„Moby Dick“ heute „Leviathan“ – die Fischerei-Doku ist ein Meisterwerk

Von Daniel Benedict | 10.09.2016, 02:14 Uhr

In der Fischerei-Doku „Leviathan“ (2012) durchbrechen die Filmemacher Lucien Castaing-Taylor and Véréna Paravel die Hierarachie zwischen Mensch und Natur.

Dokumentarfilme über den Wirtschaftsfaktor Tier kennzeichnet ein hoher Grad an Abstraktion: Es geht um Milchmengen und Seuchenschutz, um die Pflege der Fischbestände oder Tierschutz. In all dem drückt sich die menschliche Perspektive aus. (TV-Hund als Erlöserfigur: Boomer, der Streuner) 

„Leviathan“ macht den Menschen zum Umweltphänomen

Die Fischerei-Doku „Leviathan“ (2012) von Lucien Castaing-Taylor und Véréna Paravel hebt diese Hierarchie von Mensch und Natur auf. Ein Oben und Unten gibt es nicht mehr, und das ist wörtlich zu nehmen. Die Bilder stammen nämlich aus unzähligen Mini-Kameras, mit denen die Filmemacher die Ankerkette, Reling und den Maschinenraum eines Fischtrawlers ausgestattet haben, die Helme der Arbeiter, die Netze, Bug und Heck. (Mehr Filmtiere: Darum ist Stephen Kings „Cujo“ so furchteinflößend) 

Die „Leviathan“-Montage macht das Meisterwerk

In seiner unkommentierten Montage stellt das Meisterwerk dann alle Perspektiven gleichberechtigt nebeneinander: Gerade noch werden wir mit dem sterbenden Fisch in den Himmel gerissen, dann stürzen wir mit den Möwen in Blut und Gischt. Mal ist der Trawler Arbeitsplatz, mal Futterquelle, mal Fressfeind. Binnen Minuten stürzt alle Selbstgewissheit in sich zusammen: Der Mensch wird dabei zum bloßen Umweltphänomen und sein Eingreifen in die Natur erscheint so wild und chaotisch wie die Natur selbst. Gedreht wurde vor der Hafenstadt New Bedford, wo auch Melvilles „Moby Dick“ beginnt. In seiner elementaren Gewalt muss der Überwältigungsfilm „Leviathan“ den großen Vergleich nicht scheuen.

Hier geht‘s zum Trailer von „Leviathan“ (2012), hier zu einem Filmausschnitt.