Offensive gegen Geldsorgen Duisburger Lehmbruck-Museum wird 50

Von Dr. Stefan Lüddemann | 01.07.2014, 09:00 Uhr

Als „Hingabe zur geistigen Welt in einer Stadt der Schornsteine“ feierte eine Lokalzeitung 1964 die Eröffnung des Wilhelm-Lehmbruck-Museums in Zum 50. Geburtstag drücken Deutschlands wichtigstes Museum für moderne Skulptur erhebliche Geldsorgen.

Sie küssen sich, stundenlang. Manchmal bleiben Passanten stehen und schauen ihnen durch große Glasscheiben zu. Ist das pure Indiskretion? Nein, das ist Kunst, Tino Seghals Arbeit „The Kiss“ und obendrein die Charmeoffensive des Duisburger Lehmbruck-Museums zu seinem 50. Geburtstag. Zwei Darsteller tanzen und performen „The Kiss“ während der Öffnungszeit des Museums. Im großen Glaskubus ist dieses Werk vom derzeit vielleicht angesagtesten Documenta- und Biennale-Künstler auch von außen sichtbar.

„Unser Museum ist Teil der Stadtgesellschaft. Wir betreiben intensive Vermittlungsarbeit und ermöglichen Teilhabe für Menschen aus allen Teilen der Gesellschaft“, sagt Dr. Söke Dinkla, seit Dezember 2013 Direktorin des Lehmbruck-Museums und Vorstand der Stiftung, die das Haus seit dem Jahr 2000 trägt. Gerade sie weiß aber auch am besten, dass Umarmungsgesten allein Deutschlands wichtigstem Skulpturenmuseum nicht helfen.

Denn in den letzten Jahren hat die Stiftung Verluste eingefahren. Der jährliche Zuschuss der Stadt Duisburg von zwei Millionen Euro finanziert gerade eben den Betrieb des Hauses. Ausstellungen, gar Ankäufe? Dafür gibt es keine öffentlichen Gelder. „Duisburg ist keine reiche Stadt. Wir müssen unsere Eigenmittel so einsetzen, dass wir sie durch Zuschüsse anderer Geldgeber vervielfältigen. Meine Erfahrungen der letzten Jahre zeigen, dass dies mit guten Ideen möglich ist“, sagt Dinkla, die als Museumsmanagerin auf ihre Erfahrungen in der Projektarbeit für die „Duisburger Akzente“ oder das Kulturhauptstadtjahr „Ruhr 2010“ angewiesen ist.

Sie nimmt die gewaltige Aufgabe mit leiser Ironie. Ihr Haus zeigt neben „Kiss“ von Sehgal und den großen Lehmbruck-Plastiken von der „Knienden“ bis zum „Gestürzten“ auch die Wechselausstellung „Hans im Glück. Dort gibt es mit Hans Peter Feldmanns „Ein-Dollar-Note mit roter Nase“, Wilhelm Lehmbrucks verschüchtertem „Bettlerpaar“ oder Daniel Spoerris Objekt „Etwas auf die hohe Kante legen“ Werke zu sehen, die hintersinnig mit dem Thema Geld umgehen.

Das spielt in dem Museum auch ansonsten die gar nicht so heimliche Hauptrolle. Für immerhin 1,2 Millionen Euro ist bereits der Lehmbruck-Trakt saniert worden. Satte 4,2 Millionen stellen bis 2016 vor allem das Land Nordrhein-Westfalen und der Bund bereit, um den maroden, ganz in Glas gehüllten Hauptbau zu sanieren. 2012 fielen dort Deckensegmente zu Boden. Das Museum wurde kurzzeitig geschlossen, weil Besucher gefährdet waren. Jetzt sind alle Deckensegmente entfernt. Der Betrieb kann weitergehen.

Söke Dinkla und ihr Team machen aus der Geldnot gerade im Ausstellungsbetrieb eine Tugend. Eine große Überblicksausstellung, wie sie noch 2006/7 unter dem imposanten Titel „Das Jahrhundert moderner Skulptur“ unter der Direktion von Christoph Brockhaus gezeigt wurde, scheint das Haus derzeit nicht stemmen zu können. Jetzt präsentiert das Museum eine Folge kleiner Einzelpräsentationen. Nach „The Kiss“ von Sehgal zeigt Dinkla noch Werkinstallationen von Monika Sosnovska, Erwin Wurm, Eija-Liisa Ahtila und Anthony Gormley und verfährt so nach dem kostengünstigen En-suite-System.

Zugleich setzt sie Zeichen für die Sammlung. Unübersehbar zeigt sie Alberto Giacomettis Plastik „Das Bein“, die Dinklas Vorgänger Raimund Stecker noch veräußern wollte und das Lehmbruck-Museum damit ins Gerede gebracht hatte. Das Werk sei mit Geldern aus der Industrie angekauft worden, sagte Dinkla. Der Hinweis ist klar: Man verprellt nicht diejenigen, auf deren Hilfe man in Zukunft mehr als bisher angewiesen sein wird.

Info: www.lehmbruckmuseum.de