Museum für Kunst und Gewerbe Japanische Popkultur seit 1680 in Hamburg

14.06.2016, 13:59 Uhr

Von den Farbholzschnitten des 17. Jahrhunderts bis hin zu Manga, Anime und Cosplay: Die Ausstellung „Hokusai x Manga. Japanische Popkultur seit 1680“ im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe untersucht die japanische Populärkultur aus fünf Jahrhunderten.

Angefangen hat alles in der Geisterstunde. Im alten Japan war es üblich, sich in der stockdunklen Zeit zwischen ein und drei Uhr nachts unheimliche Geschichten zu erzählen, um so die Geister und Dämonen, die man für das Auftreten von Naturkatastrophen wie Erdbeben, Vulkanausbrüchen und Flutwellen verantwortlich machte, zu bannen. In der sogenannten „Stunde des Ochsen“ saß man in größerer Runde zusammen, um mit magischen Ritualen und okkulten Praktiken in die ebenso obskure wie faszinierende Grauzone zwischen realer Welt und Geisterwelt vorzudringen.

Aus dieser mündlichen Tradition heraus entwickelte sich im späten 17. Jahrhundert der Trend zur massenmedialen Visualisierung dieser Geschichten. Und wenn man so will, liegen hier auch die Wurzeln für die seit Ende der 1980er Jahre auch im Westen überaus populäre Bildsprache von Manga und Anime, so lautet die japanische Bezeichnung für Animationsfilme.

Entstehung einer Populärkultur

Das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe (MKG) befasst sich jetzt in der umfangreichen Ausstellung „Hokusai x Manga. Japanische Popkultur seit 1680“ mit der Entstehung einer bildhaften, schnell konsumierbaren und in hohen Auflagen verbreiteten Populärkultur. Über 200 historische Holzschnitte, Holzschnittbücher, Entwurfszeichnungen, Druckstöcke und Tusche-Zeichnungen sind jetzt ausgestellt. Den Bogen in die Gegenwart spannt die Ausstellung mit einer Vielzahl von Manga-Büchern und Originalzeichnungen. Ebenso zu sehen sind aber auch Anime, Ausschnitte aus Videospielen, sogenannte Cosplay-Kostüme und jede Menge Merchandise-Artikel in Form von Manga-Figuren, Kaffeetassen, Geschirr oder Kinderspielzeug. Die historische Grundlage der Ausstellung bildet die umfangreiche, auch international einmalige Sammlung des MKG von Farbholzschnitten und Holzschnittbüchern so bedeutender Künstler wie Utagawa Kuniyoshi (1797-1861) und Katsushika Hokusai (1760-1849).

Start mit dem Jahr 1680

Nora von Achenbach, die die Schau gemeinsam mit Simon Klingler kuratiert hat, betont: „Das Jahr 1680 ist nicht willkürlich gewählt. In diesem Jahr nämlich entstand der Holzschnitt als eigenständiges Bildmedium.“ Ein entscheidender Faktor für seine schnelle Ausbreitung war die Tatsache, dass die städtische Vergnügungskultur im damaligen Edo, das erst 1868 in Tokio umbenannt wurde, bereits stark ausgeprägt war.

Um 1800 hatte Edo rund eine Million Einwohner und war damit die größte Stadt der Welt. Noch einmal Nora von Achenbach: „Die Großstadt war der Nährboden für das, was wir heute als Populärkultur bezeichnen.“ Findige Verleger erkannten das Bedürfnis des Publikums nach Geschichten über Geister und Helden, Samurai-Kämpfer und Kurtisanen.

Vorläufer der Comic-Kultur

Die Hamburger Schau kann, was die historischen Vorläufer der Comic-Kultur betrifft, aus dem Vollen schöpfen: So wird gleich im Eingangsbereich Hishikawa Moronobus in Bildsequenzen erzählte Geschichte über den Dämon Shuten Doji präsentiert. Entstanden um 1680 ist das eine der ersten in einem Druckmedium erschienenen Bildergeschichten der Welt.

Aber auch die kritische Würdigung der Gegenwart kommt nicht zu kurz: Ein ganzer Raum ist etwa der sogenannten kawai-Ästhetik gewidmet. Eigentlich für Minderjährige entwickelte Produktlinien wie Pokémon, Hello Kitty oder die Roboterkatze Doraemon bedienen sich eines verniedlichenden Kindchenschemas und sind erstaunlicherweise auch bei Erwachsenen extrem beliebt.

Radikale Realitätsflucht

Ein anderes, ebenfalls mit der Tendenz zur radikalen Realitätsflucht einhergehendes Phänomen ist das in der Ausstellung anhand von Ganzkörperkostümen vorgestellte Cosplay. Menschen aller Altersgruppen schlüpfen in aufwendige Maskeraden, die stark von der Manga-Ästhetik inspiriert sind, und entfliehen so ihrem Alltag in der Realwelt. Ein eher zweifelhaftes Freizeitvergnügen.

Manga, Anime und Cosplay werden in dieser, einer historischen Tiefenbohrung gleichkommenden Schau in eine mehrere Jahrhunderte umfassende Traditionslinie gestellt. Für Nora von Achenbach ist das nicht weiter verwunderlich: „Was damals und heute verbindet, ist das Bedürfnis der Menschen nach einer Parallelwelt zu der Welt, in der wir leben.“