Noch bis zum 22. November 2015 56. Biennale von Venedig: Kunst in Krisenzeiten

Von Dr. Stefan Lüddemann | 03.11.2015, 19:11 Uhr

Kunst als Diagnose der Gegenwart und Handlungsanweisung für die Zukunft: Die 56. Biennale di Venezia geht in den Schlussspurt. Ein Besuch in

Wie schwarze Fahnen des Untergangs flattern die verschlissenen Kohlesäcke, die der Ghanaer Ibrahim Mahama in einem engen Durchgang an die Außenwände der Arsenale drapiert hat. Im Abendwind, der von der Lagune hereinweht, bauschen sich die Säcke auf, streifen die Besucher. Totenvögel könnten kaum unheimlicher flattern. Um die Zukunft der Welt geht es bei der 56. Biennale, aber Chefkurator Okwui Enwezor inszeniert lauter Abschiede, auch mit dem Defilee der Herrscherskulpturen eines verblichenen Empires, denen das indische Künstlerkollektiv Raqs die Köpfe abgeschlagen hat. Ob das Entree der symbolischen Hinrichtungen oder der Ausgang unter Säcken – Enwezor hebt den mahnenden Finger der Kolonialismuskritik. (Hier weiterlesen: Was bringen die Skulpturprojekte Münster 2017?) .

Last der großen Themen

Das ist nicht neu, auch nicht der von Enwezor schon 2002 bei der Documenta 11 inszenierte Ausgriff in globale Dimension. Doch was kann Kunst glaubwürdig leisten, wenn es um die Desaster der Welt geht, um die ganz große Themenagenda also? Die Biennale hält drei Antworten bereit, die Verfahrensweisen der Kunst auch künftig prägen werden: Gemeinschaft organisieren, Übersetzungen stiften, Wahrnehmung differenzieren. (Hier weiterlesen: Das Kunstjahr 2015 im Überblick) .

Marx in Marathon-Lesung

Dabei fällt die Marathon-Lesung des „Kapital“-Wälzers von Karl Marx weniger ins Gewicht als das Arena-Arrangement im zentralen Pavillon der Giardini, jenem Gartengelände mit den Pavillons der Nationen. Die Arena steht für eine Kunst, die sich nicht in marktgängigen Werken, sondern in Ereignissen verwirklicht. Diese Ereignisse haben teil an Event und Theatralität, gehen jedoch darüber hinaus. Sie machen aus dem Besucher oder Betrachter den Beteiligten. Die Biennale feiert die Gemeinschaft stiftende Performance geradezu als Non-Stop-Erlebnis. Die Arena-Architektur bildet das Herzstück des zentralen Pavillons. (Hier weiterlesen: Das Archiv als Kraftquelle - Beispiel Documenta) .

Okwui Enwezor ist der Chef

Okwui Enwezor hebt damit Kunst als Praxis auf jene große Bühne, die auch an anderen Orten der Artworld installiert ist. Hannovers Kestner-Gesellschaft zeigt gerade die Bildhauerin Rita McBride und ihre Raum stiftende Installation „Arena“. In der Kunsthalle Osnabrück erforschten Julia Draganovic und Pedro Helguera als Kuratoren erst Anfang 2015 mit einer Reihe von Performances jene Aggregatzustände, die eine neue Gemeinschaftlichkeit im Raum der Kunst annehmen kann. (Hier weiterlesen: Wie Kunst verwandeln kann - die Performance von Maria Jose Arjona in Osnabrück). 

Im Zugwind der Globalisierung

Damit ist mehr gemeint als ein episodenhaftes Wärmeerlebnis im Zugwind von Globalisierung und ferner Eliten-Politik. Kunst soll anleiten, Wege zu bislang unentdeckten oder verlorenen Praktiken weisen. Und Übersetzung stiften, indem sie Menschen eine Stimme gibt. So berichtet in der Arena die syrische Künstlergruppe Abounaddara über den Alltag im Bürgerkrieg. Und das fern der Nachrichtenlage der Medienwelt. (Hier weiterlesen: Großereignis der Projektionskunst - die Lichtsicht-Biennale). 

Erwartbare Positionen

Natürlich unterfüttert Enwezor diesen performativen Stream mit erwartbaren Positionen einer Kunst, die kritisch nachhakt. Hans Haackes penible Dokumentationen ökonomischer Abhängigkeiten, Andreas Gurskys Großfotos von den Hotspots rasanter Wertschöpfung von Börse bis zu Arbeitskolonnen in der Dritten Welt, Robert Smithsons Kritik an Landschafts- und Naturverbrauch, dazu Kerry James Marshalls Gemälde zu Themen afroamerikanischer Identität oder eine Installation von Thomas Hirschhorn: Das sind die tragenden Teile im Gerüst der streng auf ruppige Zeitkritik getrimmten Präsentation der Biennale. Kunst deckt sich aber nicht mit Manifesten. Das genuine Anliegen der Kunst ist, jene Sensibilität zu schärfen, die unter dem Druck der Sachzwänge immer zu kurz kommt. Die besten Arbeiten dieser künstlerisch übrigens nicht immer überzeugenden Biennale sind jene, die Wahrnehmung fein differenzieren. (Hier weiterlesen: Thomas Hirschhorn - die Installation in der Kunsthalle Bremen) .

Bäume auf Wanderschaft

Céleste Boursier-Mougenot schickt am und im französischen Pavillon Bäume auf eine unmerkliche Wanderschaft, deren Bewegung sich im Zeitlupentempo vollzieht. Fiona Hall hat für ihr Horrorkabinett „Wrong Way Time“ im australischen Pavillon Fundstücke aus der malträtierten Natur arrangiert. Und Chiharu Shiota zeigt im japanischen Pavillon ein Fadengewirr, an dem Tausende Schlüssel hängen – Symbol für jene Wohnungen, die Menschen überall auf der Welt ein letztes Mal abschließen, um nie wiederzukehren, weil sie Flüchtlinge sind. (Hier weiterlesen: Wie war die Documenta 13 von 2012? Hier die Kritik) .

Sprung in die Lagune

Kunst als das feinere Sensorium: In dieser Hinsicht bietet die Punta Dogana, neben dem Palazzo Grassi zweiter Standort der Sammlung Pinault , eine wichtige Ergänzung zum Biennale-Programm. Danh Vo, Shootingstar und Sammlerliebling der Szene, hat die Räume der alten Zollstation am Ende des Canal Grande unterhalb der pompösen Kuppelkirche Santa Maria della Salute sensibel kuratiert, mit eigenen Werken und jenen etwa von Nairy Baghramian oder Peter Hujar. Viele ihrer Plastiken und Installationen beschwören die fragile Körperlichkeit der Existenz, ihre Schönheit und Gefährdung. Roni Horns „Gold Field“, eine Fläche aus purem Gold, wirkt da wie die Utopie unbeschädigten Lebens. Das Künstlerduo Elmgreen & Dragset steuert ein Objekt in der Gestalt eines Sprungbrettes bei. Aus dem Innenraum weist es durch die Fensterscheibe in die blau schimmernde Lagune. Das trifft nicht die Grundstimmung der 56. Biennale. Eine Botschaft Venedigs ist genau dies aber zu jeder Zeit. (Hier weiterlesen: Verhältnis mit Spannungen: Museen und Leihgaben der Sammler) .

 Venedig, Biennale: All the Worlds Futures. Bis 22. November. www.labiennale.org ; Punta Dogana: Slip of the Tongue. Bis 31. Dezember. www.palazzograssi.it/en/museum/punta-della-dogana