Mythen, Märchen, Symbole: Kulturgeschichte des Wolfs Der Wolf: Spiegelbild aggressiver Antriebe des Menschen?

Von Dr. Stefan Lüddemann | 14.03.2015, 11:00 Uhr

Der Wolf fasziniert und ängstigt zugleich. Um ihn ranken sich düstere Mythen. Woran liegt das? Der Wolf symbolisiert eine Wildheit, die sich nicht domestizieren lässt.

Jeanne Boulet ist das erste Opfer. Sie wird nur 14 Jahre alt. Als Dorfbewohner sie finden, ist ihr Körper von tiefen Wunden furchtbar entstellt. Der entsetzlich zugerichtete Leichnam des Mädchens weist Verletzungen auf, die niemand einem Menschen zutrauen mag. Schnell macht in der einsamen Gegend tief in der französischen Auvergne das Wort das Wort von der „Bestie vom Gévaudan“ die Runde. Nach dem 30. Juni 1764, dem Tag, an dem Jeanne Boulet tot aufgefunden wird, kommen bis 1767 noch 101 weitere Ermordete, meist Frauen und Kinder, hinzu. Während ein Bischof die Todesfälle als göttliche Heimsuchung erklärt, rücken königliche Dragoner aus – und Wolfsjäger. Denn die Bestie kann nur ein Wolf sein. Oder doch nicht?

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Die Morde, die Frankreich erschüttern, verbreiten nicht nur in Dörfern und Weilern der Auvergne Angst und Schrecken, sie bringen auch einen wirren Wust an Verschwörungstheorien und Geistergeschichten hervor – und das mitten im Zeitalter der lichten Aufklärung. Heute würden Kriminalbeamte, Spurensicherer und Profiler ihre Ermittlungen aufnehmen, um einen Serienkiller unschädlich zu machen. Damals kann es nur der Wolf sein, der seinen wehrlosen Opfern Köpfe abreißt oder die Bäuche aufschlitzt. Das Tier als irrer Ripper? In Jagdkampagnen werden jedenfalls Wölfe in Serie erlegt.

Heute lebt die „Bestie vom Gévaudan“ als Legende fort, eine Legende, die von jenem Angstreflex erzählt, den der Wolf beim Menschen zuverlässig über alle Zeiten hinweg auslöst. Wir Menschen halten die Furcht vor dem Rudelräuber für ein pures Gefühl. Dabei verbirgt sich hinter der instinktiven Abwehr eine lange Lerngeschichte. Sie reicht von den Mythen der Germanen bis zum Hollywood-Kino, vom gewaltigen Fenriswolf, der die Welt verschlingt, bis zu Kevin Costners „Der mit dem Wolf tanzt“. Der Mensch und der Wolf: Diese gefährlich intensive Beziehung wird von einem bildgewaltigen Kopfkino auf konstant hoher Betriebstemperatur gehalten.

Wie geht das Zusammenleben von Mensch und Wolf weiter? Wir müssen uns an den Wolf gewöhnen, meint Osnabrücks Zoodirektor Michael Boer. Lesen Sie hier das Interview.

Dabei liefert die Mordserie aus dem Frankreich des 18. Jahrhunderts ein instruktives Beispiel für das ebenso irritierende wie faszinierende Bild, das der Wolf für den Menschen abgibt. Ausgerechnet in einer Zeit, in der „Canis lupus“, so die zoologische Fachbezeichnung, in vielen Gegenden Europas stark bedrängt oder gar schon ausgerottet wird, schießt eine weitere von unzähligen Wolfssagas als wilde Mordgeschichte ins Kraut. Der Wolf ist in der Tat ein heikles Tier, weil er den Menschen an die stets gefährdete Grenze zwischen Zivilisation und Natur erinnert – auch in der Form der fragilen Balance zwischen Vernunft und Trieb, die der Mensch in sich selbst zu wahren hat, will er sozial verträglich leben.

Natürlich hat auch der Wolf seine soziale Seite. Die Tiere leben in Rudeln, sie organisieren ihr Zusammenleben, umsorgen den Nachwuchs, sichern ihr Überleben in arbeitsteiliger Jagd. Romulus und Remus, die Gründer Roms, unter der nährenden Wölfin: Diese antike Bildsäule gehört zum Grundbestand europäischer Kulturgeschichte. Das Bild vom Wolf als gierigem Räuber, als Inbegriff von Wildheit und Gesetzlosigkeit hat sie aber nicht korrigieren können. In der germanischen Mythologie begleiten zwei Wölfe den Kriegsgott Odin. Noch im Dritten Reich firmierten U-Boot-Verbände als „Wolfsrudel“, zog sich Adolf Hitler in sein Hauptquartier „Wolfsschanze“ zurück, sollten als „Werwölfe“ martialisch bezeichnete Partisanen das verlorene Kriegsglück noch herbeizwingen. Der Wolf, das meint Krieg, Raserei, Wut und Blutrausch – bis heute.

Der Wolf ist im Emsland angekommen. Erfahren Sie hier alles Wissenswerte zum Video vom Wolf. Das Video gibt es hier natürlich auch.

Dabei gelten negative Gefühle des Menschen auch anderen Tieren, etwa Schlangen, Spinnen oder dem Hai. Aber der Wolf bietet sich dem Menschen, im Unterschied zu den eben genannten Tierarten, als Wesen von verstörender Verwandtschaft an. Im Werwolf erscheint ein Zwitterwesen aus Mensch und Wolf. Für unheilvolle Perioden verwandelt sich ein Mann in den Werwolf, der raubt, mordet, vergewaltigt. In der Fratze des Mischwesens mit den gefletschten Zähnen bündeln sich alle aggressiven Antriebe des Menschen selbst. Im Zuge der Hexenprozesse werden Männer als angebliche Werwölfe hingerichtet. Als literarische Gestalt geistert der Werwolf putzmunter sogar noch durch die Popkultur - von Joanne K. Rowlings „Harry Potter und der Gefangene von Askaban“ bis hin zu Stephenie Meyers „Twilight“-Saga.

Das Bild des Wolfs appelliert an all jene Antriebe im Menschen, die mit seiner Kulturleistung alle zivilisatorischen Einhegungen infrage stellen. Das Image des Räubers kippt, wie bezeichnend, als der Mensch sesshaft wird. Frühe Kulturen und Naturvölker verehrten in dem Wolf noch Kraft und Tapferkeit. Erst als der Mensch zu Ackerbau und Viehzucht übergeht, sein Leben in Siedlungsstrukturen organisiert und zu verregeln beginnt,wird aus dem Idol des aufrechten Wolfes das Zerrbild des Monsters.

Der Wolf symbolisiert die Sphäre jenseits der Gesittung. Kein Wunder also, dass Hermann Hesse seine Romanfigur Harry Haller, einen ungebundenen Außenseiter, als „Steppenwolf“ bezeichnet. „Die eine Hälfte will fressen, saufen, morden und dergleichen einfache Dinge, die andere will denken, Mozart hören und so weiter, dadurch entstehen Störungen, und es geht dem Mann nicht gut“, beschreibt Hesse in einem Brief den gespaltenen Charakter seiner Romanfigur. In Kevin Costners Film „Der mit dem Wolf tanzt“ zieht der Protagonist John Dunbar an die Grenze der damaligen amerikanischen Zivilisation, um sich ihr dort im immer vertrauteren Umgang mit den Indianern gründlich zu entfremden. John Dunbars liebster Gefährte ist, richtig, ein Wolf, das Symbol für einen Grenzübertritt ohne Widerkehr.

Im Hollywood-Blockbuster fasziniert Costners Wolfssaga als ewiger Ruf jener Ungebundenheit und Freiheit, die auch in „Wolfsblut“ und „Ruf der Wildnis“, zwei Romantiteln von Jack London, wie eine Verheißung nachhallt. Doch der Wolf hat den Schaden von so viel Fantasie, vor allem von der Angst des Menschen vor seiner eigenen gefährlichen, auf das wilde Tier projizierten Wesensseite. Denn das Tier kommt aus dem Gehege der Symbole und Bilder, aus dem Bann der Mythen und Sagen wohl niemals mehr heraus. Er wird auf ewig das Sinnbild gefährlicher Verlockungen bleiben – als Tier, das „gar sehr gefräßig, grausam, arglistig“ sein soll, wie es 1758 im „Grossen vollständigen Universal-Lexikon“ heißt.

Die Schauergeschichte von der „Bestie vom Gévaudan“, die nur wenige Jahre nach diesem Lexikoneintrag ihren fatalen Anfang nimmt, kostet jedenfalls viele Wölfe das Leben. Die Leute aus der Auvergne raunen sogar von einem Mischwesen aus Wolf und Hund, das ein Außenseiter der Dorfgemeinschaften frevlerisch gezüchtet haben soll. Ein besonders großer und starker Wolf, den die Jäger erlegen, wird prompt mit diesem Scheusal identifiziert. Wissenschaftler sezieren das Tier, senden eine abgeschnittene Pfote als Beleg endlich erlangten Jagderfolges nach Paris. Die Morde gehen dennoch weiter. Und sie bleiben bis heute unaufgeklärt.