Performance für die Presse Documenta in Athen: Aufruf für Europas Erneuerung

Von Dr. Stefan Lüddemann | 06.04.2017, 15:53 Uhr

Eine Pressekonferenz als Performance: Die Documenta 14 startet in Athen als Fanal politischen Engagements. Im Konzerthaus geht es weniger um Kunst als um die Krise Europas.

Auf der Bühne im Athener Konzerthaus Mégaro Mousíkis steht zunächst nur ein einsames Pult im Scheinwerferkegel, von dem aus Documenta-Sprecherin Henriette Gallus mehrere hundert Medienvertreter begrüßt. Doch dann hebt sich der Vorhang. Auf der nackten Bühne sitzen Mitglieder des Documenta-Teams und viele der Künstler, die Projekte für die Ausstellung gestaltet haben. Sie erheben ihre Stimmen zu einem chaotischen Gewirr, steigern sie zu der Lautstärke von Rufen und Schreien. Das überrumpelte Publikum reagiert mit begeisterten Applaus. Eine Pressekonferenz als Performance - die Documenta legt einen überraschenden Start hin. Hier weiterlesen: Performance im Mittelpunkt - das Profil der Documenta in Athen.

Parlament der Körper

Alt bekannt fallen hingegen die Stichworte aus, die Adam Szymczyk, künstlerischer Leiter der Documenta 14, und Mitglieder seines Teams in einem Marathon der Statements nennen. Das „Parlament der Körper“ versteht Szymczyk als zentrale Metapher einer erneuerten politischen Mitbestimmung. „Wir selbst müssen wieder politische Subjekte werden“, sagt der Kurator und bezieht Position gegen eine neoliberale Weltordnung, die die Menschen entrechtet habe. Das Arbeitsprinzip der Documenta verstehe sich deshalb als Erkundungsweg. Dem Team der Ausstellung gehe es darum, das „vorhandene und lokale Wissen“ zu nutzen. Einseitiger Wissensvermittlung erteilte Szymczyk eine klare Absage und spielte damit auf die politischen Konstellationen rund um Griechenlands Haushaltskrise an. Hier weiterlesen: Documenta und Co - wie wir mit Großformaten der Kunst unsere Zeit wahrnehmen. 

Kunst im Fernsehen

Künstlerfilme im griechischen Fernsehen - allerdings erst um Mitternacht-, Projekte mit lokalen Initiativen in Athener Stadtteilen, die leitenden Bild der „Partitur“ und des „Kontinuums“ - die weiteren Rednerinnen und Redner der Pressekonferenz entfalteten einen Überblick über ein Programm der gewollten Vielstimmigkeit. Während die Documenta 14 im Athener Stadtbild, von einigen Bannern abgesehen, kaum präsent ist, betonten die Ausstellungsmacher ihre Arbeit mit Partnern vor Ort. Szymczyk will seine Documenta nicht nur als Ausstellung verstanden wissen. Er appellierte an das Publikum, den eigenen Weg durch die Präsentationen nicht anhand vermeintlich wichtiger Kunstorte, sondern nach geografischen Richtungen und Arealen zu suchen. Hier weiterlesen: Von Athen lernen - Documenta plant den Kunsttransfer. 

Solidarität mit Gewaltopfern

Wie deutlich die Documenta politisch Position bezieht, wurde an dem Auftritt zweier Initiativen deutlich. Vertreter einer Kasseler Initiative erinnerten an den Mord an Halit Yozgat 2006 in einem Kasseler Internetcafé. Der Mann mit türkischen Wurzeln war das neunte und letzte Opfer in der Mordserie der rechtsextremen Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU). Die Kasseler Aktivisten erhielten brandenden Applaus, ebenso wie Cgarif Kiwan, Vertreter einer Gruppe syrischer Filmemacher, die das grauenhafte Geschehen des syrischen Bürgerkrieges in ihren Bildern festhalten. Kiwan forderte das Recht der Menschen in Syrien auf ihre Bilder ein und kritisierte, dass sie einer westlichen Medienindustrie ausgeliefert seien, die aus ihrem Leid Nachrichtenware mache. Weitere Redner übernahmen diesen Standpunkt und sprachen von einer „Krise Europas“, die sowohl materielle Ungleichheit wie auch moralisches Fehlverhalten umfasse.

 Hier weiterlesen: Neue Karte der Welt: Der Kommentar zur Documenta 14. 

 Hier weiterlesen: Documenta und Co - wie wir mit Großformaten der Kunst unsere Zeit wahrnehmen.