Neuer Film von Bill Condon „Mr. Holmes“: Der Meisterdetektiv als alter Mann

Von Tobias Sunderdiek | 24.12.2015, 07:00 Uhr

Er ist die meistverfilmte Figur der Literaturgeschichte: der von Arthur Conan Doyle erdachte Meisterdetektiv Sherlock Holmes. In „Mr. Holmes“ spielt Ian McKellen den Ermittler komplizierter Kriminalfälle am Ende seines Lebens. Er blickt darin zurück auf sein Wirken, bevor er gänzlich das Gedächtnis verliert.

Es hat etwas von der Suche nach dem Jungbrunnen. 1947 nimmt der inzwischen 93-jährige Sherlock Holmes die Einladung eines japanischen Diplomatensohns an, um nach einer Heilpflanze zu suchen. Tatsächlich findet er das seltene Gewächs – inmitten der verkohlten Überreste von Hiroshima. Kann sie dem langsam der Demenz anheim fallenden Privatermittler helfen?

Zurück in seinem Haus in Sussex bringt Roger (Milo Parker), der Sohn der verwitweten Haushälterin Mrs. Munro (Laura Linney), Holmes dazu, eine Geschichte zu schreiben, über einen Fall, der ihn zeit seines Lebens zu schaffen machte.

Dabei ging es um eine junge Ehefrau, die nach der Totgeburt ihrer zwei Kinder offenbar unter den Einfluss schwarzer Magie gerät. Holmes konnte den Fall zunächst nicht lösen, doch für Dr. Watson war der Fall klar. Er konstruierte eine Geschichte, die er seiner Leserschaft präsentierte und sogar zum Stoff eines Kinofilms wurde.

Fiktion? Überbewertet!

Doch weil Sherlock Homes kein Freund der Fiktion ist, und er die Geschichte über ihn für „schreckliche Trivialliteratur in gehobener Prosa“ hält, versucht er nun selbst sein Leben richtigzustellen. Eine Herausforderung – persönlich, aber auch geistig.

Tattrig, erschöpft, aber auch davon beseelt, die letzten Dinge des Lebens zu regeln – so erinnert Ian McKellen als Titelheld hier an die erste Zusammenarbeit mit Regisseur Bill Condon. 1998, in „Gods and Monsters“ spielte McKellen den Hollywood-Regisseur James Whale, dessen letzte Tage ebenfalls Gegenstand der Handlung waren, und wo der Unterschied zwischen Fantasie und dem „wahren Leben“ zum Konflikt führte, zur Suche nach eigenen Dämonen und nach inneren Frieden.

Was ist wahr? Was erfunden?

Wie hier. Wobei „Mr. Holmes“ hier eine andere Form der künstlerischen Freiheit bietet: Denn, so erfahren wir hier, den Pfeife schmauchenden, Hut tragenden und in der Baker-Street 221b residierenden Romanhelden gab es gar nicht. Er wurde nur von Holmes Freund Dr. Watson erfunden. Wobei, um die Doppelbödigkeit perfekt zu machen, es bei der Figur des Dr. Watson als Autor der Holmes-Geschichten natürlich auch nur ein Fantasieprodukt handelt. Von dem ursprünglich von Arthur Conan Doyle erfundenen Sherlock Holmes entfernt sich damit nicht nur äußerlich die grandiose Darstellung von Ian McKellen (ohne Pfeife und Karo-Cape und übrigens im wirklichen Leben 76 Jahre alt), sondern auch die Filmhandlung. Womit sich auch eine ganz neue Frage nach der „wahren“ Autorenschaft der Figur.

Eine erfundene, aber wahrhaftige Biographie

So enthält „Mr. Holmes“ damit auch weniger die Stringenz eines Kriminalstücks, lässt dafür aber die Dramatik des Altwerdens spüren, und beschert gleichzeitig der Klischeefigur des weltabgewandten Ermittlers durchaus menschliche Züge.

Ein brillanter Schachzug: Denn Sherlock Holmes, hätte er tatsächlich existiert, wäre sicher stolz auf diesen Film gewesen. Und, soviel darf verraten werden, auf sein Ende im Film.