Neue Bewegung im Fall Gurlitt Doch noch Rückgabe vermisster Bilder?

Von Dr. Stefan Lüddemann | 29.01.2014, 08:00 Uhr

Neue Bewegung im Fall Gurlitt: Cornelius Gurlitt hat erstmals angeboten, Bilder aus seinem Konvolut an Vorbesitzer zurückzugeben. Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) fordert mehr Geld für Provenienzforschung. Und immer mehr Museen fragen, ob sich in dem Münchener Bilderfund nicht auch Werke aus ihren ehemaligen Beständen befinden.

Inzwischen lassen einige Kunstmuseen ihre Verlustlisten mit dem Verzeichnis des Schwabinger Bilderfundes abgleichen. Dies bestätigte auf Anfrage Dr. Gerhard Finckh für das von ihm geleitete Wuppertaler Von-der-Heydt-Museum . Die Nationalsozialisten hatten bei ihren Raubzügen 1937 und 1938 den Angaben zufolge rund 500 als „entartet“ diffamierte Kunstwerke aus dem Museum entfernt, darunter Gemälde von Pablo Picasso, Marc Chagall, Otto Dix, George Grosz und weiteren Meistern der Moderne. „Die Rechtslage für eine eventuelle Rückgabe ist sicher schwierig“, sagte Finckh. Er sehe aber Chancen für jene Bilder, die zum Zeitpunkt der Raubzüge der Nazis nicht städtischen Museen, sondern privaten Vereinen gehört hätten. Dies sei in Wuppertal für einen Teil der Verluste der Fall. Die fraglichen Kunstwerke gehörten dem Barmer Museumsverein.

„Ein Gespräch mit Cornelius Gurlitt wäre sicher das Einfachste“, sagte Finckh weiter. Die Aussicht auf den direkten Kontakt mit dem Mann, in dessen Schwabinger Wohnung Fahnder im Februar und März 2012 rund 1400 Kunstwerke sichergestellt hatten, könnte jetzt konkret werden. Gurlitt hat jetzt erstmals angeboten, Bilder aus seinem Besitz zurückzugeben. „Er ist gewillt, sich die Raubkunst-Klagen genau anzuschauen und faire und gerechte Lösungen auszuhandeln“, sagte der Münchner Rechtsanwalt Hannes Hartung am Dienstag. Das Magazin „Der Spiegel“ hatte Gurlitt im November mit den Worten zitiert: „Freiwillig gebe ich nichts zurück.“

Insgesamt sollen nach bisherigem Kenntnisstand 458 Werke, also rund ein Drittel des Konvoluts, unter Raubkunstverdacht stehen. Die Herkunft der Werke wird derzeit von einer eigens zusammengestellten Taskforce untersucht. Kulturstaatsministerin Grütters hat in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung angekündigt, die Mittel für Provenienzforschung verdoppeln zu wollen. Vermehrte Anstrengungen der Museen bei der Erforschung ihrer Bestände auf mögliche NS-Raubkunst forderte auch der Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, Dr. Hartwig Fischer. Die Häuser bräuchten mehr Fachleute für diese Arbeit.

„Wenn wir Diebesgut im Haus haben sollten, geben wir es selbstverständlich zurück“, sagte der Wuppertaler Museumschef Finckh zu diesem Thema. So gibt das Wuppertaler Museum gerade das Altmeisterbild „Dame am Fenster“ (1666) von Caspar Netscher an jüdische Erben zurück. Allerdings verlangen auch weitere Museumsleute Nachforschungen nach den Verlusten, die ihre Häuser im Dritten Reich erlitten haben. Die Mannheimer Kunsthalle fordert jetzt ein Werk des Expressionisten Ernst-Ludwig Kirchner aus dem Gurlitt-Bestand zurück.

„Wir warten zunächst die Ergebnisse der Taskforce ab“, sagte auf Anfrage Dr. Tobia Bezzola, Direktor des Essener Museum Folkwang, das durch die Raubzüge der Nazis allein rund 1400 Werke verloren hat. Abwartend äußerte sich auch Dr. Dorothee Hansen, stellvertretende Direktorin der Kunsthalle Bremen. Wie ihr Kollege Finckh in Wuppertal hält auch Dorothee Hansen eventuelle Rückgabeforderungen für vielversprechend, da die Kunsthalle vom Kunstverein getragen und insofern ein privates Museum sei.

Viele Raubkunstverluste werden sich aber nie kompensieren lassen, wie etwa das Bild „Weidende Pferde IV, 1911“ von Franz Marc, das einst dem Folkwang gehörte und sich heute, nach dem Verkauf durch die Nazis, im Busch-Reisinger-Museum in Harvard befindet. „Ich habe mich damit abgefunden, dass sich durch historische Ereignisse große Umschichtungen ergeben haben“, so Bezzola. Auch Dorothee Hansen ist der Meinung, dass Beschlagnahmungen aus der Aktion „Entartete Kunst“ unter Museen nicht mehr „rückabgewickelt“ werden können. Es werde „keine Lawine von Rückforderungen“ geben, so Bezzola. (Mit dpa)