Neuer Roman „Das Pfingstwunder“ Sibylle Lewitscharoff hält Moderne den Spiegel vor

Von Oliver Schmidt | 27.09.2016, 17:49 Uhr

Fantasiegefüllt, magisch, ironisierend: Mit diesen Umschreibungen lässt sich der neue Roman von Sibylle Lewitscharoff kennzeichnen. Dennoch ist er mehr als das. „Das Pfingstwunder“ entzieht sich jeder Form. Ein barockes Bildnis, in dem unserer Moderne ein Spiegel vorgehalten wird.

Wer schon mal einem wissenschaftlichen Kongress beigewohnt hat, weiß es: Das Wesentliche wird am Abend im Restaurant oder in der Bar abgehandelt. So auch bei der am Pfingstwochenende 2013 in Rom stattgefundenen Tagung zu Dantes „Göttlicher Komödie “. Da treffen sich 34 international renommierte Expertinnen und Experten, um über dieses Stück Weltliteratur zu debattieren. Und während nach dem Frühstück die einzelnen Canti zerpflückt werden, geht es abends in der Trattoria zwischenmenschlich zur Sache. Dann geschieht das Unfassbare: Alle bis auf einen der Wissenschaftler sowie als Dreingabe auch noch zwei Bedienstete fahren gen Himmel. Zurück bleibt der Frankfurter Romanist und Organisator der Tagung Gottlieb Elsheimer.

Das Pfingstwunder

Es ist eine fulminante Geschichte, die die Büchnerpreisträgerin Sibylle Lewitscharoff ausbreitet, wobei sie das wunderliche Geschehen am Ende der Zusammenkunft bereits an den Anfang stellt. Der Chronist Elsheimer ist Tage später wieder in Frankfurt, seine Kolleginnen und Kollegen sind freudestrahlend und in Zungen redend aufgefahren, nur er ist leidend auf der Erde geblieben. Darum lautet seine Frage: „Warum ich nicht?“. Eingebettet wird dieses Wunder in eine Nacherzählung der Reise Dantes durch die Unterwelt. Wer bislang noch nie etwas von der „Komödie“ vernommen hat, bekommt eine detaillierte Einführung, wobei Lewitscharoff nicht mit deftigen Einzelheiten spart.

Und wie bereits in dem 2011 erschienen Romans „Blumenberg“ zu erkennen war, geht es der Stuttgarterin in ihren neueren Büchern um das Mystische, das sie mit unserer modernen Welt konfrontiert. Im „Pfingstwunder“ treibt sie dies zu einem neuen Höhepunkt. In einer großartig klingenden barocken Sprachmelodie lässt sie den alternden Universitätsprofessor die Erlebnisse auf der Tagung Revue passieren, wobei er, der in seiner Frankfurter „Wohnhöhle“ einer schweren Depression verfällt, die Gründe für das „Wunder“ zu erfahren sucht.

Doch kann sich jemand eigentlich ernsthaft als Realist bezeichnen, der sein Leben dem Studium der „Göttlichen Komödie“ gewidmet hat? Elsheimer, das wird immer deutlicher, ist dieser Neuzeitwelt überdrüssig, die Vorlesungen, Seminare und Studenten – all das ist nicht mehr seins.

Sinnsuche bei Dante

So gelesen ist diese Geschichte der Versuch einer Standortbestimmung. Elsheimer fragt sich nach dem Sinn seines Lebens. Wenn er ihn hier nicht findet, dann eben im kuriosen Höllenkosmos eines Dante. Deshalb stellt die 62-jährige Autorin ihren unbeholfen wirkenden Antihelden in ein unfassbares Geschehen. So wie es der Icherzähler der „Komödie“ mit Riesen und Teufeln aufnehmen muss, erlebt der selbstdefinierte Realist Elsheimer etwas, was jenseits seiner Vorstellungskraft liegt. Kunstvoll verknüpft Lewitscharoff, deren Romane dem Leser einiges abverlangen, die beiden Ebenen: die mittelalterliche Darstellung der beinahe greifbaren Hölle mit einer unvorstellbaren Schmerzen ausgesetzten Körperlichkeit, und der vergeistigte Gelehrte, der sich in der modernen Welt mit mehr Zuhause fühlt, und sogar einen „Tatort“-Krimi an der Kunst dieses Dante Alighieri misst.

Letztendlich ist es dieser verzweifelte Versuch einer Selbstfindung, der das „Pfingstwunder“ zu einem Roman macht, der nicht aus unserer Zeit fällt. Sondern zu einem, in dem es gelingt, Mystisches dem nüchternen Realismus unserer Epoche gegenüberzustellen und diesen damit kritisch zu hinterfragen.