Osnabrück zeigt Scheper-Berkenkamp Vom Bauhaus in die Welt der Fantasie

Von Dr. Stefan Lüddemann | 18.10.2013, 00:00 Uhr

Sie war geistvoll, witzig, ironisch. Die Kunstgeschichte hat sie dennoch vergessen. Jetzt erinnert das Osnabrücker Felix-Nussbaum-Haus an Lou Scheper-Berkenkamp. 100 Exponate aus dem Berliner Bauhaus-Archiv fügen sich zur Wiederentdeckung.

Sie hat in Kinderbüchern „Luftlinienjongleure“ auftreten lassen und im Stuttgarter Wohnhaus des ehemaligen Vorstandsvorsitzenden der Daimler-Benz AG, Edzard Reuter, die Wände farbig gestaltet. Lou Scheper-Berkenkamp (1901–1976) wird in der kleinen Retrospektive als erstaunlich vielseitige Künstlerin sichtbar – und als Frau, die sich auch immer wieder selbst zurückgenommen hat. Bilder im kleinen Format und auf Papier, das Genre des Kinderbuches: Erfüllte Scheper-Berkenkamp damit nicht das Klischee einer weiblichen, also sich in Kleinformen genügenden Kunst? Die Ausstellung straft eine solche Sicht Lügen. Zum Glück.

Denn Lou Scheper-Berkenkamp bewegte sich nicht am Rand des Kunstgeschehens, sondern in dessen Zentrum. Die spätere Ehefrau des Bauhaus-Meisters Hinnerk Scheper (1897–1957) absolvierte von 1920 bis 1922 ihre künstlerische Ausbildung am Weimarer Bauhaus, kehrte 1925 an die berühmte Kunsthochschule nach Dessau zurück, ging von 1929 bis 1931 mit ihrem Mann nach Moskau, 1934 nach Berlin, wo sie bis zu ihrem Tod 1976 lebte. Als ausgebildete Wandmalerin übernahm Scheper-Berkenkamp eine heute nicht mehr erhaltene Farbgestaltung in der Berliner Philharmonie. Am Bauhaus kam sie mit Johannes Itten, Lyonel Feininger und Oskar Schlemmer in Kontakt – und mit der aus Bramsche bei Osnabrück stammenden Maria Rasch (1897–1959) , die den Kontakt zwischen dem Bauhaus und ihrer elterlichen Tapetenfabrik vermittelte. Das Resultat ist bekannt: die mit viel Erfolg produzierten Rasch-Bauhaus-Tapeten.

Wie Lou Scheper-Berkenkamp zum industriell gefertigten Design stand, zeigt die Ausstellung nun allerdings sehr deutlich. „Vorschlag an die Natur, sich zu normieren“ (1930) nannte sie eine Serie von Bildern mit geometrisch abgezirkelten Fischen und Menschen. Natürlich obsiegt bei dieser Künstlerin am Ende die ironisch gesetzte Abweichung. Ihre „Bahnunterführung“ erinnert an Lyonel Feiningers prismatisch aufgefächerte Stadtansichten, ihre „Laterna magica“ mit den über einem Feld aus Quadraten, Dreiecken und Kreissegmenten schwebenden Lichtpunkten an die Bildpoesien Paul Klees. Die beiden Blätter von 1921 zeigen, wie klar die damals gerade 20 Jahre alte Künstlerin ihren Kurs gefunden hat.

Dabei hat Lou Scheper-Berkenkamp bei aller Fantasie die Wirklichkeit ihrer Zeit niemals übersehen. In Moskau zeichnet sie nicht den offiziell verordneten Aufbruch des Sowjetkommunismus, sondern Ansichten einer surreal disparaten, mit sich selbst entzweiten Gesellschaft. Ihre Gouachen von Bettlern, Blinden und Menschen in Schaufensterspiegelungen belegen eine Haltung, die Scheper-Berkenkamp selbst so beschrieben hat: „Der Sowjetstern hat uns keineswegs geblendet.“

Wie sehr Bildpoesien hellsichtig machen können, führte die Bauhäuslerin auch mit ihren Berlin-Darstellungen vor. 1937 verkeilt sie Berliner Häuser zu Gruppen, die sich wie in Erwartung eines großen Einschlags ängstlich zusammenzudrängen scheinen. Und nach dem Krieg bringt sie Berlin als menschenleere Szenerie aus düsteren Blöcken und kargen Brandmauern ins Bild. „Finis Terrae“ von 1949 zeigt gar das Totengerippe als missmutigen Fährmann auf dem Kahn ins Jenseits. Deutlicher geht es kaum.

Dabei hat sich die Künstlerin ihren Bauhaus-Optimismus durchaus bewahrt. Das belegen ihre intelligent gemachten Kinderbücher. Mit ihnen führte die Bauhäuslerin Kunst als Gestaltung vor. Damit entspricht ihr Werk dem Credo des Osnabrücker Konstruktivisten Friedrich Vordemberge-Gildewart (VG). Entsprechend instruktiv fügt sich die Ausstellung zu Scheper-Berkenkamp in die Veranstaltungsreihe zu VGs 50. Todestag.

Osnabrück, Felix-Nussbaum-Haus: Phantastiken. Die Bauhäuslerin Lou Scheper-Berkenkamp. Eröffnung: Sonntag, 20. Oktober, 11.30 Uhr. Bis 9. Februar 2014. Di.– Fr, 11–18 Uhr, Sa., So., 10–18 Uhr. w ww.osnabrueck.de/fnh