„Niveaulos und beliebig“ Hannover: CDU-Lokalpolitiker empört über „Freischütz“

Von Ralf Döring | 15.12.2015, 19:18 Uhr

Der kulturpolitische Sprecher der CDU-Ratsfraktion in Hannover, Oliver Kaiman, hat sich über die Inszenierung des „Freischütz“ an der Staatsoper empört. In einer Pressemitteilung fordert er Kulturdezernent Harald Härke auf, an der Oper „durchzugreifen“.

Mit einer umstrittenen Inszenierung an der Staatsoper Hannover hat der Dortmunder Schauspiel-Intendant Kay Voges für Empörung gesorgt. Der kulturpolitische Sprecher der CDU-Ratsfraktion in Hannover, Oliver Kaiman, forderte daraufhin vom Kulturdezernenten der Stadt, Harald Härke, in seiner Funktion als Aufsichtsrat der Oper „durchzugreifen und bei aller Freiheit für die Kunst dafür Sorge zu tragen, dass die Schätze, die uns Dichter und Komponisten hinterlassen haben, lebendig bleiben und nicht ins Niveaulose und Beliebige gezogen werden.“

Die Inszenierung - Debakel oder Triumph?

Voges, im Hauptberuf Schauspiel-Intendant in Dortmund, hat den „Freischütz“-Stoff offenbar radikal modernisiert. Ob das gelungen ist, darüber gehen die Meinungen auseinander. „Die Welt“ sieht die Inszenierung eher kritisch, schreibt von einer „Höllenfahrt in den nationalpsychologischen, nationalpathologischen Untergrund“. Von „hochnotpeinlichen“ Videoausschnitten mit Christian Thielemann ist die Rede, und „nicht alles ist wirklich auch nur annähernd geschmackvoll“. Die „ nmz “ hingegen findet die Regie zwar überladen: „Voges lässt nichts aus an Assoziationen, von Schneewittchen und den sieben Zwergen, von den Nazis bis zu Pegida, bis zu den Flüchtlingsströmen und Beate Zschäpe.“ Aber sie würdigt auch den „tollen Kunstgriff“, den zweiten Teil in die Karikatur kippen zu lassen. Einigkeit herrscht bei der Beurteilung der musikalischen Umsetzung: tolles Ensemble, tolle Karen Karamasek am Pult des Niedersächsischen Staatsorchesters.

Was will die CDU?

Das Premierenpublikum hat am Samstag wohl so zwiespältig wie die Presse reagiert: Von „kurzem, erregtem Applaus“ schreibt die „nmz“, angeblich hätten die Bravos überwogen. Eine Online-Umfrage der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ stützt diesen Eindruck. Auf die Frage, ob der Kulturdezernent an der Oper „durchgreifen“ solle, votieren 66 Prozent für die Freiheit der Kunst. Lediglich ein Fünftel der Abstimmenden fordert, staatlich geförderte Kunst solle ein breites Publikum ansprechen. Der CDU-Lokalpolitiker Kaiman hingegen holt zum Rundumschlag aus.

Er spricht vom „Kulturverlust zu Gunsten vermeintlich wichtiger Dekonstruktion, angeblich gegenwartsbezogener Kontextualisierung und offenbar sensatsionsgetriebener Einmaleffekte“. Von da kommt er sehr schnell auf den staatlichen Bildungsauftrag zu sprechen und bemängelt, dass Schülerinnen und Schüler die Inszenierung nicht sehen könnten: Aufgrund einiger Video-Einspielungen hat die Staatsoper eine Empfehlung ab 16 Jahren ausgesprochen.

In Theater und Oper - aber erst ab 16?

Damit betritt die Staatsoper keineswegs Neuland: Die Berliner Volksbühne warnte im Mai vor der Uraufführung des Stückes „Die 120 Tage von Sodom“ mit den Worten: „Für Zuschauer unter 18 Jahren nicht geeignet“. Und vor zwei Jahren sprach das Theater Osnabrück für die „Drei Einakter“ von Paul Hindemith ebenfalls eine Empfehlung ab 16 Jahren aus . Kontrovers diskutierte Inszenierungen gehören ebenfalls zum Opernalltag: Immerhin war es der Hannoveraner Intendant Albrecht Puhlmann, der Calixto Bieito als Opernregisseur nach Deutschland holte – der wiederum an der Komischen Oper Berlin ausgerechnet als der Wald im „Freischütz am grünsten wabert, einen leibhaftigen Eber über die Bühne geschickt hat. Übrigens ebenfalls eine Inszenierung, die erst ab 16 empfohlen war.

In Osnabrück war der „Freischütz“ zuletzt 2009 zu auf der Theaterbühne zu erleben. Die Inszenierung hätte der Hannoveraner Orts-CDU vermutlich ebenso wenig gefallen wie die aktuelle von Kay Voges. Lorenzo Fioroni hatte das Stück nämlich radikal modernisiert: DenJäger Max machte er zum traumatisierten Afghanistan-Heimkehrer; die Wolfsschluchtszene zeigte er als Ego-Shooter, der sich in Max‘ Kopf abspielt. Damit war Fioroni möglicherweise näher an Carl Maria von Webers Intention, als kulturpolitische Wächter wahrhaben wollen: Schon Weber blickt tief hinter die Kulissen der biedermeierlichen Bürgerlichkeit. Und die Oper spielt vor dem Hintergrund von Kriegserfahrungen. Die Völkerschlacht von Leipzig lag bei der Uraufführung gerade acht Jahre zurück.