Neues von Judith Hermann Jede Menge Geistesblitze im „Lettipark“

Von Elke Schröder | 06.06.2016, 18:11 Uhr

Judith Hermann legt sieben Jahre nach ihrem letzten Band „Alice“ mit „Lettipark“ neue, kurze Erzählungen vor. 17 Biografie-Fragmente, die sich teilweise wie schwer zu entschlüsselnde Gedichte lesen.

Die Themen, die die Erzählungen durchziehen, sind faszinierend: Es geht um die Erinnerungen an frühere kurze Begegnungen, Wendepunkte in Lebensläufen, die sich im Rückblick schon in kleinen Ereignissen bereits angekündigt haben. Sie tauchen wie Geistesblitze auf, auf die jedoch keine heftigen emotionalen Gewitter folgen.

Unerhörte Geschehnisse

Judith Hermann, die 1998 mit ihrem ersten Erzählband „Sommerhaus, später“ ihren literarischen Durchbruch schaffte, erzählt in ihrer schnörkellosen Sprache zunächst wie gewohnt und scheinbar kühl Belangloses, um darin zwischen den Zeilen oder mit einem kurzen Satz unerhörte Geschehnisse, Dramen zu verpacken.

Wunderbare Nachwirkung

Ein Stil, der bereits in ihrem Debütband sowie in „Nichts als Gespenster“ (2003) und „Alice“ (2009) ihren Texten eine besondere intensive, wunderbare Nachwirkung im Kopfkino verlieh. Und so oft wie das Motiv des Feuers in dem neuen Band verwendet wird, könnte man meinen, die Erzählungen dürften einen nicht kalt lassen. Dem ist leider nicht immer so.

Blick durchs Schlüsselloch

Es sind Blicke wie durch ein Schlüsselloch auf notdürftig gezeichnete Charaktere und nur angedeutete Biografien, die uns die Berliner Schriftstellerin anbietet – mehr Nähe gewährt sie nicht. Hermanns minimalistischer Erzählstil wirkt über einige Strecken wie eine detaillierte, nüchterne Bildbeschreibung: „Der Circuswagen ist alt, rot und blau gestrichen, die Farbe blättert ab“, heißt es da etwa in einer schwächeren Erzählung „Fetisch“. Der Betrachter muss entscheiden, ob er in dem jeweiligen „Gemälde“ einen tieferen Sinn oder einen Bildausschnitt findet, der im Gedächtnis bleibt.

In „Fetisch“ wird ein Kind ein Foto verbrennen, das ihm lange etwas bedeutet hat. Warum es das tut, bleibt unverständlich. Ebenso liest sich „Träume“ vom Kommen und Gehen von (Frauen-) Freundschaften wie ein schwer zu fassendes Gedicht.

Berührende Geschichten

Daneben gibt es eine Reihe tief berührender Geschichten wie beispielsweise die erste: „Kohlen“. Darin geht es aufs Land, zu welcher Zeit die Handlung spielt, bleibt unklar: Namenlose Erwachsene haben gerade einen Wintervorrat mit sieben Tonnen Kohlen im Stall angelegt, als der Junge aus der Nachbarschaft auftaucht. Es ist der vierjährige Vincent mit einem Auftreten wie ein 15-Jähriger.

Man ahnt: Er ist ein Junge, der zu schnell erwachsen werden muss. Vincents Mutter ist vor einem Jahr gestorben, sie hatte die Trennung von ihrem Mann nicht verkraftet: „Seine Mutter hatte uns gezeigt, dass man an der Liebe sterben kann.“ Was wird der Junge aus dieser Erfahrung machen?

Ein Leben im „Halbschlaf“

Stark auch die Geschichte „Kreuzungen“ über die Schwierigkeit, angesichts unmöglicher Nachbarn ein sozialer Mitmensch zu bleiben. Oder „Osten“ über ein Bauchgefühl im richtigen Moment in einer Baracke in Odessa. Oder die Geschichte „Mutter“, die Nachdenken anregt über Vergänglichkeit und über die verpasste Chancen einer Frau, die ihr Leben wie im „Halbschlaf“ verbrachte.