Preis auch an „Pulse of Europe“ Osnabrück verleiht Friedenspreis an Aslı Erdoğan

Von Dr. Stefan Lüddemann | 19.05.2017, 12:00 Uhr

Der Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis der Stadt Osnabrück geht 2017 an die türkische Schriftstellerin und Essayistin Aslı Erdoğan.

Der Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis 2017 geht an die die türkische Schriftstellerin und Essayistin Aslı Erdoğan. Damit werde die „bedeutende Autorin“ und Kämpferin für die Menschenrechte ausgezeichnet“, sagte Jury-Präsident Wolfgang Lücke und Osnabrücks Oberbürgermeister Wolfgang Griesert (CDU) bei der Bekanntgabe am Freitag, 19. Mai 2017. Die Jury würdigt zugleich Erdogans „Berichten über die Auswirkungen der politischen Verhältnisse in der Türkei auf die Menschen und ihren Alltag“, wie es in der Begründung heißt. „Es ist ihr gelungen, die Schrecken, die Gewalt und Krieg insbesondere auf Frauen ausüben, transparent zu machen“, sagte Lücke, Präsident der Universität Osnabrück, weiter. „Noch nie war ein Träger des Erich-Maria-Remarque-Friedenspreises so nah an Remarque selbst dran“, hob Griesert die enge Verwandtschaft zwischen Erdoğan und dem in Osnabrück geborenen Autor des Antikriegs-Klassikers „Im Westen nichts Neues“ hervor. Hier weiterlesen: Stars und Skandale - das ist der Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis. 

Deutsche PEN-Sektion gratuliert

Regula Venske, Präsidentin des deutschen PEN-Clubs, reagierte auf Anfrage hocherfreut auf die Entscheidung für Erdogan. „Ich freue mich sehr darüber, dass die türkische Schriftstellerin Asli Erdogan mit dem Erich Maria Remarque-Preis ausgezeichnet wird. Eine zarte und doch so mutige Frau, eine wichtige Symbolfigur für die Hoffnung der Menschen auf ein Leben in Frieden und Würde, in der Türkei, aber auch anderswo“, sagte Venske und lobte Erdogan als Autorin, die „in schmerzlich-schönen Texten die Grenzen des Sagbaren“ auslote.

Knaus-Verlag gratuliert seiner Autorin

Die Juroren bezogen sich mit ihrer Entscheidung vor allem auf Erdogans Essaysammlung „Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch“, die 2017 im Knaus-Verlag erschienen ist. Die Juroren bezogen sich mit ihrer Entscheidung ausdrücklich auf Erdogans Essaysammlung „Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch“, die 2017 im Knaus-Verlag erschienen ist. Dessen Verlagsleiterin Britta Egetemeier kommentierte die Zuerkennung des Osnabrücker Preises an Erdogan auf Anfrage so: „Ihre beeindruckende Stimme, ebenso wie ihr großer Mut und ihre Haltung im Kampf um die freie Meinungsäußerung machen sie zu einer würdigen Preisträgerin.“

Liveschalte zur Preisverleihung?

In ihren Texten geißelt die Autorin die politischen Zustände in der Türkei unter dem autokratisch regierenden Präsidenten Recep Erdoğan. „Man spürt in den Zeilen dieser Texte geradezu den körperlichen Schmerz“, sagte Griesert weiter. Aslı Erdoğans in dem Buch versammelten politischen Essays dürfen in der Türkei selbst nicht publiziert werden. Die Autorin, die als Kolumnistin der Tageszeitung „Özgür Gündem“ zur publizistischen Stimme avancierte, wurde nach der Schließung der Zeitung am 16. August 2016 festgenommen und vier Monate lang inhaftiert. Seitdem ist die Autorin mit einem Ausreiseverbot belegt. Ob sie zur Verleihung des Erich-Maria-Remarque-Friedenspreises am 22. September 2017 nach Osnabrück kommen könne, sei deshalb vollkommen offen, hieß es aus der Jury. Bei einer Veranstaltung der Leipziger Buchmesse war sie im März 2017 per Liveschaltung aus der Türkei präsent.

Kolumnen gegen die Gewalt

Die 1967 in Istanbul geborene Aslı Erdoğan studierte zunächst Physik und arbeitete in einem Kernforschungszentrum. Ihr erster Roman „Der wundersame Mandarin“ erschien 1996. Mit ihrem Buch „Die Stadt mit der roten Pelerine“ gelang ihr nach Darstellung der Stadt Osnabrück der Durchbruch als Schriftstellerin. Sie schrieb Kolumnen für Tageszeitungen, in denen sie offen über staatliche Repressionen, Folter in Gefängnissen und Gewalt gegen Frauen berichtete. Von 1998 bis 2001 schrieb sie als Kolumnistin für „Radikal“, ab 2011 für die kurdisch-türkische Zeitung „Özgür Gündem“. Bei ihrer Verhaftung 2016 wurde der Autorin „Volksverhetzung“ und „Propaganda für eine illegale Organisation“ vorgeworfen. Aslı Erdoğan ist für ihre Arbeit inzwischen mit mehreren Preisen ausgezeichnet worden. So wurden ihr 2017 erst die Theodor-Heuss-Medaille und der Bruno-Kreisky-Preis für die Verdienste um Menschenrechte zuerkannt. Ironisch genug: Die in ihrem Heimatland verfolgte Autorin galt zunächst auch in der Türkei als preiswürdig. 2010 erhielt sie dort den Sait-Faik-Literaturpreis der Türkei. Hier weiterlesen: Leipziger Buchmesse - Forum des offenen Wortes.

Sonderpreis an „Pulse of Europe“

Neben dem mit 25000 Euro dotierten Hauptpreis wird auch der mit 5000 Euro dotierte Sonderpreis vergeben. Die Jury erkennt diesen Preis der Initiative „Puls of Europe“ zu, der 2016 in Frankfurt am Main als Bürgerinitiative als Reaktion auf den zunehmenden Erfolg populistischer und nationalistischer Bewegungen in Europa gegründet wurde. In öffentlichen Kundgebungen tritt die Initiative für Europa und seine Werte ein. Hier weiterlesen: Menschenrechtspreis für Erdogan. 

Mitglieder der Jury

Unter dem Vorsitz von Prof. Dr. Wolfgang Lücke, Präsident der Universität Osnabrück, gehören der Jury Prof. Dr. Heribert Prantl, Prof. Dr. Rita Süßmuth, Prof. Dr. Stefanie Schüler-Springorum, Dr. Johano Strasser, Dr. Hubert Winkels, Jutta Sauer sowie Prof. Dr. Tilman Westphalen als Vertreter der Erich-Maria-Remarque-Gesellschaft und Dr. Thomas Schneider als Leiter des Erich Maria Remarque-Friedenszentrum an sowie als Vertreter der Stadt Osnabrück Oberbürgermeister Wolfgang Griesert und der städtische Pressesprecher Dr. Sven Jürgensen.