosemarie Trockel oder Anselm Kiefer und bis zu seinem Tod 2010 Sigmar Polke – gerade die deutschen Kunststars halten sich stabil unter den besten zehn. Den ersten Positionswechsel gibt es in diesem Jahr knapp dahinter. Jeff Koons, ein besonders ehrgeiziger Erfolgstyp der Kunst, ist von Platz auf 13 auf 12 vorgerückt. Hoppla!

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Seit 1970 gibt es den Kunstkompass. Die von dem Journalisten Willi Bongard erfundene Rangliste wurde zunächst im Wirtschaftsmagazin „Capital“ und später im „Manager Magazin“ publiziert. Jetzt erscheint sie zum ersten Mal in der zur Zeit-Gruppe gehörenden „Weltkunst“. Das von Linde Rohr-Bongard fortgeschriebene Auswahlprinzip scheint Transparenz zu gewährleisten. Die Rangliste errechnet sich nach Punkten, die nach Ausstellungen, Kritiken und Ankäufen vergeben werden. Was zählt dabei? Das, was Museen und Medien der Kunst zurückspiegeln. Verkaufs- und Auktionspreise bleiben unberücksichtigt. So weit, so transparent?

Die Frage stellt sich immer dringlicher. Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi und der betrügerisch agierende Kunstberater Helge Achenbach – beide für ihre Taten verurteilt – haben gezeigt, wie der Stellenwert von Kunst manipuliert werden kann, wie schnell der Kult um die angeblich wahre Kunst in den Hype um die Ware Kunst umschlägt. Erst der Preis macht die Kunst: Dieses ebenso oberflächliche wie wirkungsvolle Gesetz des aktuellen Kunstbetriebes dominiert immer machtvoller. Das Marktgeschehen entscheidet wesentlich darüber, welche Kunst Aufmerksamkeit erfährt und welche nicht. Käufe und Verkäufe steuern Rankings besonders nachhaltig.

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Das Bewertungsprinzip des Kunstkompasses funktioniert so, als könnten die Konjunkturwellen des Kunstmarktes von den Themenlisten des Ausstellungsbetriebes abgekoppelt werden. Das trifft aber nicht zu. In Wirklichkeit beeinflussen gerade private Sammler das Kunstgeschehen. Nicht wenige Künstler nehmen dieses Bewegungsgesetz auf und produzieren eine Kunst, die von vornherein perfekt in das Marktgeschehen eingepasst ist. Mit Jeff Koons und Damien Hirst dominieren zwei Akteure das Feld, die perfekte Selbstvermarktung sogar zur eigenen Kunstform erhoben haben.

Es sind folglich immer die gleichen Mandarine, die die Kunst dominieren. Genau diese Situation bildet der Kunstkompass mit der routinierter Verlässlichkeit Jahr für Jahr ab. Dieses Rankingformat stützt deshalb die Beharrungskräfte des Kunstbetriebes. Es hilft gerade nicht dabei, Newcomer zu identifizieren oder Trends wahrzunehmen. Der Kunstkompass ist konservativ. Und wie.

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Seine scheinbare Objektivität verdeckt nur, wie sehr der Kunstkompass an Zeittendenzen gebunden ist. Er fügt sich perfekt in eine Gegenwart, die verrückt nach Rankings ist. Alles muss nach Platzierungen gewertet werden. Und nach Personen. Ob Börsenwerte, Fußballtabellen oder eben Kunstrankings – kein Segment macht da eine Ausnahme. Dabei ersetzt die Kunsttabelle jene Ordnungsmuster, die es seit den Sechzigerjahren nicht mehr gibt. Seit Stilrichtungen nicht mehr zu identifizieren, Kunstgattungen nicht abzugrenzen und zentrale Themen der Kunst kaum noch auszumachen sind, muss das Tabellenformat aushelfen. Der Kunstkompass fällt folgerichtig in die Zeit nach der Virulenz der Avantgarden. Er zeigt den Erfolg der Kunst an – und ihre Ermüdung in der Marktgängigkeit.

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Der Kunstkompass hilft nicht wirklich weiter. Welche Kunst ist wirklich wichtig, das Gemälde von Gerhard Richter oder nicht vielleicht eine Performance oder Installation? Das Ranking bevorzugt nicht ohne Grund jene Kunst, die zu Messe und Museum passt. Themen, ästhetische Wahrnehmung, innovative Kraft: Das alles gerät nicht in den Fokus der Kunstkompass-Statistik. Umso besser für die Kunst.