Nach dem Schlaganfall Wolfgang Niedecken: „Ich wusste, alles wird gut“

Von Christoph Assies | 26.07.2014, 06:48 Uhr

Fast 40 Jahre steht Wolfgang Niedecken mit „BAP“ schon auf der Bühne. Ein Schlaganfall war für den Kölner ein schwerer Schicksalsschlag, aber er war von Anfang an sicher, „dass alles wieder gut wird“. In seinem Buch „Zugabe“ hat er das Erlebte niedergeschrieben, mit der Musik auf seinem Solo-Album „Zosamme alt“ verarbeitet und zugleich auch seiner Frau Tina gedankt. Derzeit ist die Band um den 63-Jährigen auf ihrer „BAP zieht den Stecker“-Tour durch Deutschland. Im Gespräch blickt Niedecken auf die nächsten Projekte der Band und spricht über sein Engagement für ehemalige Kindersoldaten in Afrika.

Herr Niedecken, in vielen Gesprächen werden Sie schnell auf Ihren Schlaganfall angesprochen. Wie war es für Sie, eine Zeit lang „nur“ mit der gesundheitlichen Verfassung im Gespräch zu sein?

Das Ganze war und ist für mich in Ordnung, denn ich will ja nicht kneifen. Ich denke, es ist die einzige Möglichkeit, damit umzugehen, indem man nicht abblockt, sondern die Fragen beantwortet. Dann kann man auch irgendwann selbst bestimmen und sagen „Es ist nun gut gewesen, jetzt haben wir alle Fragen beantwortet. Schlaganfall, Herzinfarkt und andere, vermeintlich, altersbedingte Krankheiten passen halt einfach nicht zum Image eines Rock’n’Rollers. Aber wenn man dann anfängt abzublocken, fängt man an, sich zu verkrampfen. Ich habe keine Lust, mich zu verkrampfen. Warum?

Haben Sie diesen harten Einschnitt in Ihrem Leben für sich selbst schon komplett verarbeitet?

Ja, auch deswegen, weil ich so offensiv damit umgegangen bin. Ich passe mittlerweile auf, dass ich nicht zu sehr mit dem Thema verbunden werde. Es gibt beispielsweise auch viele Kongresse zum Thema Schlaganfall, wo ich eingeladen werde, aber absagen muss, denn irgendwann wird man dann doch nur noch auf das Thema festgelegt. Das ist wie mit der Musik. Wenn ich da nicht aufpasse, wird BAP nach all den Jahren noch zum „One-Hit-Wonder“.

Wie haben Sie sich im Genesungsprozess für sich selbst Kraft geholt? Hilft da die Leidenschaft für die Musik?

Auf jeden Fall. Aber ich war völlig sicher, dass alles wieder gut wird. Woher ich diese Zuversicht damals genommen habe, ist mir bis heute schleierhaft. Ich bin eigentlich gar kein besonders zuversichtlicher Mensch. Aber ich habe meine Reha in allen Bereichen gut absolviert, und eigentlich ist nun alles perfekt. Ich lebe jetzt noch gesünder als vorher, treibe täglich Sport, ernähre mich schon seit vielen Jahren vegetarisch, rauche nicht, trinke keinen Alkohol und habe keinen Bluthochdruck. Eigentlich bin ich auch gar nicht in der Risikogruppe. Mein Schlaganfall ist durch einen starken Husten entstanden, nicht durch ausschweifende Lebensweise. Nachdem ich eine Woche nur durchgehustet hatte, hat sich ein kleines Gerinnsel beziehungsweise eine Wunde in der Halsschlagader gebildet.

Im Buch gehen Sie auch auf Ihren Glauben ein. Ihr Gottvertrauen habe zugenommen.

Ich finde, mit Religion wird viel Schindluder getrieben. Denken Sie nur an die religiös motivierten Kriege auf der ganzen Welt. Dabei ist Religion etwas, woran sich die Menschen aufrichten sollen, was Trost bringen soll und barmherzig sein soll. Ich bin Anfang der Achtziger aus der Kirche ausgetreten, aber ich könnte mir vorstellen, dass ich Mitglied geblieben wäre, wenn wir damals schon Papst Franziskus gehabt hätten.

Glauben Sie an Schicksal?

Glaube und Schicksal haben einiges miteinander zu tun. Ich habe schon so viele Sachen erlebt, bei denen ich staune, dass ich da durchgekommen bin.

Hat der Schlaganfall den Blick auf das Leben für Sie verändert?

Na ja, vorher habe ich geahnt, dass alles vergänglich ist, jetzt weiß ich es.

Ihr Solo-Album heißt „Zosamme alt“. Der Titelsong ist ruhig und ein wenig melancholisch. Ist auch Wolfgang Niedecken ruhiger geworden?

Kann ich so nicht sagen. Das geht ja nun nicht von heute auf morgen, das ist schon eine Entwicklung. Auch alles rund um BAP kam immer aus einer Entwicklung heraus. Dieses Album habe ich nach meinem Schlaganfall aufgenommen, weil ich mich bei meinem Schutzengel bedanken wollte. Mit BAP hätte ich dieses Album niemals aufgenommen. Aber die Gelegenheit war günstig, und als ich der Band das Album zum ersten Mal vorgespielt habe, fanden es alle großartig. In dem Zusammenhang entstand dann auch der Entschluss, diese Unplugged-Tour zu wagen.

Das Album ist eine musikalische Liebeserklärung an Ihre Frau Tina.

Das war vor allem ein Dankeschön an meine Frau Tina. Wenn sie nicht so gut reagiert hätte, als es passiert war, dann würden wir beide wahrscheinlich heute jetzt nicht miteinander sprechen. Wenn ich es überlebt hätte, wäre ich wahrscheinlich im Rollstuhl geendet. Sie hat alles richtig gemacht bei dem Schlaganfall, und auch in allen anderen Belangen passt sie ziemlich gut auf mich auf (lacht). Ich habe Stücke aus unserem Repertoire ausgewählt, die ich für sie geschrieben habe. Das hätte auch ein Doppelalbum werden können. Es gibt auch Stücke, die Berg-und-Tal-Fahrten beschreiben, denn natürlich hatten wir auch unsere Krisen. Wenn man sich seit 25 Jahren kennt, dann bleiben die nicht aus. Das gehört zum Leben dazu, aber wir haben alles gemeinsam durchgestanden.

Wie geht es jetzt weiter? Das neue Album und die Biografie sind erste Schritte für einen Neuanfang. Was sind Ihre nächsten Projekte?

Wir sind jetzt seit Anfang März mit BAP auf der „Zieht den Stecker“-Tour, und es macht einen Riesenspaß. Wir waren zwei Monate ununterbrochen auf der Bühne, und das geht dann schon an die Substanz. Jetzt im Sommer spielen wir fast nur an den Wochenenden. Die Tour endet dann am 1. September in Bochum. Am 29. August erscheint unser neues Live-Album „Das Märchen vom gezogenen Stecker“. Diese CD haben wir in der Philharmonie in Köln aufgenommen, vorher sind dazu noch ein paar Arbeiten, wie beispielsweise die Gestaltung des Booklets, zu erledigen.

Sie haben eine führende Rolle bei einer Anti-Rassismus-Kampagne übernommen und sind Sonderbotschafter der Hilfsaktion „Gemeinsam für Afrika“, die sich für bessere Lebensverhältnisse in Afrika einsetzt. Wie wichtig ist für Sie Engagement in der Gesellschaft?

Ich finde, jeder sollte sich im Rahmen seiner Möglichkeiten gesellschaftlich engagieren. Ohne das Ehrenamt würde beispielsweise einiges zusammenbrechen. Ich habe Anfang der 90er-Jahre den Song „Arsch huh, Zäng ussenander“ geschrieben, war aber nur einer von all den Kölner Musikern, die daran mitgearbeitet haben, allerdings der überregional bekannteste. Deswegen sieht es immer so aus, als hätte ich da eine führende Rolle. Aber ich bin da nur wie gesagt einer von vielen. Hauptsächlich engagiere ich mich für das Projekt „Rebound“ . Dort kümmern wir uns in Nord-Uganda und im Ost-Kongo um ehemalige Kindersoldaten, denen wir helfen wollen, zurück in ein normales Leben zu finden. Die Kinder mussten im jungen Alter furchtbare Sachen tun und furchtbares Leid ertragen. Da ist es nicht so einfach, zurück in die Gesellschaft zu kommen.

Am Pfingstmontag haben Sie gemeinsam mit Peter Maffay und Udo Lindenberg zum zehnten Jahrestag des Nagelbomben-Attentats in der Kölner Keupstraße gespielt. Was kann Ihre Musik tun, um die Leute für das Thema zu erreichen?

Musik baut Brücken. Man kann mit Musik Menschen zusammenbringen. Gerade bei dieser musikalischen Kundgebung sind Leute zusammengebracht worden. Ich finde, man muss auch in der Lage sein, zusammen zu feiern und Kraft zu tanken, um gegen Rechtsextremismus zu bestehen. Das macht man ja nicht mal gerade so aus der Hüfte. Da ist Musik sehr wichtig, denn Musik ist pure Emotion. Ich würde mich nie auf die Bühne stellen und Parolen verbreiten, das wäre mir peinlich. Die Leute aber mit Musik zusammenzutrommeln und mit ihnen zu feiern scheint mir da sinnvoller und vor allem nachhaltiger zu sein.

Kommen wir zurück zu Wolfgang Niedecken, dem BAP-Frontmann: Sie haben 1976 mit „Helfe kann dir keiner“ Ihren ersten kölschen Songtext geschrieben. Seitdem sind Sie genauso mit Köln verbunden wie beispielsweise Willy Millowitsch. BAP bleibt kölsch, oder können Sie sich Experimente mit englischen Texten vorstellen?

(Lacht.) Nein, daran ist die Band schon fast einmal zerbrochen. Es gab eine Fraktion in der Band, die das von mir verlangt hat. Ich habe mich damals geweigert, und ich würde das auch heute noch tun. Ich kann mir vorstellen, je nach Gelegenheit auch mal einen englischen Song zu singen, aber BAP wird definitiv kölsch bleiben. Wir wären ja bescheuert, auf unser wesentliches Unterscheidungsmerkmal zu verzichten.

In Ihren Liedern beschreiben Sie oft die Umgebung, in der Sie aufgewachsen sind: Köln. Wie wichtig ist Heimat für Sie?

Heimat kann ja vieles sein. Ein gutes Kunstwerk, eine Sprache, ein bestimmtes Musikstück, Menschen, mit denen man sehr vertraut ist, und eben auch eine Stadt. In Köln zentriert sich das für mich. Mein Lieblingsbegriff in Bezug auf Heimat ist für mich „Heimathafen“. Ich bin froh, diesen Heimathafen zu haben, von wo aus ich aufbrechen kann und wohin ich auch gerne wieder zurückkomme. Ich könnte mir aber nicht vorstellen, in Köln fest vertäut zu sein.

Abseits von Terminen, Auftritten und Ihrem Engagement für verschiedene gesellschaftliche und politische Projekte: Wo und wie schalten Sie ab, wie und wo finden Sie Ihren Ausgleich?

Gott sei Dank haben wir Hunde, mit denen man ab und zu mal rausmuss (lacht). Ich habe aber auch wunderbar während der Fußball-WM abgeschaltet und viel Zeit vor dem Fernseher verbracht. Das war ein echtes Vergnügen.

Sie wirken fit und sind gut drauf. Wie lange sehen wir Sie noch auf der Bühne?

Zeitlich würde ich das nicht eingrenzen. Solange es mir Spaß macht und solange ich es kann. Es ist einfach das Sahnehäubchen auf unserer Arbeit. Wir sind jetzt bereits in den Überlegungen für unsere 40-Jahre-BAP-Jubiläumstour im Jahr 2016. Vermutlich werden wir dann mal wieder eine Tournee mit den großen Hits aus vier Jahrzehnten spielen. So was erlauben wir uns auch nur alle zehn Jahre, denn sonst würde sich die Band nicht mehr weiterentwickeln, und das wär dann das Ende.

Niedeckens BAP zieht den Stecker“, Open-Air-Konzert am 16.8. um 20 Uhr auf der Sparkassen-Bühne auf dem Gelände der Landesgartenschau an der Alten Werft in Papenburg. Karten sind ab 47,90 Euro unter www.landesgartenschau-papenburg.de erhältlich.