Neuer Roman von Jon Fosse Faszinierende Erzählkunst in „Trilogie“

Von Christine Adam | 07.06.2016, 16:45 Uhr

Der norwegische Schriftsteller und bekannte Dramatiker Jon Fosse fasziniert mit seinem dreiteiligen Roman „Trilogie“ mit überragend eingesetzter Erzählkunst.

Dieser Roman brennt sich ein ins Gedächtnis wie die Fotografie einer Landschaft im hohen Norden Europas mit ihren düsteren, blaustichigen Grün- oder Brauntönen – weil das Licht keine Kraft hat, die Farben aufzuhellen. Doch diese Gedächtnisspur ist alles Andere als angenehm. Denn Jon Fosse , der auch hierzulande wichtige, vielgespielte norwegische Dramatiker und Verfasser erzählender Werke, rückt so beklemmend wie ergreifend nah ran an seine Figuren und ihre Welt. Dass dies eine in jeder Hinsicht beengte, arme, chancenlose Welt ist, macht Fosse mit allen Mitteln seiner wirklich überragenden Erzählkunst klar.

Wie die Heilige Familie

Er lässt das junge Paar Alida und Asle durch den norwegischen Küstenort taumeln. An die biblische Heilige Familie erinnert, was sie erleben: Es ist kalt an diesem Spätherbstabend, sie haben nichts außer zwei Bündel und einen Fiedelkasten dabei, Alida ist hochschwanger und beide hocken sich zu Tode erschöpft in den Regen, um auszuruhen. Denn niemand will ihnen, den Fremden, eine Unterkunft gewähren. Ihre existenzielle Not, ihr Kampf ums nackte Überleben, zieht immer wieder das Schuldigwerden nach sich. Erst bringt Asle Alidas tyrannische Mutter um, dann einen Bootsbesitzer, um mit Alida und dem Ungeborenen fliehen zu können und schließlich eine alte Frau, in deren Haus das verzweifelte Paar schließlich Unterschlupf gefunden hat.

Doch diese Schuld ist fast nicht existent. Sie wird als notwendiges Übel totgeschwiegen, damit die kleine Familie und die starke Liebe untereinander überleben können. Doch so zurückgezogen und unter den falschen Namen Olav und Asta das Paar auch lebt: Es gibt eine Außenwelt, eine Gesellschaft, die sich an sie erinnert und die trägt die Schuld an das Paar heran. Leider aus niederen, egoistischen Motiven heraus und weniger der behaupteten hehren Moral. Auch das und Asles Ende erinnert an den biblischen Passionsweg. Viel mehr aber noch Jon Fosses Sprache und Weltentwurf für seine Trilogie.

Welt mit engem Horizont

Er nutzt nur die Worte und den kargen, in der wörtlichen Rede auch unvollständigen Satzbau zweier denkbar wenig gebildeter Menschen. Schwerfällig, umgangssprachlich schlicht und mit Wortwiederholungen schleppen sich diese Sätze vorwärts. Manchmal ziehen sie sich, getrennt durch Kommata, über eine halbe Seite und enthalten die Fakten und Gedanken einer Welt mit engem Horizont. Es schwingen aber auch Taktgefühl und Zukunftshoffnung zweier emotional und moralisch eigentlich intakter Menschen mit. Fosse gelingt es, die Grenzen ihres Denkens deutlich zu machen, ohne die Figuren bloß zustellen. Ihr hilfloses Leiden und Erdulden, die zarte Poesie ihrer Liebe schmerzt und löst Mitgefühl aus. Denn natürlich lässt sich „Trilogie“ auch als Parabel auf Flüchtlingsschicksale unserer Tage lesen – und wirbt um Empathie. Das Buch gewährt aber auch wie alle große Literatur einen Blick in einen fremden Kosmos mit dem ihm eigenen Lebenstempo sowie seiner Tragik und Schönheit zugleich – großartig.