Mülheim: Kommentar Der Zuschauer als Visionär

Von Christine Adam | 22.02.2017, 18:57 Uhr

Wenn wie beim Wettbewerb um den Mülheimer Dramatikerpreis so viele Beiträge um einen ähnlichen Themenkomplex kreisen, wird der Zuschauer im besten Fall selbst zum Visionär – ein Kommentar.

Das Theater thematisiert wieder sehr aktuell, was es in unserer Gesellschaft vorfindet: Wut, Ohnmacht und Wut über diese Ohnmacht angesichts von Gewalt, Terror und Demagogie wie bei Elfriede Jelinek . Gelangweilten Hedonismus kurz vor dem Weltuntergang wie bei Ersan Mondtag. Eine geschichtliche Endlosschleife von Krieg, Sadismus und Migration nicht nur bei Milo Rau, sondern bei gleich mehreren Autoren, deren neue Stücke jetzt zum Wettbewerb um den Mülheimer Theaterpreis eingeladen wurden.

Wenn wie bei diesem Festival so viele Beiträge um einen ähnlichen Themenkomplex kreisen, wird der Zuschauer im besten Fall selbst zum Visionär. Der sich fragt: Wie geht es weiter mit einer Gesellschaft, die Halt und Orientierung verloren hat und an jahrzehntelangem Konsum ermattet ist? Führt die emotionale Empörung über vieles auch mal wieder zu verantwortungsvollem politischen Engagement von Bürgern?

Das Theater, so scheint es, führt in kritischer Absicht die Gewaltexzesse in vielen Spielarten vor Augen. Vielleicht frei nach dem Hölderlin-Motto: Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.